Ärzte Zeitung, 28.06.2012

Abschied vom Chef-Posten

54 Jahre im Dienst der GKV sind Wilfried Jacobs nicht genug: Eine Woche nach seinem Abschied als Chef der AOK Rheinland-Hamburg macht er mit einem eigenen Institut weiter.

Von Ilse Schlingensiepen

Jacobs' Ziel: Versorgung, die verstanden wird

Jacobs: "Ich suche keine Schuldigen. Dafür habe ich keine Zeit und keine Lust."

© Jürgen Schulzki

DÜSSELDORF. Der Abschied von der Spitze der AOK Rheinland/Hamburg wird für Wilfried Jacobs kein Abschied vom Gesundheitswesen.

Nach seiner Verabschiedung am 29. Juni gönnt sich Jacobs gerade einmal eine Woche Urlaub, bevor er in seine neue Rolle schlüpft: Die Leitung des von ihm neu gegründeten Instituts für patientenorientierte Versorgungsablaufforschung (IPOV) in Neuss.

Der 68-jährige Jacobs ist alleiniger Gesellschafter des gemeinnützigen Instituts, er wird dort zunächst zwei Mitarbeiter beschäftigen. In der Startphase wird das IPOV von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung gefördert.

"Ich möchte herausfinden, wo den Patienten im Medizinbetrieb der Schuh drückt", erläutert Jacobs im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Erwartungen an den Medizinbetrieb klären

Er will sichtbar machen, wo die Abläufe im System den Bedürfnissen der Patienten zuwiderlaufen und sie dadurch verunsichern und unzufrieden machen. Dabei gehe es ihm weder um die medizinischen Aspekte der Versorgung noch um die wirtschaftliche Seite.

"Ich will die Frage klären, welche Erwartungen die Menschen an den Medizinbetrieb haben, und wie der Medizinbetrieb damit umgeht", sagt er.

In den meisten Fällen seien es nicht die Therapieentscheidungen oder die Qualität der Behandlung, die Patienten irritieren, sagt Jacobs.

Verunsicherung und Ärger resultierten in vielen Fällen aus intransparenten Abläufen und mangelnder Koordination zwischen den Versorgungsebenen. "Die Patienten verstehen die Logik nicht, und meistens erklärt ihnen auch niemand die Zusammenhänge", sagt Jacobs.

Das zeigten auch die Erfahrungen von "Clarimedis", dem 2001 gegründeten telefonischen Beratungszentrum der AOK Rheinland/Hamburg in Köln. Die Irritationen über die Undurchschaubarkeit des Systems seien je größer, desto schwerwiegender die Erkrankung der Betroffenen sei.

Ein Transparenzprojekt

Jacobs will sich mit dem IPOV zunächst um zwei Gruppen kümmern: Krebspatienten und Menschen mit Demenz sowie ihre Angehörigen.

Die Perspektive des Patienten spiele im Gesundheitswesen eine viel zu geringe Rolle, sagt er. "Krankenkassen, Krankenhäuser und Ärzte haben jeweils ihren eigenen Blick auf das Geschehen. Bei keinem spielt dabei der Blick des Patienten eine Rolle."

Aus seiner langjährigen Tätigkeit - Jacobs stand 54 Jahre im Dienst der gesetzlichen Krankenversicherung, davon 18 Jahre an der Spitze der rheinischen AOK - habe er eine gute Übersicht darüber, wo die Hauptprobleme bei den Abläufen liegen, sagt er.

Gleichzeitig will er das vorhandene Datenmaterial sichten. "Die Hauptzeit meiner Tätigkeit werde ich darin investieren, den Betroffenen zuzuhören." Als wichtige Anlaufstelle sieht er dabei die Selbsthilfegruppen.

Gegenstand des Instituts seien nicht wissenschaftliche Studien. "Es geht mir um ein Transparenzprojekt." Die Transparenz über die Probleme, die Patienten mit den Abläufen im Gesundheitssystem haben, kann dazu beitragen, pragmatische Vorschläge zur Verbesserung zu entwickeln, hofft er.

Offene Türen eingerannt

"Dann müssen wir mit der breiten Öffentlichkeit und den beteiligten Institutionen die Diskussion darüber beginnen, was davon umsetzbar ist." Auch dabei müsse man aber die interne Logik des Systems verlassen und den Blickwinkel der Betroffenen einnehmen.

"Gerade pragmatische Vorschläge sind oft so, dass die Patienten zufrieden sind, die Institutionen sagen: Das hätte so gar nicht funktionieren dürfen."

Gerade weil es um die Umsetzung von patientennahen Konzepten geht, setzt Jacobs auf die Zusammenarbeit mit möglichst vielen Beteiligten, nicht auf Konfrontation. "Ich suche keine Schuldigen. Dafür habe ich keine Zeit und keine Lust."

Mit seinem Interesse an der Verbesserung der Abläufe aus Sicht der Patienten stehe er nicht allein da, sagt Jacobs. "Die erste Resonanz auf mein Projekt ist sehr vielversprechend." Bei vielen Gesundheitspolitikern renne er mit seinem Vorhaben offene Türen ein.

[09.07.2012, 13:44:00]
Ulla Ohlms 
Gute Idee, peinliche Kommentare
Was spricht eigentlich dagegen, den Medizinbetrieb einmal aus Patientensicht zu beleuchten? Daran fehlt es doch, wie ich als Krebspatientin nur allzu gut weiß. Viel zu oft sind wir lediglich Objekt im Betrieb und nicht selten haben wir den Eindruck, nur zu stören. Dabei geht es doch bei allen Aktivitäten um uns, oder irre ich da?!

Lächerlich macht sich nicht derjenige, der die Rolle der Patienten im komplexen Medizinbetrieb stärker thematisieren will - lächerlich machen sich Ärzte, die von Elfenbeintürmen reden und die Bezüge-Keule schwingen. Ich bin jedenfalls gespannt auf die Aktivitäten des neuen Instituts. Die warte ich erst mal ab, bevor ich (peinliche) Kommentare schreibe.
M.f.G.
Ulla Ohlms zum Beitrag »
[03.07.2012, 13:31:42]
Wilfried Jacobs 
Anmerkung zu den beiden Kommentaren
Selbstverständlich ist mir aus dienstlicher Tätigkeit ausreichend bekannt, wo den Patienten im Medizinbetrieb der Schuh drückt. Und darauf habe ich während meiner aktiven Zeit auch mit zahlreichen Verbesserungen zugunsten der Patienten reagiert. Sehr häufig sogar als erste Krankenkasse (z.B. Arzttermine in drei Tagen, Zweitmeinung, Beratungstelefon rund um die Uhr mit über 20.000 Anrufen im Monat, davon 3.000 allein am Wochenende, spezieller Begleitservice für Angehörige von Demenzpatienten usw.). Diese so intensiven Erfahrungen haben mich veranlasst, bei zwei sehr angstbesetzten Krankheitsbildern durch ausführliche Gespräche mit Betroffenen und Selbsthilfeeinrichtungen noch mehr zu erfahren, wo bei einer Verlaufsbetrachtung der gesamten Versorgungskette, also auch die außerhalb der Krankenkassenwelt, der Patient Erwartungen hat, die bei selektiven Anlässen so nicht deutlich werden und wie man darauf weiter verbessernd pragmatisch reagieren könnte. Die große Resonanz auf unser Vorhaben bei Betroffenen und Patientenselbsthilfeeinrichtungen werte ich sehr hoch.
Schade, dass es immer wieder Ärzte gibt, die sofort, wenn sie etwas lesen, die "Hau-Drauf-Sprache" wählen, ohne einmal intensiver nachzudenken oder zu hinterfragen.
M.f.G. W. Jacobs zum Beitrag »
[28.06.2012, 12:24:00]
Dr. Birgit Bauer 
dem Mann kann geholfen werden !
Auch ohne aufwendige Institutsarbeit kann ich Herrn Jacob erklären wie die Pat. in dem verworrenen Zuständigkeitssystem zwischen ambulant, stationär, BG, Rentenversicherungs- und GKV-Strukturen, Arbeitsämtern und Kreisverwaltungen aufgerieben werden.
Das alles erfahre ich jeden Tag von meinen Schmerzpatienten.
Interessant ist für mich, das er trotz dieser langen Arbeitszeit in der GKV von den basisnahen Vorgängen in seinem Elfenbeinturm offensichtlich nichts mitbekommen hat.
Vielleicht ist das ja sogar die Ursache für die Probleme in unserem Gesundheitswesen ????- Hauptsache die Bezüge haben gestimmt !!
M.f.G B.Bauer
 zum Beitrag »
[28.06.2012, 10:36:11]
Dr. Matthias Schreiber 
Murks?
"Ich möchte herausfinden, wo den Patienten im Medizinbetrieb der Schuh drückt", erläutert Jacobs im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Also, wenn er das nicht im Laufe von 50 Jahren "im Dienste" der GKV geschafft hat, dasnn jetzt mit einem Dreimann-Betrieb? Der Mann macht sich lächerlich.  zum Beitrag »

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