Ärzte Zeitung, 07.09.2009

Künftig werden Prämien geprüft

Clearingstellen sollen eingerichtet werden / Ulla Schmidt: "Das reicht nicht!"  

BERLIN (ble/vdb). Bundesärztekammer (BÄK), KBV und Krankenhausgesellschaft (DKG) wollen mit der Einrichtung von Clearingstellen gegen illegale Zuweiserprämien von Kliniken an Ärzte vorgehen. Der Bundesgesundheitsministerin reicht das nicht.

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Foto: Reinhold Föger ©www.fotolia.de

Vertragspartner sollen ihre Vereinbarungen dort auf Rechtmäßigkeit überprüfen lassen können, sagte BÄK-Vize, Dr. Frank Ulrich Montgomery, nach einem Spitzentreffen der Organisationen in Berlin.

Bei den Zahlungen von Kliniken an Ärzte handele es sich nicht um ein Massenphänomen, sondern um Einzelfälle, betonte Montgomery. Er sei es leid, immer mit vom Hörensagen bekannten Fällen konfrontiert zu werden, ohne "Ross und Reiter" genannt zu bekommen. Der Chef der DKG, Dr. Rudolf Kösters, sprach "von einer verschwindenden Minderheit" von Leistungserbringern, die sich unrechtmäßig verhielten. Der Vorsitzende der KBV, Dr. Andreas Köhler, drohte Vertragsärzten mit Disziplinarmaßnahmen bis hin zum Entzug der Kassenzulassung.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt forderte am Wochenende, dass jedes Krankenhaus in einer Region erklären müsse, sich an derartigen Praktiken nicht zu beteiligen. Clearingstellen einzurichten reichten nicht aus.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unions-Fraktion, Annette Widmann-Mauz, kündigte indes ein Patientenschutzgesetz an, in dem alle vertraglichen Vereinbarungen zwischen Ärzten und Kliniken sowie mit anderen Leistungserbringern offengelegt werden sollen.

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[07.09.2009, 17:07:47]
Dr. M. Yousri Abdel-Aziz 
Vertraglichen Vereinbarungen zwischen Ärzten und Kliniken
Bedauerlicherweise ist die Berichterstattung über "illegale" Vereinbarungen zwischen Krankenhäuser und niedergelassenen Ärzte tendenziell falsch und irreführend; hinter einem Fünkchen Wahrheit verbirgt sich eine Hetze sondergleichen, die keineswegs gerechtfertigt und deshalb außerordentlich ärgerlich ist.

Fakt ist, daß die Krankenhäuser eine DRG für die Behandlung einer Krankheit erhalten. Diese DRG beinhaltet alle zur Behandlung der Krankheit erforderlichen Untersuchungen, sowohl vor der stationären Aufnahme, als auch während des stationären Aufenthaltes, als auch für mindestens 14 Tage nach dem stationären Aufenthalt.

Am Beispiel einer Schilddrüsenoperation soll dies verdeutlicht werden:

Vor einer Schilddrüsenoperation erfolgen regelmäßig die Bestimmung der Laborwerte, manchmal ein EKG oder eine Lungenaufnahme, sowie eine Spiegeluntersuchung des Kehlkopfes evtl. auch ein Kontrastmittelbreischluck der Speiseröhre. Während des stationären Aufenthaltes erfolgt die Operation, die Entlassung des Patienten erfolgt zwei bis drei Tage später. Nach dem stationären Aufenthalt erfolgt am 7. Tag die Entfernung der Fäden.

Das Krankenhaus erhält eine DRG, die sämtliche Kosten dieser drei Phasen abdeckt: vorstationär, stationär und nachstationär. Manche Krankenhäuser verlangen jedoch vom Patienten die Befunde mitzubringen; soll heißen der Hausarzt macht die vorstationäre Laboruntersuchung, der Röntgenarzt die vorstationäre Röntgenuntersuchung, der HNO Arzt die vorstationäre Spiegeluntersuchung des Kehlkopfes und irgend ein Arzt die Entfernung der Fäden. Doch zahlt das Krankenhaus auch die Kosten für diese "outgesourceten" Leistungen?

Wenige Krankenhäuser haben dies durch Verträge mit niedergelassenen Ärzten vereinbart, viele hingegen nicht. Selbstverständlich überweisen dann die niedergelassenen Ärzte Patienten zu Schilddrüsenoperation dann nur in jene Krankenhäuser, mit denen sie solche Vereinbarungen geschlossen haben. Solche Vereinbarungen sind erwünscht, sie vereinfachen für den Patienten die vorstationäre und die nachstationäre Phase; der Patient muß nicht zum Teil 50 km Anfahrt und viel Wartezeit in Krankenhäuser verbringen für Untersuchungen, die nahe des Heimatortes bequem und zuverlässig durchgeführt werden können. Diese Vereinbarungen sind legal und erwünscht.

Andere Krankenhäuser verweigern den niedergelassenen Ärzten solche Vereinbarungen, verlangen aber trotzdem vom niedergelassenen Arzt die Durchführung dieser vor- und nachstationären Behandlungen; mit anderen Worten die Krankenhäuser kassieren die volle DRG, lassen aber vorstationäre und nachstationäre Behandlungen von den niedergelassenen Ärzte durchführen. Diesen Krankenhäusern, müßte die DRG um die Kosten der vorstationären und der nachstationären Phase gekürzt werden und den niedergelassenen Ärzten, die diese Arbeit tatsächlich verrichten zugeführt werden; betrügerisch handelt das Krankenhaus, das bereits mit der DRG bezahlte Leistungen den niedergelassenen Ärzten aufbürdet, ohne dafür zu zahlen.

Bei näherer Betrachtung stellt sich also heraus, jene Krankenhäuser, die am lautesten jammern sind diejenige, die keine Vereinbarungen mit den niedergelassenen Ärzten haben, eine komplette DRG kassieren und nur einen Teil Ihrer Verpflichtungen gegenüber dem Patienten erbringen. In solche Krankenhäuser darf man seine Patienten nicht überweisen, denn man muß zweifeln, ob in diesen Krankenhäusern alles mit rechten Dingen zugehen. Es müßten also jene Krankenhäuser überprüft werden, die keine Verträge mit den niedergelassenen Ärzte haben, nicht jene welche solche Verträge vereinbart haben.
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