Ärzte Zeitung, 08.12.2010

Wenn GKV und PKV auf Tuchfühlung gehen

Kooperationen zwischen PKV und GKV können Vorteile für die Patientenversorgung bringen. Auch in der Politik gibt es dafür Zustimmung. Doch in der Praxis hakt es.

Von Ilse Schlingensiepen

Wenn GKV und PKV auf Tuchfühlung gehen

Die Zusatzpolice für Zahnersatz ist ein klassisches Feld für die Arbeitsteilung zwischen gesetzlichen Kassen und Privatassekuranz.

© suedraumfoto / imago

KÖLN. Bei ihren Kooperationen können gesetzliche Krankenkassen und private Krankenversicherer noch viele Synergien nutzen. Die Vorteile der Zusammenarbeit sind längst nicht auf den Vertrieb, den verbesserten Kundenservice und innovative Produkte beschränkt, glaubt Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender der KKH-Allianz. "Es geht auch um das Thema Versorgung, da liegt ein Riesenpotenzial", sagte Kailuweit auf der Fachkreistagung Krankenversicherung der Vereinigung der Versicherungs-Betriebswirte in Köln.

Kailuweit weiß, wovon er redet. Die KKH-Allianz selbst ist ein Stück gelebte Kooperation zwischen beiden Systemen. Die Fusion der Ersatzkasse KKH mit der Betriebskrankenkasse des Versicherungskonzerns Allianz war ein viel beachtetes Novum im Markt. "Ich habe selten so viel Steine aus dem Weg räumen müssen", berichtete Kailuweit. Die Skepsis gegenüber dem neuen Modell sei sehr groß gewesen. Inzwischen seien in der Politik und bei Krankenkassen und PKV-Unternehmen aber viele davon überzeugt.

"Wir wollen eine innovative Gesundheitsversorgung für KKH-Allianz-Versicherte mit exklusiven Tarifen zu Sonderkonditionen", benannte er ein gemeinsames Ziel von Kasse und Allianz. Die Ambitionen reichen aber weit darüber hinaus. Langfristig gehe es um die Zusammenarbeit bei der Kosten- und Ressourcensteuerung und der Entwicklung gemeinsamer Versorgungsangebote, sagte Kailuweit.

"Was spricht dagegen, dass die Allianz ihre multimorbiden Kunden bei uns in das Gesundheitscoaching gibt?" Leider gebe es im gesetzlichen und im privaten System nach wie vor eine Reihe von Hürden. Er verwies auf die angestrebte gemeinsame Abwicklung der Zusatzversicherungen: Ein gesetzlich Versicherter mit einer Auslandsreisekrankenversicherung könnte im Schadenfall die Unterlagen bei der Kasse einreichen und von ihr die komplette Erstattung bekommen. Die Kasse würde sich einen Teil des Geldes dann beim Privatversicherer zurückholen. Das lehne das Bundesversicherungsamt aber ab, kritisierte Kailuweit.

Für solche Konzepte gibt es in der Politik durchaus Zustimmung, berichtete Christian Weber, Leiter der Abteilung "Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik, Pflegeversicherung" im Bundesgesundheitsministerium. "Die Koalition hat das Thema diskutiert, die Umsetzung ist aber schwierig", sagte Weber. Beim Thema Datenschutz seien noch Fragen ungeklärt, ebenso beim Risiko der Steuerpflichtigkeit auf Seiten der Krankenkassen. Der Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland/Hamburg Wilfried Jacobs begrüßte, dass die schwarz-gelbe Koalition den Krankenkassen die Möglichkeit gelassen hat, selbst Zusatzversicherungen anzubieten. "Es bleibt immer noch genügend Gestaltungsspielraum für die Kooperation mit der PKV", sagte er.

In diesen Bereich fielen alle Leistungen, die nicht Teil des GKV-Schutzes seien. Jacobs nannte den Zahnersatz als Beispiel. Die Grundabdeckung erhielten die Versicherten über ihre Kasse. Den Teil des Zahnersatzes, den die Kassen nicht übernehmen, könnten sie über eine Zusatzversicherung bei ihrer Kasse absichern. "Das Sahnehäubchen wäre dann die Zusatzpolice bei der PKV für Leistungen wie Implantate." Ähnliches sei auch in der Pflegeversicherung vorstellbar.

"Wenn die PKV neue Lust an der Kooperation mit der GKV bekommt, gibt es viele Faktoren, die wir gemeinsam machen können", sagte der AOK-Chef. Er nannte unter anderem die Entwicklung von Versorgungsstrukturen für Demenzpatienten auf dem Landoder die gegenseitige Information über Abrechnungsauffälligkeiten bei Leistungserbringern.

Die wichtige Ausgestaltung der Zusammenarbeit zwischen gesetzlichen und privaten Krankenversicherern ändert nach Einschätzung von Kailuweit von der KKH Allianz nichts daran, dass die Dualität beider Systeme irgendwann an ihre Grenzen stößt. "Das deutsche Gesundheitswesen braucht ein einheitliches Versicherungssystem mit transparenten, verlässlichen und gerechten Spielregeln."

Da die Politik dafür zurzeit keinen Plan habe, sieht Kailuweit Kassen und PKV-Unternehmen in der Pflicht. Sie sollten sich zusammensetzen und gemeinsame Konzepte für das künftige Versicherungssystem erarbeiten, fordert er. Damit könnten sie mehr erreichen, als wenn sie die Dinge einfach nur treiben ließen.

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