Ärzte Zeitung, 15.02.2011

Deutsche sind kein Volk von Pflege-Muffeln

Wissenschaftler widersprechen der These, die Bereitschaft zur Pflege eines nahen Angehörigen sinke. Das Gegenteil sei der Fall, betonen sie.

Von Thomas Hommel

Deutsche sind kein Volk von Pflege-Muffeln

Viele Deutsche sind der Ansicht, dass Familienangehörige einen Beitrag zur Pflege leisten sollten.

© dpa

BERLIN. Die Berliner Medizinsoziologin Professor Adelheid Kuhlmey hat der Behauptung widersprochen, wonach die Bereitschaft der Bundesbürger zur Pflege eines Angehörigen rapide sinkt.

"Die Zustimmung zu familialer Unterstützung ist hoch", sagte Kuhlmey bei der Verleihung des "Berliner Gesundheitspreises 2010" von AOK und Ärztekammer Berlin.

Aus Studien ihres Instituts an der Berliner Charité gehe klar hervor, dass das Gros der Deutschen der Ansicht sei, dass auch Familienangehörige einen Beitrag zur Pflege leisten sollten.

"Dass uns dieser Treibstoff ausgeht, hat mir noch niemand bewiesen", sagte Kuhlmey. Zuletzt hatten unter anderem Forscher des zur PKV gehörenden Zentrums für Qualität in der Pflege erklärt, die Bereitschaft zur Pflege eines Angehörigen habe abgenommen.

Bei ihren Umfragen habe nur eine Minderheit der These zugestimmt, Familiepflege passe nicht mehr in die heutige Zeit, betonte Kuhlmey. Die Politik sei jetzt aufgerufen, die "Ressource Familie als beachtlicher Versorgungsinstanz" zu erhalten.

Dazu zählten Rahmenbedingungen, die eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Berufsarbeit ermöglichen. Außerdem brauchten die Helfer mehr Hilfe. Ansonsten würden sie - bedingt durch die "Endlos-Pflege" eines Angehörigen - selber zum Pflegefall. Umgekehrt müssten Angehörige Unterstützungsangebote öfter abrufen.

In Deutschland werden derzeit etwa 1,6 Millionen Pflegebedürftige zu Hause versorgt. Weil es jetzt schon zu wenige Pflegekräfte und pflegende Angehörige gibt, die eine wachsende Zahl von Pflegebedürftigen versorgen können, will Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) den Pflegeberuf durch bessere Rahmenbedingungen attraktiver machen und die Hilfen für Angehörige weiter ausbauen.

Geplant sind unter anderem Kuren. Grünen-Pflegeexpertin Elisabeth Scharfenberg warf Rösler vor, mit seinem "Pflegedialog" lediglich "Selbstinszenierung" zu betreiben.

Röslers Vorschläge zur Entlastung pflegender Angehöriger gingen an den Problemen der Betroffenen "komplett vorbei". Wichtiger als Kuren seien Hilfsangebote, mit denen der Überforderung vorgebeugt werde, sodass gar keine Kur nötig werde.

Ausgezeichnete Projekte für Helfer

Der von AOK und Ärztekammer Berlin ausgelobte "Berliner Gesundheitspreis 2010" geht an Initiativen, die ein Ziel verfolgen: Entlastung pflegender Angehöriger. Die drei ausgezeichneten Projekte sind:

Pflege in Not: Die Berliner Beratungsstelle wurde im Jahr 2000 von der Sozialpädagogin Gabriele Tammen-Parr gegründet und ist eine bundesweit einzigartige Anlaufstelle für Menschen, die im Zuge der Pflege zu Hause in Konflikt- oder sogar Gewaltsituationen geraten - sei es als Pflegende oder Gepflegte. Am Telefon oder in persönlichen Gesprächen erhalten Ratsuchende unbürokratisch Hilfe.

allfa beta:
Das 2007 in München entstandene Projekt unterstützt und berät allein erziehende Mütter mit behinderten Kindern. "allfa beta" versteht sich als "Kontaktnetzwerk", das Frauen mit ähnlichen Lebenssituationen zusammenbringt, Austausch ermöglicht und so drohender Isolation vorbeugt.

Bürgerinitiative Stendal:
Im Rahmen des Projekts kümmern sich freiwillige Helfer der Hansestadt Stendal im Nordosten Sachsen-Anhalts in einer eigenen Tagesstätte um Senioren oder helfen ihnen zu Hause. Die Kosten der Tagesstätte teilen sich das Land Sachsen-Anhalt und die Pflegekassen.

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