Ärzte Zeitung, 13.10.2009

Ergotherapeuten und Logopäden geraten ins Visier der Kassen

Die Kosten für Heil- und Hilfsmittel steigen seit Jahren. Die Gmünder Ersatzkasse schlägt jetzt Alarm: Sie fordert von der neuen Bundesregierung die Möglichkeit zum Abschluss von Selektivverträgen mit Leistungsanbietern.

Von Bülent Erdogan

Ergotherapeuten und Logopäden geraten ins Visier der Kassen

Eine Logopädin beobachtet ihre Patientin während einer mundmotorischen Übung.

Foto: imago

BERLIN. Um die weiter steigenden Kosten für Heilmittelverordnungen in den Griff zu bekommen, will die Gmünder Ersatzkasse (GEK) künftig direkte Verträge mit Heilmittelanbietern wie Logopäden, Ergotherapeuten, Podologen und Physiotherapeuten abschließen. Eine entsprechende Novelle des Paragrafen 124 SGB V durch die neue Bundesregierung verlangte GEK-Chef Dr. Rolf-Ulrich Schlenker am Dienstag in Berlin.

Bislang müssten Kassen unterschiedslos mit allen Leistungsanbietern zusammenarbeiten, kritisierte er bei der Vorstellung des GEK-Heil- und Hilfsmittel-Reports 2009. Hierfür müssten die Anbieter neben der Berufszulassung lediglich Kriterien wie eine bestimmte Raumhöhe ihrer Praxis nachweisen. Die Preise würden zudem landesweit auf Verbandsebene vereinbart.

Der Heil- und Hilfsmittelmarkt war 2008 mit einem Anteil von knapp sechs Prozent oder neun Milliarden Euro der viertgrößte Ausgabenblock in der GKV. Bei der GEK betrugen die Ausgaben rund 182 Millionen Euro. "Heil- und Hilfsmittel sind ein Wachstumsmarkt und werden es in Zukunft noch stärker sein", sagte Schlenker.

Als Gründe nannte er den steigenden Anteil alter Menschen und die Zunahme von Verordnungen bei Kindern. Dabei warnte Schlenker vor einer Pathologisierung von Schulkindern. "Von den GEK-versicherten Kindern unter zehn Jahren erhält in etwa jedes zehnte Kind eine Ergotherapie oder Logopädie. Da fragt man sich: Was soll denn das?", mahnte Schlenker bei der Vorstellung des zum sechsten Mal erschienenen Reports. Die "Medizinierung der Erziehung und der Pädagogik in der Schule" sei fragwürdig. "Ich weiß nicht, ob wir hier auf dem richtigen Weg sind", so Schlenker.

Der Hauptautor des GEK-Reports, der Bremer Sozialwissenschaftler Professor Gerd Glaeske, forderte bei der Vorstellung der Ergebnisse eine intensivere Prüfung von Hilfsmitteln wie Hör- oder Inhaliergeräte. "Da reicht das CE-Zeichen nicht", so Glaeske. Zudem müssten die Geräte für die Patienten einfacher bedienbar sein, sonst würden aus ihnen ungenutzte "Schubladengeräte".

Im Heilmittelbereich sprach sich Glaeske für eine eigenständigere Rolle von Leistungserbringern aus und brachte ein autonomes Verordnungsrecht ins Spiel. Die Verordnung sollte künftig zumindest in enger Kooperation mit dem Arzt erfolgen, so der Pharmazeut.

Glaeske forderte eine bessere Versorgung von Patienten, die mit schweren Krankheiten heute immer öfter das Erwachsenenalter erreichten. Dies gelte zum Beispiel für Patienten mit Mukoviszidose. Im morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich stünden für diese Patienten jedenfalls 19 000 Euro pro Jahr zur Verfügung, um auch im Erwachsenenalter eine gute Versorgung zu gewährleisten, sagte Glaeske.

[13.10.2009, 19:09:20]
Margot Lechner 
Heilmittel? Hilfsmittel? Ja, was denn nun?
Zunächst einmal müssen Heilmittel und Hilfsmittel getrennt betrachtet werden. Das Eine sind persönlich erbrachte Leistungen,nämlich Behandlungen am kranken Menschen. Das Andere, wie die Bezeichnung schon sagt, Hilfsmittel.
Die Ausgaben für Heilmittel, also Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, sind seit Jahren um die 2,5 % der Gesamtausgaben der GKV stabil. In Bayern wurden 2008 ca 12 Millionen € weniger für Physiotherapie ausgegeben als 2007. Im Vergleich zu 2004 ca
23 Millionen weniger. Bei den Ergotherapeuten hat sich im Vergleich 2007 zu 2008 kaum etwas verändert. Allerdings ist hier seit 2004 eine Steigerung von ca. 10 Millionen € eingetreten. Dies ist offensichtlich ein Verlagerungseffekt von der Physiotherapie hin zur Ergotherapie.
Das bei Kinder vermehrt Entwicklungsstörungen festgestellt werden, ist Tatsache! Aber es heisst doch immer, die Kinder sind unsere Zukunft! Entwicklungsgestörte Kinder von heute sind die Hartz4 Generation von morgen. Also weiter die Therapien rationieren! Wofür braucht man schon funktionierende Sinne wie Gleichgewicht und Tiefensensibilität, wofür eine gesunde Wirbelsäule oder stabile Fußgelenke und eine gesunde, kräftige Muskulatur? Schiefe Köpfe, Sprachstörungen, Ungeschicklichkeit, das "verwächst" sich ja alles, oder?
10-20 Jahre später dann: kein Hauptschulabschluss, keine Lehrstelle, psychische Störungen, Drogenabhängigkeit, Kriminalität.
Aber es muss gespart werden, und wenn es am falschen Ende ist!
Margot Lechner
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