Ärzte Zeitung, 30.04.2010
Navigator soll bei Kliniksuche behilflich sein
Mitunter gleicht die Suche nach guten Kliniken der
nach der Stecknadel im Heuhaufen. Die AOK will Patienten und Einweisern
nun mit einem Navi helfen. Ein bisschen denkt sie dabei freilich auch
an sich.
Von Thomas Hommel

Gute Kliniken gesucht und (manchmal)
gefunden - etwa für die Implantation eines
künstlichen Kniegelenks. © sko
BERLIN. In Deutschland müssen sich
jährlich rund 330 000 Patienten einer Hüft-
oder Kniegelenks-Op unterziehen. Der Eingriff ist inzwischen Routine -
dennoch kommt es mitunter zu Komplikationen. Um ihnen zu entgehen,
wollen Patienten, Angehörige und einweisende Ärzte
schon vor dem Eingriff wissen: In welcher Klinik gibt es oft Probleme?
Wo läuft alles reibungslos? Wo ist die Zahl der
Knochenbrüche oder der durch Infektionen verursachten
Todesfälle nach einer Op am Gelenk gering?
Einfach ist die Beantwortung dieser Fragen nicht. Meist
verlassen sich Patienten wie Ärzte auf die
"Mund-zu-Mund-Propaganda" - von Freunden, Nachbarn oder Kollegen.
Systematisch und zuverlässig ist das nicht. Die AOK hat
deshalb einen erweiterten Krankenhausnavigator online gestellt, der
einen "fairen Klinikvergleich durch langfristige Routinedaten"
verspricht. Zunächst in vier Pilotprojekten im Norden der
Republik erhalten Patienten, die an Hüft- oder Kniegelenken
oder wegen eines Oberschenkelbruchs operiert werden müssen,
mit Hilfe des Portals Informationen darüber, wo eine Klinik
überdurchschnittliche (drei grüne Punkte),
durchschnittliche (zwei Punkte) oder unterdurchschnittliche
Behandlungsqualität (ein Punkt) bei den genannten Eingriffen
abliefert.
Grundlage der Informationen sind Daten, die nach dem
QSR-Verfahren - "Qualitätssicherung der stationären
Versorgung mit Routinedaten" - ermittelt werden. Das Besondere an
QSR-Daten, so Herbert Reichelt, Chef des AOK-Bundesverbandes, sei, dass
nicht nur Komplikationen während des Klinikaufenthalts,
"sondern auch der Verlauf bis zu einem Jahr nach der Operation
ausgewertet werden".
Untersucht werde, wie häufig chirurgische
Komplikationen, Thrombosen oder Lungenembolien auftreten oder wie viele
Menschen nach der Op versterben. "Diese Nachverfolgung des
Krankheitsgeschehens zusammen mit der Nutzung von mehreren
Qualitätsindikatoren macht eine umfassende, breite und
zuverlässige Qualitätsbeurteilung der Arbeit von
Krankenhäusern möglich", sagt Reichelt. An der
könnten sich Patienten und Einweiser bei der Kliniksuche
orientieren. Bis Ende 2010 will die AOK ihrem Portal noch ein weiteres
Krankheitsbild hinzufügen. Vorstellbar seien
Gallenblasenoperationen oder Herzkatheteruntersuchungen - auch dies
seien elektive Eingriffe, bei denen sich Ergebnisqualität
standardisieren lasse, so Reichelt.
Ganz uneigennützig ist die Patientenhilfe der AOK
nicht. Natürlich will auch Deutschlands
größter Krankenkassenverband die Ergebnisse
für sich nutzen - "zur Identifikation von Kliniken mit guter
Qualität", wie Reichelt betont. Damit hätte die AOK
ein gutes Fundament für Selektivverträge oder Modelle
des Pay-for-Performance ("P4P") mit Krankenhaus und Ärzten
gegossen. Reichelt: "Die Anstrengungen in Sachen QSR lohnen sich, denn
QSR macht Qualität transparent und letztlich auch
vertragsfähig. Und genau da wollen wir hin."
www.weisse-liste.aok-gesundheitsnavi.de
Lesen Sie dazu auch:
AOK
will Kliniken für Patienten gläsern machen

Weitere Beiträge