Ärzte Zeitung, 20.08.2012

Gesundheitsökonom

Ohne Praxisgebühr wird's für Ärzte teuer

Die Abschaffung des Zehn-Euro-Obolus würde Nebenwirkungen haben. Kassen würden den Wegfall von zwei Milliarden Euro nicht ohne weiteres hinnehmen. Es könnte ans Honorar der Ärzte gehen.

Von Ilse Schlingensiepen

 Ohne Praxisgebühr wird's für Ärzte teuer

Praxisgebühr einziehen nervt - aber fällt sie weg, könnte es für Ärzte teuer werden.

© Bernd Leitner / panthermedia

KÖLN. Die niedergelassenen Ärzte sollten sich nicht zu früh über eine mögliche Abschaffung der ungeliebten Praxisgebühr freuen. Fällt die Praxisgebühr ersatzlos weg, wirkt sich das für die Ärzte wahrscheinlich negativ aus, erwartet Gesundheitsökonom Dr. Thomas Drabinski, Leiter des Instituts für Mikrodaten-Analyse in Kiel. "Das könnte für sie ein doppelter Pyrrhus-Sieg werden", sagte er der "Ärzte Zeitung".

Zum einen werden die Kassen den Wegfall der rund zwei Milliarden Euro Einnahmen nicht klaglos hinnehmen. Nicht zufällig fordern sie in den aktuellen Verhandlungen mit den Ärzten eine Honorarsenkung, sagt er.

"Zehnprozentige Beteiligung der Patienten an Behandlungskosten"

Hinzu komme ein weiterer Effekt. "Wird die Praxisgebühr ohne Ersatz gestrichen, wird es auf absehbare Zeit kein neues Instrument der Eigenbeteiligung für Patienten geben", sagt Drabinski. Er spricht sich dafür aus, für den ambulanten Bereich eine zehnprozentige Beteiligung der Patienten an den Behandlungskosten einzuführen.

Bei durchschnittlichen Kosten von etwas über 400 Euro im Jahr würde das die meisten Patienten nicht stärker belasten als die Praxisgebühr. Für Einkommensschwache und chronisch Kranke müsste es einen sozialen Ausgleich geben.

"Es wäre Aufgabe der Krankenkassen, den Zehn-Prozent-Anteil von den Patienten einzuziehen." Der mit der Praxisgebühr verbundene bürokratische Aufwand in den Arztpraxen würde entfallen. Zudem könnte ein solches Instrument Transparenz über die Behandlungskosten schaffen.

Die Praxisgebühr einfach nur zu streichen, macht seiner Ansicht nach gesundheitsökonomisch keinen Sinn. "Das führte zu einem Einnahmeverlust für die Krankenkassen, und auch der bisherige minimale Steuerungseffekt fiele weg."

[22.08.2012, 09:15:42]
Anthony Goeman 
Monokausale Zusammenhänge
Leider ist es immer wieder zu beobachten, dass auch Ökonomen monokausale Zusammenhänge sehen und dies auch noch in die Welt hinausposaunen. Ich frage mich, welchen Sinn das hat. Vielleicht liegt das an der mikroökonomischen Betrachtungsweise, ohne das "Große und Ganze" zu betrachten. Aber bekanntlich gehen ja auch Makroökonomen meist von sogenannten "ceteris paribus"-Bedingungen aus, die in der Wirklichkeit kaum vorkommen dürften.
Was mich aber noch viel mehr ärgert, ist dass hier nur die (Weniger-) Einnahmen diskutiert werden. Ich behaupte, dass die Praxisgebühr(auch für die Kassen)höhere Gesundheitskosten nach sich zieht. Denn wer schon 10 EURO zahlt handelt auch für sich ökonomisch, wenn er möglichst viele Überweisungen zu Fachärzten holt und möglichst viel Zeit vom Arzt beansprucht, wenn er schon im Wartezimmer warten musste - Stichwort "Moral Hazard".
Ein anderer Gedanke ist, dass sich manche die 10 EURO sparen wollen, da sie schon vorab eigentlich keine Lust haben fürs Warten auch noch Geld zu zahlen und danach für die verschriebenen Medikamente nochmal Geld zu zahlen. Diese Patienten könnten dann eine vermeintlich ungefährliche Krankheit "verschleppen" und zu einem lebensgefährlichen (und viel kostenintensiveren)Zustand führen.
Ich habe, dass Gefühl, dass Ökonomen oft das Verhalten von Menschen nicht berücksichtigen. Meiner Meinung nach sollte man Besseres von Doktoren erwarten können. Die Patienten haben hier bislang jedenfalls keine Hebelwirkung. Sie brauchen jemanden mit Sinn und Verstand der ihre Interessen vertritt. Aber solange man noch keine Steuer und Gebühr auf Sauerstoff zahlen muss, kann ich mich nicht beklagen, bei wem auch?
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[21.08.2012, 10:47:09]
Wolfgang Lohmueller 
Irreführung eines "Gesundheitsökonomen"
Dieser Gesundheitsökonom Dr. Thomas Drabinski sollte wissen,
dass die Praxisgebühr nichts, aber auch gar nichts mit dem Honorar der Ärzte zu tun hat, denn das Ärztehonorar hängt gesetzlich nur von der Grundlohnsumme der Bevölkerung ab. Es ist also offensichtlich bewußte Irreführung. zum Beitrag »
[21.08.2012, 09:08:25]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
7-Punkte zur umstrittenen Praxisgebühr
1. Von GKV-Vertragspraxen eingenommene Praxisgebühren werden o h n e Ausgleich der Verwaltungskosten 1:1 vom GKV-Honorarumsatz quartalsweise abgezogen und sind demnach k e i n e "Kassen Einnahmen".
2. Initiale pekuniäre Abschreckungseffekte mit aufgeschobenen Arztbesuchen haben Dringlichkeit, Menge und Frequenz der Vertragsarzt- und Psychotherapie-Konsultationen schnell wieder ansteigen lassen.
3. In vier Berichtsjahren von 2008 bis 2011 ist die Zahl der Behandlungsfälle um 1,2 Prozent pro Jahr angestiegen, mitverursacht durch Multimorbidität, Alterspyramidenentwicklung und erweiterte GKV- Leistungsansprüche.
4. Knapp zwei Milliarden Euro jährliche Praxisgebühren sind auch deshalb k e i n e Einnahmen der GKV-Kassen, weil sie in E i g e n l e i s t u n g der GKV-Patienten/-innen erbracht werden. Auch von denen, die nur geringfügig oberhalb der Befreiungsgrenze liegen.
5. Die seit 1.1.2004 eingeführte Praxisgebühr mit einem initialen Fallzahlrückgang von 10% und nachfolgender Rekompensation ist damit ein bis heute 17-Milliarden-Euro schwerer GKV-V e r s c h i e b e b a h n h o f zu Lasten aller Versicherten ab dem 18. Lebensjahr.
6. Selbstbeteiligungen der Patienten in Form von Zuzahlungen bei Medikamenten, Heil- und Hilfsmitteln und Kostenübernahme nicht verordnungsfähiger Medikamente (keine Rezeptpflicht, SGB-V- oder G-BA-Ausschluss) existieren bereits. Ein genereller ambulanter 10 Prozent Behandlungskostenanteil schafft ein weiteres GKV-Bürokratiemonster und ist bei Schwerstkranken (Tumorpatienten, Organsystemversagen, Therapie mit "biological response modifiers", Bluterkranken) indiskutabel.
7. Sinnvolle, medizinisch begründbare Steuerungen in Gesetzlichen Krankenversicherungssystemen können nur durch Primärarztmodelle und Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) realisiert werden. Sie dürfen nicht durch Hochglanzprospekte und vollmundige Versprechungen von Kassenfunktionären, die "flatrate" und "all-you-can-eat" rundum Vollversorgung bei sämtlichen Befindlichkeitsproblemen suggerieren, konterkariert werden. Das gilt im Übrigen auch für Private Krankenkassen mit ihrer Prämien- und Legitimationsproblematik.

Mf+kG aus dem Urlaub in Südtirol/Alto Adige, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM
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[21.08.2012, 08:32:55]
Dr. Karlheinz Bayer 
Praxisgebühr und Gesundheitsökonomen - da capo ad finem und ein Thema ohne Ende
Dr. Thomas Drabinski tritt ganz kräftig in die Fußstapfen von diesem SPD-Gesundheitsökonomen mit der Fliege am Hals und den leeren Worthülsen im Mund.
Natürlich sind das Tarfifverhanbdlungen und natürlich wollen die Kassen die 10 Euro Krankenkassenbeiträge, die sie mit der Praxisgebühr den Ärzten auf die Augen gedrückt haben nicht gerne wieder selbst an der Backe haben.
Und es sind knapp ein Fünftel der Einnahmen bei den Patienten, welche die Gebühr bezahlen müssen um die es hier geht und etwa ein Zehntel des Umsatzes einer Allgemeinpraxis, um welche uns die Kassen hier behumpsen.
Aber!
Es gibt auch den anderen Aspekt, daß 4 von 10 Euro der Praxisgebühr verfampfen und in der Bürokratie verschwinden. Es geht um den Ärger und die lästigen gespräche, die man mit Patienten führen muß, um das ganz Muß-das-denn und Ich-brauche-meiner-Ansicht-nach-nicht-weil-ich-schon-beim-Zahnarzt.
Schikanen, Ärger, Geldvernichtung und ein trotzdem recht ordentlicher Batzen Geld, das ist es. Und wegen dem allen sollten sich wahre Ökonomen mal besser Gedanken machen darüber, wie man endlich ein vernünftiges Abrechnungssystem konstruiert statt dieses Irrsinns.
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