Ärzte Zeitung, 05.10.2009

Ärzte werden von Kassen-Fusion profitieren

"Beide Kassen werden ihre jeweiligen Kompetenzen nutzen und ausbauen." So beschreibt Barmer-Vorstand Dr. Johannes Vöcking das weitere Vorgehen nach der Fusion. Barmer und Gmünder wollen als größte deutsche Krankenkasse in Deutschland ihr neue Marktmacht nicht ausspielen. Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" spricht Vöcking von der neu gewonnenen Gestaltungskraft. Davon sollen Ärzte und Patienten profitieren.

Ärzte werden von Kassen-Fusion profitieren

Qualität könnte Maßstab für die Vergütung ärztlicher Leistungen sein. Dr. Johannes Vöcking Vorstandschef der Barmer

Foto: Barmer

Ärzte Zeitung: Nach der Fusion mit der GEK ist die neue Barmer die größte Kasse in Deutschland: Jeder achte Patient in einer Arztpraxis wird künftig ein Barmer-Versicherter sein. Wie wollen Sie sich Ärzten gegenüber profilieren?

Dr. Johannes Vöcking: Die Fusion bietet Chancen sowohl für Ärzte als auch Patienten. Wir wollen vor allem unsere Gestaltungskraft - ich spreche dabei bewusst nicht von Marktmacht - entfalten. Die neue Politik ist darauf ausgerichtet, dass die Zahl der Selektivverträge zunehmen wird. Ärzte, die mit uns einen Vertrag abschließen, haben damit nicht nur einen großen Partner, sondern auch ein größeres Patienten-Klientel.

Ärzte Zeitung: Es gibt Ärzte, die sich gerade deshalb vor einer allzu großen Macht der Kassen fürchten. . .

Vöcking: Ich teile diese Befürchtungen nicht. Die Kritik der Ärzte richtet sich vielmehr gegen die Vielzahl einzelner Verträge etwa zur Integrierten Versorgung, die eine Menge Bürokratie ausgelöst haben. Größere Strukturen sind sinnvoller. Doch alles hat seine Grenzen: Wir lehnen selbstverständlich Monopole und Oligopole in jeder Form ab. Aber man braucht auch keine 170 oder 180 Kassen.

Ärzte Zeitung: Lassen Sie uns bei dem Thema Verträge bleiben: Die Barmer hat nicht eben gute Erfahrungen mit dem Add-on-Vertrag gemacht. Wie geht's aus Ihrer Sicht weiter mit dem Paragrafen 73 b? Entwickelt die Barmer/GEK eigenständige Modelle?

Vöcking: Zunächst bin ich auf die weitere politische Entwicklung im Zusammenhang mit der hausarztzentrierten Versorgung gespannt. Die FDP sagt, dass der verpflichtende Charakter zum Abschluss von Hausarztverträgen aus dem Paragrafen 73 b herausgestrichen werden soll. Das ist auch unsere Auffassung. Wir haben unsere Erfahrungen mit dem Hausarztvertrag gemacht und sagen: Im Prinzip ist der Weg richtig, aber bitte nicht ein Monopol durch ein anderes ersetzen. Wir waren auch mit den Inhalten unseres Vertrages nicht mehr zufrieden und wollten die Vertragsinhalte ändern. Das ist leider abgelehnt worden. Dennoch: Unsere Hand bleibt ausgestreckt. Ein solcher Vertrag muss von der Leistungsseite, von der Qualität und von der Wirtschaftlichkeit stimmen.

Ärzte Zeitung: Wie wird sich aus Ihrer Sicht das Verhältnis zum GKV-Spitzenverband entwickeln: Immerhin wird dort die gesamte Kollektivvertragspolitik gemacht. Strebt die Barmer hier mehr Eigenständigkeit an?

Vöcking: Wenn wir das Thema Selektivverträge diskutieren, gehört zwangsläufig auch der Bereich der stationären Versorgung dazu. Hier können wir uns vorstellen, dass zumindest Teile davon nicht mehr einheitlich verhandelt werden. Der Spitzenverband sollte sich in erster Linie auf seine koordinierende Rolle konzentrieren. Wir möchten schon eine größere Resonanz im GKV-Spitzenverband haben. Das heißt: Der Verband sollte mehr aus den Kassen heraus leben.

Ärzte Zeitung: Kommen wir zur Bundestagswahl: Der Wähler hat sich für Schwarz-Gelb entschieden. Was bedeutet das für die Gesundheitspolitik, etwa den Gesundheitsfonds?

Vöcking: Wir haben den Gesundheitsfonds nie kategorisch abgelehnt, sondern sehr differenziert betrachtet. Im Grunde genommen ist der Fonds nur ein erweiterter Finanzverteilungsmechanismus. Mit Blick auf die neue Regierungskonstellation sehen wir eine gewisse Gefahr darin, dass die Privatisierungstendenzen im Gesundheitssystem zunehmen könnten. Hier fordern wir: Festhalten an den Grundstrukturen und am morbiditätsorientierten Verteilungsmechanismus. Allerdings: Mit Blick auf den Risikostrukturausgleich kann man überlegen, ob Krankheiten, denen man durch Prävention vorbeugen kann, aus der Liste gestrichen werden sollten, um damit auch den Gedanken der Prävention zu fördern.

Ärzte Zeitung: Und wie sieht's mit dem Zusatzbeitrag aus?

Vöcking: Die Ein-Prozent-Regelung muss weg. Damit wird ein Bürokratiemonster geschaffen, das unnötig Geld kostet. Dieses Geld ist besser in der Versorgung aufgehoben. Wenn der Arbeitgeberanteil nicht belastet werden soll, wäre es sicher sinnvoller, einen Aufschlag auf den Versicherten-Sonderbeitrag von 0,9 Prozent zu veranschlagen. Und das sollte in der Beitragsautonomie der Kassen liegen.

Ärzte Zeitung: Die GEK hat ein durchaus eigenständiges Profil: Sie gilt als kundenfreundlichste Kasse und betreibt aktiv Versorgungsforschung. Wie integriert die Barmer dieses Profil, wie kann sie es nutzen?

Vöcking: Mit GEK und Barmer kommen zwei starke Partner zusammen, die in einzelnen Bereichen große Kompetenzen haben. Wir haben die hohe Kompetenz im Vertragsversorgungs-Management. Die GEK hat eine hohe Service-Kompetenz. Wir führen das zusammen, um die Stärken in der neuen Kasse zu bündeln. Darüber hinaus werden wir das Thema Versorgungsforschung aufnehmen und intensivieren. Im Mittelpunkt steht dabei der gezielte Einsatz der Finanzen, um alle Versicherten am medizinischen Fortschritt partizipieren zu lassen. Jeder Euro, der eingesetzt wird, muss auch etwas für die Versicherten bringen.

Ärzte Zeitung: Ist das ein Plädoyer für eine qualitätsabhängige Vergütung?

Vöcking: Richtig. Die Frage ist nur, wie man Qualität definiert. Mein Appell lautet: Ärzte und Kassen müssen sich zusammensetzen und mit der Wissenschaft gemeinsame Qualitätskriterien erarbeiten. Diese Kriterien könnten dann Maßstab für die Vergütung ärztlicher Leistungen sein.

Das Interview führte Wolfgang van den Bergh

Dr. Johannes Vöcking

Geboren: 1949 in Ahaus, in Westfalen

Ausbildung: 1967 Studium der Rechtswissenschaften in Bonn und Freiburg; 1977 Promotion zum Dr. jur.

Werdegang: nach der Promotion Eintritt in das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, 1987 Vizepräsident des Bundesversicherungsamtes, 1991 Wechsel in das Bundeskanzleramt als Leiter der Abteilung Verwaltung und Recht, 1992 Ernennung zum Staatssekretär im Bundesinnenministerium, seit 1996 Mitglied des Vorstandes der Barmer Ersatzkasse, 2001 Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden der Barmer, seit 2006 Vorstandsvorsitzender der Barmer

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