Ärzte Zeitung, 28.01.2011

Auch pflegende Angehörige brauchen Pflege

Ohne Angehörige geht in der Pflege nichts. Doch die Privatpflege zehrt an der Substanz. Viele Angehörige werden selber zum Pflegefall - auch weil sie Hilfs- und Beratungsangebote zu selten abrufen.

Von Thomas Hommel

Auch pflegende Angehörige brauchen Pflege

Pflege eines nahen Verwandten: Für Angehörige oft eine Herkules-Aufgabe, die zu Lasten der eigenen Gesundheit geht.

© Sven Simon / Imago

BERLIN. Im Zuge der für Ende 2011 geplanten Pflegereform soll auch die Situation von pflegenden Angehörigen verbessert werden. Schon am 14. Februar soll es dazu erste Gespräche von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) mit Pflege-, Sozial- und Patientenverbänden geben.

Rösler misst dem Thema große Bedeutung zu. Im Einladungsschreiben an die Verbände hält er fest, dass eine "gute Weiterentwicklung" der Pflegeversorgung in Deutschland ohne angemessene Berücksichtigung der Angehörigen und ihrer Anliegen nicht denkbar sei.

Tatsächlich belegt der Blick in die Statistik: Ohne Angehörige geht in der Pflege nichts. Drei Viertel der 2,2 Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut.

Angesichts dieser Größenordnung nennt AOK-Chef Dr. Herbert Reichelt die Gruppe der pflegenden Angehörigen denn auch den "größten Pflegedienst der Nation".

Doch die Privatpflege im trauten Heim hat einen hohen Preis, wie eine neue Analyse der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) belegt. Danach sind pflegende Angehörige deutlich kränker als Menschen, die keinen Angehörigen betreuen.

Die Zahl der Diagnosen über chronische und teils schwere Krankheiten liege bei pflegenden Angehörigen im Vergleich zu den "Durchschnitts-Deutschen" um bis zu 51 Prozent höher, heißt es in der Kassenstudie. Die hohe Mehrfachbelastung durch Pflege, Beruf und Familie kratze bei vielen Angehörigen an deren körperlicher wie seelischer Verfassung.

Roland Engehausen, Bereichsleiter Privatkunden bei der SBK, hat jedoch noch einen weiteren Grund für die Überforderung ausgemacht: Viele Angehörige ließen sich zu wenig helfen bei der Herkules-Aufgabe Pflege.

Leistungen wie Kurzzeit- und Verhinderungspflege oder Pflegekurse würden von den Angehörigen in der Regel nur selten in Anspruch genommen. "Sie versuchen so lange wie möglich ohne Unterstützung auszukommen und vernachlässigen ihre eigene Gesundheit, bis sie schließlich krank werden oder zusammenbrechen."

Pflegekräfte, aber auch Ärzte könnten viel zur Entlastung beitragen, indem sie auf Angehörige zugehen, Gespräche anbieten und danach fragen, welche konkreten Hilfen sich die betroffene Familie wünscht.

Genau an diesem Punkt aber hake es noch immer, glaubt Elimar Brandt, Vorsitzender des Lenkungsausschusses für das Berliner Heimarzt-Projekt. "Pflegende Angehörige und professionell Pflegende grenzen sich noch zu sehr voneinander ab", moniert der Theologe.

Dabei seien beide Seiten aufeinander angewiesen. Gerade bei der Pflege Demenzkranker sei es erforderlich, dass die pflegenden Angehörigen mit einbezogen werden, "damit die Biografie des Betroffenen mehr zum Tragen kommt".

Den Pflegediensten sei das durchaus bewusst, hält Thomas Meißner vom Anbieter-Verband AVG dagegen. "Angehörige sind ein kaum zu ersetzendes Bindeglied im Versorgungsteam - das wissen wir und so verhalten wir uns auch."

Allerdings dürften pflegende Angehörige nicht ständig vor "den Karren gespannt und für Dinge missbraucht werden, die eigentlich Aufgabe des Sozialsystemsystems sind", warnt Meißner. "Das Ehrenamt hat auch Grenzen."

Kostenträger im häuslichen Pflegealltag

• Krankenkassen: Sie übernehmen die Kosten bei Krankheit, unter anderem für Häusliche Krankenpflege, Behandlungspflege oder Hilfsmittel.
• Pflegekassen: Zuständig für Grundsicherung und Unterstützung bei Pflegebedürftigkeit, unter anderem für Häusliche Pflege, Hilfsmittel oder die soziale Sicherung der Pflegeperson.
• Sozialhilfe: Unterstützung, wenn Pflegebedürftigkeit weniger als sechs Monate dauert oder Leistungen der Pflegekasse nicht ausreichen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Ein Erklärbuch für Kinder

Dagmar Eiken-Lüchau hat eine Tochter mit Autismus-Störung. Um anderen Kindern das Thema zu erklären, hat die Mutter ein Buch geschrieben. mehr »