Ärzte Zeitung, 08.06.2012

Krankenversicherung der Zukunft: Drei-Schichtenmodell?

Das duale Krankenversicherungssystem mit GKV und PKV müsse reformiert werden - immer wieder werden diese Rufe laut. Doch die Frage lautet: Wie? Jetzt hat ein Münchner Diplom-Volkswirt sein Konzept präsentiert: Es basiert auf einem Drei-Schichtensystem mit einer einheitlichen Grundversorgung.

Von Dirk Schnack

Krankenversicherung der Zukunft: Drei-Schichtenmodell?

Entwickelt ein spannendes Konzept: Dr. Florian Pfister.

© Privat

WESTERLAND. SPD-Politiker Professor Karl Lauterbach warb kürzlich auf dem Deutschen Ärztetag in Nürnberg für die Bürgerversicherung, für die CDU beschrieb Jens Spahn die aus seiner Sicht bestehende Notwendigkeit, die PKV weiter zu entwickeln. Auch Dr. Frank Ulrich Montgomery machte als Präsident der Bundesärztekammer das duale Krankenversicherungssystem in Nürnberg zu einem zentralen Thema.

Neben den bekannten Konzepten gibt es aber weitere Ideen, wie die Krankenversicherung in Deutschland reformiert werden könnte. Eine davon präsentierte Diplom-Volkswirt Dr. Florian Pfister aus München vor wenigen Tagen auf einer zahnärztlichen Fortbildung in Westerland auf Sylt.

Er schlug als Ergebnis seiner Dissertation ein Drei-Schichtensystem mit einer bedarfsgerechten einheitlichen Grundversorgung als Basis vor.

Auf einer zweiten Ebene könnten die Bürger dann eine freiwillige Zusatzversicherung für weitere Leistungen abschließen, darüber hinaus sind Selbstzahlerleistungen möglich.

Eine Mischung aus PKV und GKV

Bei dieser Mischung aus PKV und GKV wären deren Grenzen aufgehoben, für die Grundversorgung gäbe es einen Kontrahierungszwang mit Versicherungspflicht für alle Bürger.

Merkmale des Systems wären unter anderem risikoäquivalente Prämien, individuelle prospektive Alterungsrückstellungen, ein Sozialausgleich, Kostenerstattung sowie Selektivverträge mit Kollektivvertragabsicherung und ein einheitliches Vergütungssystem.

Als Vorteile nannte Pfister einen fairen Wettbewerb zwischen den Krankenversicherungen, eine hohe Wettbewerbsintensität und eine Minimierung der Transaktionskosten.

Weil nach diesem Modell jeder Bürger die gleiche bedarfsgerechte Grundversorgung erhalten würde, die von allen finanziert würde, sei dieses Modell auch gerechter und transparenter als der Status quo.

Hinzu kommt, dass aufgrund unter anderem der breiten Einnahmenbasis und der Kapitaldeckung dieses Mischmodell auch nachhaltiger sei als etwa die GKV.

Widerstände wären programmiert

Pfister erwartet allerdings erhebliche Widerstände gegen ein solches Modell. "Die Koalition der Gegner wäre größer als die Zahl der Hauptprofiteure", stellte Pfister klar.

So müssten etwa die meisten Rentner und Bald-Rentner nach diesem Modell mehr einzahlen als bislang. Pfister schlug deshalb eine mehrstufige Umstellung vor.

Kurzfristig könnten die Eigenverantwortung und Selektivverträge gestärkt und bei Kindern auf risikoäquivalente Beiträge umgestellt werden. Einkommensunabhängige Beiträge bei allen Erwachsenen und Alterungsrückstellungen für heute Erwerbstätige in der GKV sollten langfristig umgesetzt werden.

Trotz der zu erwartenden Widerstände hält Pfister eine Umstellung für ratsam, weil beide Versicherungssysteme im Status quo Schwächen aufweisen. Hauptproblem der GKV ist aus Sicht Pfisters die Nachhaltigkeit.

Beginnend mit Eintritt der Babyboomer-Jahrgänge ins Rentenalter ab Ende der 2010er Jahre müsste die GKV ihren Beitragssatz in eine allmählich nicht mehr vertretbare Höhe schrauben, wenn der Leistungskatalog nicht drastisch eingeschränkt wird.

Hinzu kommt als Problem für die GKV: die privaten Versicherungen haben unter dem Strich noch immer einen Zulauf, womit die GKV destabilisiert wird.

Die PKV ist durch die Kapitaldeckung zwar nachhaltiger, weist aber andere Schwächen auf. Als Beispiel nannte er die geringe Wettbewerbsintensität - es findet lediglich ein Preiswettbewerb um Neukunden statt.

Ein weiterer Vorteil des Mischmodells gegenüber dem dualen System: die Kosten für die derzeit doppelte Administration von zwei nebeneinander bestehenden Vollversicherungssystemen könnten in einem erheblichen Maß gesenkt werden.

[11.06.2012, 16:23:15]
Dr. Birgit Bauer 
Strukturänderungen längst überfällig !
Diese oder ähnliche Vorschläge geistern doch schon länger durch deutsche Lande und scheitern am nicht vorhandenen Änderungswillen der etablierten Strukturen.
Wer schafft sich schon seine Arbeitsplätze selbst ab !
Unsere Politiker haben leider keinerlei Durchsetzungsvermögen und die mangelnde Fachkenntnisse verhindern wirklich tragfähige Strukturänderungen, die eigentlich längst überfällig sind.
Vielleicht geschieht ja doch noch ein Wunder, die Hoffnung stirbt zuletzt.
M.f.G. B.Bauer zum Beitrag »
[09.06.2012, 09:26:38]
Dr. Lothar Birkel 
Frei von politischem Kalkul gut durchdacht
Geht doch! möchte man sagen. Endlich wird eine Neuregelung der Krankenversicherung in Deutschland nicht nur angedacht, sondern auch mit klugem Geist durchdacht. Das vorgestellte Konzept ist eine Lösung ohne sozialistisch-ideologische Verbrämung und ohne Festhalten an nicht funktionierenden Bisher-Modellen.

Natürlich brauchen wir eine bezahlbare, demographiestabile Basisversicherung für alle Deutschen, inclusive der bisherigen Privatversicherten und der Beamten - alle in ein Boot! Natürlich dürfen die privaten Versicherer nicht sterben, sie bilden das finanzielle Rückgrad unseres ambulanten Systems und sind als einzige in der Lage individuelle Risiken und höhere Anspruch an die Medizin abzusichern.

Es gibt zwei große Hindernisse für die Umsetzung: zum Einen gilt es die Leistungen einer solchen Basisversicherung klar zu definieren und das heißt zu beschränken: medizinisch sinnvoll, notwendig, qualitativ hochwertig. Das bedeutet für die Basisversorgung: nicht das Neueste und Beste, sondern das kostengünstige Bewährte! On Top wird privat abgesichert.

Zum Anderen müsste sich die große Gruppe der Beihilfeempfänger (und die finden sich in unseren Verwaltungen,Behörden und Schulen) auf ein Gesundheitssystem mit höheren Kosten für sich einstellen - hier wird es wohl heftigen Widerstand geben. Aber auch da sollten sich verträgliche Lösungen finden um die Weichen für die Zukunft zu stellen. zum Beitrag »

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