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Ärzte Zeitung, 27.04.2011

Hintergrund

Dringend gesucht: Behandlungsteams für erfolgreichen Integrationsvertrag

Klein, aber fein: So könnte man das integrierte Versorgungsprogramm "BKK-Rückenschmerz" charakterisieren. Die Erfolge in sechs NRW-Städten können sich sehen lassen. Um das Programm flächendeckend anbieten zu können, werden aber noch viele Teams benötigt.

Von Ilse Schlingensiepen

Dringend gesucht: Behandlungsteams für einen erfolgreichen Integrationsvertrag

Da Rückenschmerz viele Ursachen haben kann, bietet der IV-Vertrag diverse Optionen.

© PeJo/fotolia.com

Die Betriebskrankenkassen (BKK) in Nordrhein-Westfalen wollen für ihre Versicherten mit chronischen Rückenschmerzen flächendeckend ein integriertes Versorgungsprogramm anbieten.

Das Problem der Kassen: Sie finden nicht genügend Behandlungsteams von Orthopäden, Physiotherapeuten und Psychologen, die an einem Standort zusammenarbeiten.

Die interdisziplinäre, multimodale Zusammenarbeit verschiedener Behandler ist der Kernpunkt des integrierten Versorgungsprogrammes "BKK-Rückenschmerz", das von den BKKen bundesweit entwickelt wurde.

In Nordrhein-Westfalen kommt es zurzeit an sechs Standorten zum Einsatz: in Dortmund, Duisburg, Gelsenkirchen, Köln, Leverkusen und Velbert. Die dort aktiven Teams haben bislang rund 300 Patienten versorgt.

Die Kassenmitarbeiter bieten das Programm gezielt Patienten mit Rückenschmerzen an, die arbeitsunfähig sind. Die Behandlerteams übernehmen die Diagnostik und Therapie.

Das Konzept umfasst neben der medizinischen Versorgung Elemente wie die Information der Patienten über Rückenerkrankungen und die Schmerzbewältigung, krankengymnastische Übungen und Körperwahrnehmungstraining, eine intensitätsgesteuerte Bewegungstherapie oder die arbeitsplatzbezogene Beratung.

Aus dem Medizinischen Versorgungszentrum Dr. Kretzmann und Kollegen in Dortmund liegen jetzt erste Behandlungsergebnisse von rund 60 Teilnehmern vor. Die Patienten werden dort je nach Schwere ihrer Erkrankung an 16 aufeinander folgenden Behandlungstagen drei Stunden täglich betreut oder an 20 Tagen jeweils fünf bis sechs Stunden. Sie sehen an jedem der Tage einen Arzt.

Über 60 Prozent sehen sehr gute und gute Fortschritte

29,5 Prozent der Patienten bewerteten die Behandlungsergebnisse als sehr gut, 31,8 Prozent als gut. Bei 20,5 Prozent war eine leichte Verbesserung ihres Gesundheitszustands eingetreten, 18,2 Prozent der Rückenkranken konnten keinen Fortschritt erkennen.

Erhoben wurde das subjektive Schmerzempfinden der Patienten, berichtet Orthopäde Dr. Willi Kretzmann. "Wir prüfen auch die Funktion. Viele Patienten können sich wieder besser bewegen."

Sehr wichtig sei die umfassende Eingangsuntersuchung zu Beginn, sagt Kretzmann. Es umfasst die ärztliche Anamnese, die körperliche Untersuchung und psychologische Beurteilung, die Erfassung von Risikofaktoren der Chronifizierung und die Erhebung des sozialen Kontextes. Auf dieser Basis wird ein Therapieplan erarbeitet.

Die kognitive Verhaltenstherapie sei ein bedeutsamer Baustein des multimodalen Konzepts. "Die Schulung ist das A und O, man muss die Patienten mit ins Boot holen." Ein zentraler Erfolgsfaktor sei, dass alle Behandler unter einem Dach arbeiten. "Mit dem Konsiliarsystem bekommt man das nicht hin."

Für Patienten wichtig und ökonomisch richtig

Nach dem Abschluss der Behandlung erhält der behandelnde Arzt - in der Regel der Hausarzt oder der Orthopäde - einen Abschlussbericht. "Wir empfehlen den Kollegen auch weiterführende Maßnahmen", sagt Kretzmann.

Nach der gezielten und intensiven Betreuung konnten rund 30 Prozent der Patienten wieder arbeiten, bis zu 35 Prozent nahmen an einer beruflichen Wiedereingliederungsmaßnahme teil. Das sei als Erfolg zu werten, sagt er. "Je länger Rückenschmerzpatienten arbeitsunfähig sind, desto schwieriger ist es, sie wieder in die Arbeitsfähigkeit zu steuern", sagt Reinhard Brücker, Vorstandsvorsitzender der BKK vor Ort und Vorsitzender der BKK-Vertragsarbeitsgemeinschaft NRW.

Sie vertritt 75 Kassen mit zwei Millionen Versicherten in NRW. Rund ein Viertel der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen könnten nicht zur Arbeit. Sind Versicherte arbeitsunfähig, zahlen Kassen im Schnitt 100 Euro Krankengeld pro Tag. "Das Programm ist aus ökonomischer Sicht richtig und aus Sicht der Patienten", sagt Brücker.

2400 Euro für das große Behandlungsprogramm

Zurzeit arbeitet das BKK-System an einem bundesweiten Evaluierungsmodell für das Projekt. Langfristig wollten die Kassen auch Faktoren wie den Arzneimittelverbrauch der Patienten erfassen. "Zwei Drittel der Betroffenen erhalten inzwischen Schmerzmittel. Vor zehn Jahren war es noch die Hälfte", sagt der BKK-Chef.

Für die Eingangsuntersuchung erhält das Behandlungsteam 250 Euro, für das kleine Behandlungsprogramm 1200 Euro und für das große 2400 Euro. In neue Verträge werden Zielvereinbarungen mit den Ärzten aufgenommen, sagt Katrin Schuldt, Leiterin der Geschäftsstelle der BKK-Vertragsarbeitsgemeinschaft.

"Wenn Versicherte nach dem Programm zwölf Monate nicht wegen der Diagnose Rückenschmerzen arbeitsunfähig werden, erhalten die Ärzte einen Sonderbonus."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ich hab' Rücken - da gibt es Hilfe

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