Ärzte Zeitung, 27.10.2011

Macht der Morbi-RSA krank?

Der Morbi-RSA macht die Menschen kränker als sie sind - zumindest auf dem Papier. Diesen Vorwurf erhebt erneut eine Gruppe von Krankenkassen. Sie wollen den Morbi-RSA zurechtstutzen.

Von Sunna Gieseke

"Morbi-RSA drängt Kassen in Schieflage"

Einige Betriebskrankenkassen sehen sich durch den Gesundheitsfonds benachteiligt - und geraten dadurch in finanzielle Schieflage, klagen sie. Vor allem die Prävention komme zu kurz.

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BERLIN. Zu intransparent, zu manipulationsanfällig: Die Betriebskrankenkassen im Unternehmen (BKKiU)- ein Zusammenschluss von 34 betriebsbezogenen Kassen - haben massiv den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) kritisiert.

"Der Morbi-RSA ist nicht in der Lage, Chancengleichheit für Krankenkassen im Wettbewerb zu schaffen", sagte Jürgen Brennenstuhl, Vorstandsvorsitzender der BKKiU, am Donnerstag in Berlin.

Stattdessen stelle diese "hochkomplexe, hochbürokratische Umverteilungsmaschinerie" viele Krankenkassen vor massive Probleme: Die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds seien nicht planbar.

Durch die derzeitige Verteilung der Finanzmittel gerieten gesunde Kassen in eine Schieflage. Im Ergebnis drohe eine Einheitskasse, so Brennenstuhl.

Gut gemeint, schlecht umgesetzt

Die Ziele des Morbi-RSA seien von der Politik "gut gemeint" gewesen, doch das System funktioniere nicht in der Praxis.

Die ursprüngliche Idee lautete, die unterschiedlichen Versichertenstrukturen zwischen den gesetzlichen Krankenkassen auszugleichen. Statt dessen verleite das System zu einer "künstlichen Produktion von Erkrankungen", kritisierte Brennenstuhl.

Mit anderen Worten: Der Morbi-RSA verleite mit dem sogenannten "Upcoding" zu Manipulationen.

Depression zahlt sich aus

Insbesondere bei Volkskrankheiten könnten die Zuweisungen weit über den tatsächlichen Kosten liegen.

Nach Angaben der Betriebskrankenkassen erhält zum Beispiel eine Kasse für einen Versicherten mit der Diagnose "unspezifische depressive Störung" einen Zuschlag von rund 620 Euro.

Lautet die Diagnose hingegen "Depression" betrage der Zuschlag doppelt so viel. Die Zahl der gemeldeten Diagnosen sei zwischen 2006 und 2009 um fünf bis acht Prozent pro Jahr gestiegen.

Die Demografie erkläre lediglich ein Viertel dieses Anstiegs, betonte Brennenstuhl.

BKKen wollen RSA beschneiden

Manipulationen und Fehldiagnosen im Morbi-RSA kosteten das Gesundheitssystem bis zu 18 Milliarden Euro im Jahr.

Der Morbi-RSA müsse daher auf schwerwiegende, klar abgrenzbare und mit hohen Kosten verbundene Krankheiten begrenzt werden, forderte BKKiU-Vorstand Thomas Quell.

Der Präsident des Bundesversicherungsamtes, Dr. Maximilian Gaßner, hatte allerdings bereits vergangenes Jahr darauf hingewiesen, dass das Gesetz entsprechend modifiziert worden sei.

Brennenstuhl: Prävention zahlt sich nicht aus

Sollten Manipulationen und ähnliches festgestellt werden, könne die Kassenaufsicht Zuweisungen an die Kassen kürzen. Das habe die Motivation zu tricksen auf der Kassenseite gedämpft.

Gerade die BKKiU haben nach eigenen Bekundungen ein besonderes Interesse daran, dass ihre Versicherten gesund bleiben. Der Morbi-RSA erzeuge jedoch eine "Krankheitsorientierung".

Prävention zahle sich kaum noch aus, doch gerade diese müsse im Zuge der demografischen Entwicklung klar gefördert werden.

[27.10.2011, 17:13:55]
Erwin Bader 
Eine Begrenzung des Morbi-RSA ist gerechter?
Da hat der Herr Brennenstuhl wohl den "Evaluationsbericht zum Jahresausgleich 2009 im Risikostrukturausgleich" nicht gelesen, nicht verstanden oder will ihn nicht verstehen.

Dabei muss man gar nicht alle 250 Seiten lesen - die 8-seitige Zusammenfassung am Anfang des Berichts lässt an Klarheit nichts zu wünschen.

Praktisch alle Vorwürfe der BKKiU sind dort vom Wissenschaftlichen Beirat des Bundesversicherungsamtes eindeutig widerlegt. zum Beitrag »

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