Ärzte Zeitung, 28.05.2010
AOK-Gesundheitsnavigator: Zeugnisvergabe an Haus- und Fachärzte
Mit einem neuen Internetportal wollen AOK und das Projekt Weisse
Liste Patienten eine faire Arztbewertung ermöglichen. Am 28. Mai
startet die Befragung in den Pilotregionen Hamburg und Berlin,
Thüringen folgt in Kürze. Ab Herbst sollen erste Ergebnisse
im Netz stehen.
Von Thomas Hommel

Faire Zeugnisse für den Doktor: AOK-Versicherte können von Juni an ihren Arzt im Internet bewerten. © ill
BERLIN. Im Gesundheitswesen vollzieht sich eine Revolution.
Patienten und Versicherte nehmen das Ruder in die Hand. Immer
stärker treten sie als Konsumenten auf, die sich fundierte und
verlässliche Informationen zu Erkrankungen und
Behandlungsmethoden, aber auch zu Angebot und Qualität der
Gesundheitsanbieter wünschen. Denn wer krank ist, der möchte
vor allem eins: Sich in guten Händen aufgehoben wissen.
Doch noch ist es schwierig, einen Arzt zu finden, der zu einem
passt. Daher haben die AOK und die Weisse Liste, ein gemeinsames
Projekt der Bertelsmann Stiftung und der Dachverbände der
größten Patienten- und Verbraucherorganisationen, eine neue
Online-Arztsuche aus der Taufe gehoben: Ab Juni können
zunächst zwei Millionen Versicherte der AOK ihre Haus- und
Fachärzte beurteilen.
"Bei unseren Versicherten besteht ein großer Bedarf an
verlässlichen Informationen über die Qualität und das
Angebot von Ärzten", erläutert der stellvertretende
Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann,
das Anliegen seiner Kasse. Mit der neuen Online-Arztsuche wolle die AOK
ihren Versicherten eine "qualitativ hochwertige Orientierungshilfe" bei
der Arztsuche zur Verfügung stellen. "So schaffen wir Transparenz
für unsere Versicherten und für die Ärzte."
An der Online-Befragung können ausschließlich Versicherte
der beteiligten Krankenkassen teilnehmen. In der Startphase sind dies
zunächst die Versicherten der AOK in den Pilotregionen Hamburg und
Berlin - etwas später auch in Thüringen. Durch ein spezielles
Login-Verfahren wird gewährleistet, dass jeder Versicherte sich
nur einmal registrieren und nicht mehrere Beurteilungen für einen
Arzt abgeben kann. Die Befragungsergebnisse werden ab Herbst im
Internet unter weisse-liste.de und aok-arztnavi.de veröffentlicht.
Bei der Befragung stehen Themen im Zentrum, die Patienten besonders
stark interessieren und die sie auch einschätzen können: Wie
kommuniziert der Arzt? Bindet er mich als Patient in Entscheidungen
über die Behandlung ein? Nimmt er sich genügend Zeit für
mich? Diese sozialen Aspekte werden ergänzt durch Fragen nach der
Organisation der Praxis: Ist die Wartezeit angemessen? Wird meine
Intimsphäre gewahrt? Die Antwortmöglichkeiten sind vorgegeben
und reichen von "trifft voll und ganz zu" bis hin zu "trifft
überhaupt nicht zu". Am Schluss des Fragebogens werden die
Patienten gebeten, ihren Gesamteindruck mitzuteilen. Dabei wird zum
Beispiel gefragt, ob sie den Arzt Freunden weiterempfehlen würden
- oder nicht.
"Wir möchten, dass Patienten und ihre Angehörigen bei der
Auswahl von Gesundheitsanbietern wie Krankenhäusern oder
Ärzten aktiv entscheiden können", sagt Dr. Brigitte Mohn,
Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Ziel von AOK und Weisse
Liste sei es, "fundierte Informationen bereitzustellen und sie für
jedermann - und nicht nur für Fachleute - abrufbar zu machen".
Von informierten Patienten könnten im Gesundheitswesen "alle
profitieren", sagt Raimund Geene, Professor für Kindergesundheit
und Vorstand der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen.
"Denn der mündige Patient kann zum Koproduzenten seiner Gesundheit
werden."
Befürchtungen, wonach der Navigator zum digitalen Pranger
verkomme, bei dem Ärzte beschimpft würden und keine
Möglichkeit hätten, etwas dagegen zu unternehmen, hält
AOK-Vize Graalmann für unbegründet. "Wir bieten den
Ärzten hilfreiche Hinweise, wie sie von ihren Patienten gesehen
werden." Auch eine Ärzte-Hitliste sei nicht beabsichtigt. "Wir
wollen bei unserer Online-Suche durch methodische Güte ein Maximum
an Fairness für die Ärzte erreichen." So seien auf dem
Bewertungsportal keine Freitextfelder vorgesehen, die Raum für
Schmähkritik oder Diffamierung böten. Die beurteilten
Ärzte hätten zudem die Möglichkeit, die Zeugnisse
sichtbar für alle zu kommentieren oder aber sie komplett sperren
zu lassen. Dies werde allerdings auf der Seite vermerkt.
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