Ärzte Zeitung, 07.01.2010

Kassen wollen nicht länger nur Payer sein

Deutschlands größte Krankenkasse, die Barmer GEK, fordert von der Politik mehr Gestaltungsfreiheit bei Versorgungsverträgen mit Ärzten und Kliniken. Die hausarztzentrierte Versorgung sieht die Kasse in einer Sackgasse.

Von Thomas Hommel

Kassen wollen nicht länger nur Payer sein

"Politik muss den Kassen mehr Gestaltungsspielraum geben!" Barmer GEK-Chefin Birgit Fischer.

Foto: di

BERLIN. Deutschlands Krankenkassen wollen nicht länger nur Payer im Gesundheitswesen sein. Mehr denn je reklamieren sie für sich die Rolle des Players, der sich für spezielle Versorgungsmodelle geeignete Partner unter Ärzten, Kliniken oder Pharmaherstellern sucht. Jüngstes Beispiel für diesen Trend ist die zum 1. Januar fusionierte Barmer GEK. Mit rund 8,5 Millionen Versicherten ist die Kasse über Nacht zum Marktführer im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung aufgestiegen.

Barmer GEK-Chefin Birgit Fischer verspricht sich viel von der Elefantenhochzeit. "Natürlich wollen wir unsere Marktposition auch dazu nutzen, die Versorgungslandschaft in Deutschland aktiv und nachhaltig zu gestalten", sagt sie. Eine Krankenversicherung brauche heute eine "gewisse Größe", um für Ärzte, Krankenhäuser und andere Leistungserbringer als Vertragspartner attraktiv zu sein. Deshalb würden schon in naher Zukunft weitere Krankenkassen dem Beispiel von Barmer und GEK folgen und zusammengehen. "Gestaltungskraft hängt davon ab, wie viel Gewicht eine Kasse in die Waagschale werfen kann", ist Fischer überzeugt. Und zwei Kassen wiegen nun einmal mehr als eine allein.

Der Bundesregierung wirft Fischer vor, sich zu einseitig auf die Finanzierungsreform der gesetzlichen Krankenversicherung zu konzentrieren. Mindestens genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, sei es, die Versorgungsangebote für die Patienten zu verbessern. "Dafür brauchen die Kassen mehr Gestaltungsspielraum".

Stichwort Selektivverträge: Diese seien "als Würze und Innovationsmotor" eine sinnvolle Ergänzung zu den großen Verträgen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), unterstreicht Barmer GEK-Vize Dr. Rolf-Ulrich Schlenker. Das "A und O" solcher Verträge sei aber Freiwilligkeit. "Nur dann werden wir Versicherte und Ärzte dauerhaft für besondere Versorgungsformen gewinnen können."

Bei den Hausarztverträgen nach Paragraf 73b SGB V sei das Prinzip der Freiwilligkeit außer Kraft gesetzt. "Freiwilligkeit gibt es weder bei der Auswahl der Partner, noch bei den Konditionen", so Schlenker. Er sei daher "tieftraurig" darüber, dass die Regierung die auf Grundlage von Paragraf 73 b geschlossenen Hausarztverträge erst in drei Jahren überprüfen wolle. "Wir fordern die Regierung auf, diesen Paragrafen entgegen der Aussage im Koalitionsvertrag unverzüglich auf eine wettbewerbskonforme Grundlage zu stellen." Schlenker plädiert in diesem Zusammenhang für dreiseitige Verträge zwischen Kassen, KVen und Hausarztverbänden. "Dieses Zusammenspiel garantiert rechtssichere und finanziell ausgewogene Hausarztprogramme, die in die Gesamtbilanz der vertragsärztlichen Versorgung passen."

Barmer GEK ist neuer Marktführer in der GKV

Mit der Vereinigung von Barmer und Gmünder Ersatzkasse (GEK) hat Deutschland einen neuen Riesen im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Ingesamt sind bei der neuen Mega-Kasse rund 8,5 Millionen Bundesbürger versichert. Damit erreicht die Kasse einen Marktanteil von zehn bis 15 Prozent - je nach Region. Gemessen an einem Haushaltsvolumen von rund 22 Milliarden Euro nimmt die Barmer GEK im Ranking der Top 30 umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands Rang 24 ein - noch vor großen Unternehmen wie TUI, Bertelsmann oder Hochtief. Insgesamt werden bei der Kasse künftig etwa 19 500 Mitarbeiter in über 1000 Geschäftsstellen tätig sein - davon etwa 740 Auszubildende. Betriebsbedingte Kündigungen soll es aufgrund der Fusion nicht geben, versichert die Verwaltungsratsspitze. (hom)

Lesen Sie dazu auch:
Kassenriese lehnt schwarz-gelbe Reformpläne ab

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Das Jahr der harten Wahrheiten

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Im Sushi war der Wurm drin

Der Hinweis aufs Sushi brachte die Ärzte auf die richtige Spur. Statt den Patienten wegen Verdachts auf akutes Abdomen zu operieren, führten sie eine Gastroskopie durch. mehr »

Importierte Infektionen führen leicht zu Diagnosefehlern

Wann muss ein Arzt für eine Fehldiagnose gerade stehen? In einem aktuellen Fall entschied das Oberlandesgericht Frankfurt gegen einen Arzt. mehr »

"Turbolader einer Zwei-Klassen-Medizin"

Die Einheitsversicherung als Garant für Gerechtigkeit im Versorgungssystem? Aus Sicht von BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery eine fatale Fehleinschätzung. Die "Ärzte Zeitung" dokumentiert Auszüge aus seiner Ärztetags-Eröffnungsrede. mehr »