Ärzte Zeitung, 30.06.2011

Immer mehr Studenten nehmen Antidepressiva

Der Druck auf junge Menschen nimmt zu. Vor allem Studierende sehen sich wachsenden Anforderungen ausgesetzt. Nach Angaben der TK werden Hochschülern immer häufiger Antidepressiva verschrieben.

Von Sunna Gieseke

Gebildet, leistungsbereit -  und krank: Mehr Studenten leiden an Depressionen

Depressiver Student: Prüfungsängste und Leistungsdruck machen den Hochschülern zu schaffen.

© fotolia.com

BERLIN. Hausarbeiten, Referate, Prüfungen - der Druck an deutschen Hochschulen nimmt zu. Und bei den Studenten liegen die Nerven blank.

Nach Angaben des aktuellen Gesundheitsreports der Techniker Krankenkasse (TK) entfällt der größte Anteil der an Hochschüler verschriebenen Medikamente auf Präparate zur Behandlung des Nervensystems. In den letzten vier Jahren verzeichnete die TK in dieser Arzneimittelgruppe einen Anstieg des Volumens von 54 Prozent.

Ärzte verschreiben häufiger Medikamente

"Aber nicht nur das Arzneimittelvolumen, sondern auch der Anteil der medikamentös behandelten Studierenden ist gestiegen", betonte TK-Chef Norbert Klusen. Zudem verschrieben Ärzte häufiger Medikamente zur Behandlung von depressiven Hochschülern.

"Der mit Antidepressiva behandelte Anteil der Studierenden stieg seit 2006 um mehr als 40 Prozent", sagte Dr. Thomas Grobe vom IGES-Institut in Hannover.

Der Psychologe Heiko Schulz von der TK sieht den sogenannten Bolognaprozess als ursächlich für diese Entwicklung. Gemeint ist damit die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse, die die Rahmenbedingungen für Studierende erheblich verändert hätten.

"Der Karrieredruck hat für die jungen Menschen deutlich zugenommen", so Schulz. Es würden außer einem guten Studienabschluss auch Auslandserfahrung und Praktika erwartet. Die Prüfungsängste der Studierenden seien dadurch gestiegen.

Studenten bekommen mehr Psychopharmaka als erwerbstätige Altersgenossen

Außer den Arzneimitteldaten hat die TK auch die Diagnosedaten von etwa 135.000 bei der TK eigenständig versicherten Studierenden ausgewertet.

Demnach erhalten Studierende deutlich mehr Psychopharmaka als ihre erwerbstätigen Altersgenossen. In beiden Gruppen wurden aber insgesamt etwa gleich häufig psychische Störungen diagnostiziert.

Bei knapp 30 Prozent der jungen Frauen zwischen 20 und 34 Jahren sei mindestens einmal eine psychische Diagnose gestellt worden, so Grobe. Junge Männer seien mit einem Anteil von 13,4 Prozent bei den Studentenund 12,5 Prozent bei den Beschäftigten deutlich seltener betroffen.

Klusen: Gedanken machen, wo Grenze zwischen gesund und krank gezogen wird

Gebildet, leistungsbereit -  und krank: Mehr Studenten leiden an Depressionen

Fragt nach den Grenzen von gesund und krank: Norbert Klusen, Vorstandschef der Techniker Krankenkasse.

© axentis/Lopata

Nach Ansicht von TK-Chef Klusen ist dies auch ein "Etikettierungsproblem": "Wenn drei von zehn jungen Frauen im Jahr eine psychische Diagnose gestellt bekommen, muss man sich auch Gedanken darüber machen, wo die Grenzen zwischen gesund und krank gezogen wird."

Experten warnen hingegen seit Jahren davor, dass psychische Erkrankungen zunehmen. Diese müssten rechtzeitig erkannt und behandelt werden, damit sie nicht chronifizieren.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind die Kosten durch psychische Erkrankungen zwischen 1993 und 2008 von 19,2 auf 28,7 Milliarden Euro gestiegen (wir berichteten).

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »