Ärzte Zeitung, 20.10.2011

Kasse will 100 Millionen Euro für Politikfolgen-Forschung

Welche Folgen haben die gesundheitspolitischen Entscheidungen? Sie würden kaum analysiert, bemängeln Experten - und fordern: Die Forschungsministerin soll dafür Geld locker machen. Die Barmer GEK hält 100 Millionen Euro für sinnvoll.

Kasse will 100 Millionen Euro für Politikfolgen-Forschung

Dr. Rolf-Ulrich Schlenker fordert Forschungsgelder in Höhe von 100 Millionen Euro für alle Kassen.

© Metodi Popow / imago

KÖLN (iss). Die Versorgungsforschung benötigt deutlich mehr Finanzmittel. Das bislang zur Verfügung stehende Geld reicht zur Klärung drängender Forschungsfragen nicht aus.

Darauf haben Experten beim 10. Kongress für Versorgungsforschung in Köln hingewiesen.

Gelder für Forschung gefordert

"Als Krankenkassen brauchen wir Gelder für Forschung und Entwicklung", sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK Dr. Rolf-Ulrich Schlenker.

Die Kassen verfügten über einen umfangreichen Datenpool.

100 Millionen Euro für alle Kassen sinnvoll

Schlenker, der das Bundesforschungsministerium in der Pflicht sieht, hält rund 100 Millionen Euro für alle Kassen für sinnvoll.

"Wir sind in Deutschland bereits auf einem guten Weg, aber es ist nicht genug Geld da für alle Aufgaben", sagte Kongresspräsident Professor Holger Pfaff, Vorsitzender des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung.

"Brauchen auch eine evidenzbasierte Gesundheitsforschung"

Das gelte für die Politikfolgen-Forschung. "Wir brauchen nicht nur eine evidenzbasierte Medizin, sondern auch eine evidenzbasierte Gesundheitsforschung."

Die wissenschaftliche Begleitung politischer Entscheidungen sei in Bereichen wie den Rabattverträgen oder den Verträgen zur integrierten Versorgung notwendig, betonte der Gesundheitsökonom Professor Gerd Glaeske. "Es ist eine Katastrophe, dass nirgendwo die Evaluation politischer Entscheidungen vorgesehen ist."

Forschungsbedarf bei Versorgung von dementen Menschen

Die hausarztzentrierte Versorgung sei verpflichtend eingeführt worden, obwohl es weltweit keine Evidenz gebe, dass sie das bessere System sei.

Dringenden Forschungsbedarf sieht er auch bei der Versorgung von Demenz-Patienten. "Wenn sich eine Krankheit so entwickelt, müssen wir uns heute dringend auf morgen vorbereiten."

[20.10.2011, 19:01:53]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
100 Millionen € Extra für die "Versorgungsforschung" der GKV-Kassen?
Vorweg: Ich bin 100-prozentig f ü r Versorgungsforschung! Was z. B. der Lehrstuhl für Allgemeinmedizin in Frankfurt/M. leistet, ist vorbildlich und kann von vielen anderen medizinischen Fakultäten gar nicht realisiert werde, weil diese keine Mittel und nur leere Stühle bereitstellen.

Aber wenn ausgerechnet ein BEK-GEK-Vorstand vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für Projekte der Versorgungsforschung a l l e r GKV-Kassen 100 Mio. € einfordert, kann nichts Gutes herauskommen. Bisher hatten wir

1. Eine dilettantischen Befragung 2010 (und 2008) zu "gefühlten" Wartezeiten der Patienten. Der BKK Bundesverband ließ 6000 Arztbesucher retrospektiv telefonisch interviewen: O h n e akute Beschwerden Wartezeit 25 Tage (2008: 26 Tage). Im Wartezimmer dann 27 Minuten (2008: 28). Bei Privatversicherten im Wartezimmer 21 Minuten (22). Bei Hausärzten im Mittel 27 Minuten (30). Bei den "Privaten" Warten ohne Beschwerden 17 Tage (2008: 12 Tage). Keine Differenzierung zwischen Notfall, akuter Dringlichkeit, chronischen Erkrankungen, Befindlichkeitsstörungen, Kontroll- oder Vorsorgeterminen. Die Befragten hätten das retrospektiv am Telefon auch nicht erinnert. Dass Hausärzte taggleich Akuttermine vergeben, interessierte nicht.

2. Ein fragwürdiges Gutachten, vergeben durch den GKV-Spitzenverband der Krankenkassen an die Schweizerische PROGNOS-AG. Diese forderte bundesweit die ersatzlose S t r e i c h u n g von 12.000 (Fach-)Arztsitzen und die Finanzierung ihrer Liquidierung durch KVen und Vertragsärzte selbst.

3. Eine aberwitzige Interpretation der von AOK und Bundesverbandsvorstand Jürgen Graalmann in Auftrag gegebenen "YouGovPsychonomics"- Studie mit dem Titel "Budgetvorgaben, Arbeitsbelastung und Praxisöffnungszeiten am Quartalsende". Der AOK-Bundesverband "vergaß" einfach, dass auch am Quartalsende Urlaub gemacht werden muss. Pro Vertragsarzt/-ärztin ergeben Fortbildung, Jahresurlaub und Krankheitsausfälle ca. 8 Wochen/Jahr. Aus KV-vereinbarten 20 Praxissprechstunden pro Woche (die tatsächliche Inanspruchnahme liegt weit höher) wollte die AOK "ihre" Kassenärzte zu 51 Wochenarbeitsstunden verpflichten und Privatleistungen bzw. IGeL erst ab der 52. Stunde zulassen.

Geradezu fantastisch, was Gerd Glaeske, Bremer Professor für Gesundheitökonomie behauptet. Die hausarztzentrierte Versorgung (HzV) sei ohne Evidenz verpflichtend eingeführt worden. Hallo Herr Glaeske, Sie saßen in Köln mit GKV-Kassen zusammen, die seit 2007 trotz eindeutiger Gesetzeslage (SGB V) die HzV bis auf’ s Messer bundesweit bekämpft opder torpediert haben. Und diese offensiv n i c h t eingelösten HzV-Verpflichtungen wollen Sie auch noch evaluieren?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[20.10.2011, 17:34:05]
Egon Manhold 
Ich hoffe sehr ...
... die 100 Millionen Euro müssen nicht wir -die in der GKV Versicherten- zahlen!

Die Kosten für das unmögliche eCard-System müssen wir m.W. ja schon tragen. Das sollte eigentlich reichen! zum Beitrag »

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