Ärzte Zeitung, 17.02.2010

Kasse setzt auf Krisenpension statt Krankenhaus

Die Techniker Krankenkasse geht bei der Betreuung psychisch Kranker neue Wege. Die Devise heißt: ambulant vor stationär.

Von Daniela Noack

BERLIN. Bei der Versorgung von psychisch kranken Menschen will die Techniker Krankenkasse (TK) künftig verstärkt auf ambulante Versorgung statt auf stationäre Unterbringung setzen. Zu diesem Zweck hat sie mit "Pinel", einem Berliner Träger ambulanter sozialpsychiatrischer Behandlung, das Netzwerk Psychische Gesundheit (NWPG) ins Leben gerufen. In Bremen, München, Augsburg, Nürnberg und Göttingen starten derzeit ähnliche Projekte.

In Berlin werden bislang 110 Patienten mit Hilfe eines gut vernetzten Teams ambulant begleitet - wenn möglich im vertrauten Wohnumfeld.

"Wir setzen auf ambulante Strukturen für einen nachhaltigen Behandlungserfolg", betonte Johannes Klüsener, Psychologe bei der TK, bei der Vorstellung des Projekts in Berlin. Rund 400 Millionen Euro hat die Kasse im vergangenen Jahr für die stationäre Versorgung psychisch kranker Versicherter ausgegeben. Ein Klinikaufenthalt koste im Schnitt 5000 Euro, bleibe oft aber ohne langfristigen Erfolg, so Klüsener.

Kern des TK-Modells ist die trialogische Zusammenarbeit von Profis, Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen: Der Betroffene erhält persönliche Ansprechpartner, die er rund um die Uhr erreichen kann. Im Notfall findet er auch Zuflucht in einer Krisenpension.

"Das neue System ist dem klassischen überlegen", bestätigte Professor Jürgen Gallinat, Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik der Berliner Charité. Die Patienten würden viel besser auf eine offene häusliche Atmosphäre ansprechen. Das gehe aus Studien hervor. 23 Prozent der Patienten würden die klassische Therapie abbrechen. Bei integrierter Versorgung seien es lediglich rund zwei Prozent, erläuterte Gallinat.

Zudem sind in Berlin die Psychiatriebetten knapp. Im Zuge des Psychiatrieentwicklungsprogramms wurden neue Konzepte wie das betreute Wohnen gefördert und Betten abgebaut. Von 5600 im Jahr 1990 auf etwa 2600 im Jahr 2008. Die Zahl psychisch Kranker hat aber kontinuierlich zugenommen. "Mittlerweile liegt die Bettenauslastung bei 98 Prozent. Akzeptabel sind maximal 90 Prozent", sagte Berlins Beauftragter für Psychiatrie, Heinrich Beuscher.

Ganz neu ist die Idee der integrierten Vorsorgung psychisch Kranker nicht. Im Sommer 2004 startete bereits die AOK Niedersachsen mit dem bundesweit ersten Projekt. Mittlerweile wird das Versorgungsmodell in fast allen Bundesländern angeboten. Ende 2006 startete der Verein für "Psychiatrie und Seelische Gesundheit Berlin-Brandenburg (VPSG)" mit der DAK ein Modell der Integrierten Versorgung für schwer psychisch kranke Patienten.

Alicia Navarro vom VPSG kritisierte am TK-Modell, "dass ein Träger jetzt direkt mit der Krankenkasse über ein Globalbudget abrechnen kann und damit eine Monopolstellung beansprucht, die man diskutieren und kritisch beobachten muss".

Viele stationäre Aufenthalte und hohe Kosten

Laut Statistischem Bundesamt gibt es pro Jahr rund eine Million Krankenhausfälle wegen der Diagnose "Psychische und Verhaltensstörungen". 2006 entstanden dem Gesundheitswesen dadurch Kosten von knapp 27 Milliarden Euro. Laut Gesundheitsbericht 2006 durchleben in Deutschland 15 Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer innerhalb eines Jahres eine depressive Phase. Im gleichen Zeitraum hat jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann eine Angststörung. (dno)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »