Ärzte Zeitung, 07.12.2010

BKK-System schreibt rote Zahlen, die AOKen sind noch im Plus

Das Finanzpolster der GKV wird dünner. Das Gesundheitsministerium sieht sich dennoch auf Kurs: Ohne "Gegensteuern" der Politik hätte es noch schlimmer kommen können.

BKK-System schreibt rote Zahlen, die AOKen sind noch im Plus

Das Finanzpolster der gesetzlichen Krankenkassen nimmt rapide ab.

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BERLIN (sun/hom). Den gesetzlichen Krankenkassen geht langsam aber sicher das Geld aus: Trotz guter konjunktureller Lage hat sich der Überschuss der Kassen in den ersten neun Monaten auf 227 Millionen Euro dezimiert. Vor einem Jahr hatte des Plus noch bei 1,4 Milliarden Euro gelegen.

Wie das Bundesgesundheitsministerium (BMG) mitteilte, wäre die GKV ohne Zusatzbeiträge einiger Kassen bereits jetzt ins Minus gerutscht. Die Einnahmen aus Zusatzbeiträgen haben sich bislang auf 463 Millionen Euro addiert.

Die Zuwächse bei den Ausgaben für die ärztliche Behandlung fallen mit 3,7 Prozent deutlich geringer aus als im Vorjahr (7,4 Prozent). Die Ausgaben für Ärztehonorare sind im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres um 600 Millionen Euro gestiegen. Auch die Ausgaben für die etwa 2100 Krankenhäuser wuchsen um rund 1,8 Milliarden Euro auf 44,18 Milliarden Euro (plus 4,5 Prozent). Die Verwaltungskosten der Kassen legten um 3,9 Prozent zu. Auffällig sind die anhaltend hohen Zuwächse um 9,8 Prozent beim Krankengeld.

Damit legen die Leistungsausgaben in der GKV (3,9 Prozent) schneller zu als die Einnahmen (2,7 Prozent). Dabei geht die Zunahme bei den Einnahmen vor allem auf den höheren Bundeszuschuss zur GKV zurück. Insgesamt stehen vom ersten bis dritten Quartal 2010 Einnahmen von rund 131,2 Milliarden Euro Ausgaben von 130,9 Milliarden Euro gegenüber.

Deutliche Unterschiede sind dabei zwischen den Kassenarten festzustellen: Konnten Ersatzkassen wie auch Allgemeine Ortskrankenkassen noch einen kleinen Überschuss von 254 beziehungsweise 180 Millionen Euro verbuchen, so fuhr das BKK-System bis Ende September 2010 ein Defizit von 136 Millionen Euro ein. Mit der Finanzspritze für zwei finanziell angeschlagene BKKen kann das Minus nicht zusammenhängen, da diese Stützungsaktion erst im vierten Quartal 2010 erfolgte und demnach noch gar nicht eingerechnet ist.

Wahrscheinlicher ist, dass das Minus mit der Versichertenstruktur vieler BKKen zu tun hat. Dort sind anteilig mehr junge, gesunde Versicherte als bei anderen Kassenarten eingeschrieben. Der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) begünstigt jedoch tendenziell Kassen mit vielen chronisch kranken Versicherten. Der BKK-Verband wollte dazu keine Stellung nehmen.

Nach Angaben des BMG verlief die Finanzentwicklung der Kassen "erwartungsgemäß ungünstig". Ohne ein "Gegensteuern" der Koalition mit den jüngsten Reformen hätte trotz des Konjunkturaufschwungs 2011 ein Defizit von neun Milliarden Euro gedroht.

Nach aktueller Einschätzung des Schätzerkreises sei sichergestellt, dass die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds 2011 reichen, um die Ausgaben der Kassen zu decken. Der durchschnittliche Zusatzbeitrag liege demnach im kommenden Jahr bei "Null".

Doch die Ruhe bei den Kassen könnte nur von kurzer Dauer sein: Einige Kassen werden auch 2011 einen Zusatzbeitrag erheben müssen. Zwar schrammen die meisten Kassen noch daran vorbei. Experten gehen davon aus, dass viele Kassen 2012 einen Extra-Obolus erheben müssen.

Finanzpolster schmilzt wie Schnee in der Sonne
Veränderung je GKV-Mitglied in Prozent 1. bis 3. Quartal 2010 im Vergleich zum 1. bis 3. Quartal 2009
Leistungsausgaben insgesamt 3,9
Ärztliche Behandlung 3,7
Zahnbehandlung (kons-chirurg.) 2,2
Zahnersatz 4,2
Arznei- u. Verbandsmittel insgesamt 4,2
Häusliche Krankenpflege 11,4
Krankenhausbehandlung 4,5
Krankheitsverhütung/soziale Dienste - 24,0
Krankengeld 9,8
Fahrkosten 3,5
Kuren und Rehabilitation - 3,2
Früherkennungsmaßnahmen 0,2
Leistungen bei Schwangerschaft ohne stat. Entbindung 1,9
Verwaltungskosten 3,9
Ausgaben insgesamt 130.906 Mio. Euro
Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds 127.727 Mio. Euro
Beitragseinnahmen vor dem 1.1.2009 1.293 Mio. Euro
Übrige Einnahmen 2.162 Mio. Euro
Einnahmen insgesamt 131.183 Mio. Euro
Überschuss 277 Mio. Euro
Quelle: BMG/KV 45 - Tabelle: Ärzte Zeitung

 

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