Ärzte Zeitung, 24.03.2010

AOK und IKK Niedersachsen fusionieren

Jetzt 2,45 Millionen Versicherte / Die neue Kasse plant spezifische Angebote für das Handwerk

HANNOVER (cben). Die Fusion von AOK und IKK Niedersachsen ist perfekt. Sie kann wie geplant am 1. April 2010 erfolgen, teilte die AOK Niedersachsen mit.

Auch das niedersächsische Sozialministerium habe dem Zusammenschluss jetzt zugestimmt. Vergangene Woche hatten bereits das Bundeskartellamt und das Bundesversicherungsamt den Antrag positiv beschieden. Die AOK Niedersachsen wächst damit um 285 000 neue Kunden auf 2,45 Millionen Versicherte und baut so ihren Status als achtgrößte Krankenkasse Deutschlands und Marktführer in Niedersachsen aus. Die AOK zählt nun 33 Prozent der gesetzlich Versicherten im Land zu ihren Kunden.

Der Jahresetat des fusionierten Unternehmens beträgt 7,3 Milliarden Euro. Keiner der Versicherten der neuen Kasse brauche 2010 einen Zusatzbeitrag zu entrichten, so die AOK Niedersachsen. Dieselbe Zusage hatte die AOK ihren eigenen Mitgliedern bereits Ende 2009 gemacht. Den Überschuss für das Jahr 2009 gibt die AOK Niedersachsen mit 69 Millionen Euro an. Von den 6750 Mitarbeitern der beiden Kassen soll niemand entlassen werden, sagte AOK-Sprecher Klaus Altmann.

Im Vorfeld der Fusion hatte es aus Kreisen der IKK Kritik am der Fusion gegeben. Die Handwerkstradition der IKK stehe in Gefahr, wenn die Kasse in der AOK aufgehe, hieß es. "Die IKK bringt die Handwerkstradition mit", sagte dazu Klaus Altmann, "aber auch die AOK Niedersachsen ist stark im Handwerk verwurzelt." Für diesen Marktsektor wird nun nach der Fusion ein neuer Handwerkerbeirat ins Leben gerufen. Er soll neue bedarfsgerechte Gesundheitsangebote entwickelt, erklärte die AOK. Der Verwaltungsrat wird am 8. April zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentreten.

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[24.03.2010, 16:08:18]
Helmut Karsch 
Kartellamt aufwachen!!
„Schluck die Köte“ oder bleib „unversichert“ eine Option für die deutsche Kassenfusionitis? (Oligopolbildung)

"Take-it-or-leave-it" für Ärzte und Versicherte: Rasche Konzentration der US-Krankenversicherer zu regionalen Fastmonopolen

Wer meint, die von der Obama-Administration immer noch gewollte Gesundheitsversicherungsreform würde den Staat so stark machen, dass der Wettbewerb ver- oder behindert würde und damit auch dessen propagierten Vorteile für die Kosten und die Qualität der Leistungen, täuscht sich gewaltig: Hier gibt es nämlich gar nicht mehr viel zu verhindern!

Der am 23. Februar 2010 erschienene Bericht "Competition in health insurance: A comprehensive study of U.S. markets" der "American Medical Association (AMA)" über die Verhältnisse auf dem Markt für private Krankenversicherung der USA im Jahr 2009 vermittelt nämlich ein völlig anderes Bild vom Status quo des Wettbewerbs:

In 99% der 313 städtischen Ballungsgebiete der USA herrschen bei den Krankenversicherungsunternehmen bzw. Anbietern von "health plans" nach den Kriterien des "U.S. Department of Justice" und der "Federal Trade Commission" "highly concentrated" Verhältnisse. Der Konzentrationsgrad wird mit dem so genannten "Herfindahl-Hirschman-Index (HHI)" gemessen, der durch die Division der in einem Ort aktiven Unternehmen und ihren relativen Marktanteilen gemessen wird und von 0 bis 10.000 reichen kann. Nach den Regeln des US-amerikanischen Justizministeriums gelten Märkte, in denen sich der HHI zwischen 1.000 und 1.800 bewegt, als mäßig konzentriert, und Märkte, in denen der HHI die Grenze von 1.800 übersteigt, als konzentriert. Nur Miami und Fort Lauderdale in Florida und Colorado Springs in Colorado gab es danach keinen hochkonzentrierten Versicherungsmarkt. Dabei nahm der Konzentrationsprozess und damit die Abnahme der Wahlmöglichkeiten für Krankenversicherte sogar gerade in jüngster Zeit zu. Im Vorjahresbericht betrug der Anteil der Ballungsgebiete erst 94%.
In 24 von 43 Bundesstaaten für die diese Daten vorlagen, beherrschte ein Versicherer einen Anteil des Krankenversicherungsmarktes von 70% und mehr. Im Vorjahr war dies erst in 18 der damals untersuchten 42 Bundesstaaten so.
In 92% der 313 großstädtischen Märkte hielt jeweils ein Versicherungsunternehmen mindestens einen 30%-Anteil des Marktes.
Angesichts der von mehreren goßen Versicherungsunternehmen um bis zu 39% erhöhten Krankenversicherungsprämien, charakterisieren die AMA-Autoren die Entwicklung so: 2008 erlaubte ihre Marktdominanz vielen privaten Krankenversicherungen Ärzten so genannte "take-it-or-leave-it"-Verträge anzubieten. 2009 erlaubte ihnen der Konzentrationsgrad auf den großstädtischen Märkten, Patienten "take-it-or-leave-it"-Preise anzubieten.

Trotz einiger Versuche der Krankenversicherer, das Problem klein zu reden, fasste der AMA-Präsident J. Rohack die Situation so zusammen:“The near total collapse of competitive and dynamic health insurance markets has not helped patients.
As demonstrated by proposed rate hikes in California (um rund 39%) and other states, health insurers have not shown greater efficiency and lower health care costs. Instead, patient premiums, deductibles and co-payments have soared without an increase in benefits in these increasingly consolidated markets."


Nicht nur, weil sich in der Bundesrepublik jüngst das Kartellamt um das möglicherweise oligopolartig, wettbewerbswidrig abgestimmte Verhalten einiger gesetzlichen Krankenkassen bei der Einführung von Zusatzbeiträgen kümmert, sondern angesichts der rasanten Fusion vieler Krankenkassen zu immer größeren Einheiten, ist eine Diskussion um den politisch gewollten und gesetzlich seit 1993 immer weiter ausgebauten Wettbewerb der Krankenkassen als Körperschaften öffentlichen Rechts und um die ebenfalls politisch gewollte und gesetzlich geregelte Verhinderung unerwünschter Folgen von Monopolen und Oligopolen hierzulande überfällig.

Wenn es weiter, und daran zweifelt niemand, zu Fusionen à la Barmer/GEK oder DAK/Hamburg-Münchner kommt, werden bald auf vielen regionalen Versicherungs- und Anbietermärkten Oligopole der genannten Großkassen zusammen mit der AOK existieren, die bestimmte Konditionen ohne jeglichen Wettbewerb absprechen, bestimmen oder auch diktieren können. Dass dies nur erwünschte Wirkungen auf die Preise und die Qualität der kontraktierten Leistungen hat, ist wahrscheinlich blauäugig. "Take-it-or-leave-it" für jedermann könnte ohne prinzipielles Gegensteuern und Umstruktieren auch in der GKV bald das Geschehen bestimmen.
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