Ärzte Zeitung, 03.01.2013

Wachsende Skepsis

An IV-Verträgen scheiden sich die Geister

Mehr Qualität durch IV-Verträge - das ist den meisten Kassen wichtiger als Geld einzusparen. Dennoch zeigt eine neue Studie: An der IV scheiden sich die Geister. Die Gruppe der Skeptiker wächst.

Von Helmut Laschet

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Qualität schlägt Kostensenkung.

© Mathias Ernert

BERLIN. Nach Auslaufen der Anschubfinanzierung Ende 2007 für Verträge zur Integrierten Versorgung (IV) ist die Innovationsdynamik bei dieser Vertragsform erlahmt.

Zwischen 2008 und 2011 zählte der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen einen Rückgang der Vertragszahlen von 6400 auf 6339. Die Zahl der Teilnehmer stieg verhalten von 1,66 auf 1,93 Millionen Versicherte.

Die Ausgaben für Integrationsversorgung wuchsen nur noch geringfügig von 1,225 auf 1,35 Milliarden Euro.

Bis Ende 2007 hatten Kassen einen starken Anreiz, Verträge nach Paragraf 140a ff. abzuschließen. Ein Prozent der Gesamtvergütungen für Vertragsärzte und Krankenhäuser stand ihnen speziell für diese Verträge zur Verfügung.

Das wurde weidlich ausgenutzt - und stand deshalb auch unter dem Verdacht kräftiger Mitnahmeeffekte. Seit 2008 müssen die Kassen IV aus eigener Kraft finanzieren und deshalb schärfer kalkulieren.

Genau das ist aber ein Riesenproblem, weil sich Erfolg oder Misserfolg schwer voraussagen lassen. Probleme bereitet die Bereinigung der Vergütungen für die konventionelle Versorgung.

Das Management von Vertragsabschlüssen und deren Monitoring gelten als aufwändig. Trotz aller Wehklagen über Schnittstellen-Probleme an den Sektorengrenzen des Gesundheitswesens hält sich die Begeisterung für die Integrierte Versorgung in Grenzen. Neben Befürwortern gibt es inzwischen auch eine ausgeprägte Gruppe von Skeptikern, aber beides ist eher Glaubenssache.

Wachsende Skeptikerfront

Wie sich die Einstellung zu IV entwickelt hat, hat der Wirtschaftswissenschaftler Professor Martin Gersch von der FU Berlin nun zum zweiten Mal zum Stichtag 31. Dezember 2011 im Rahmen des "Monitoring Integrierte Versorgung" untersucht.

Die Studie wurde beim 9. Bundeskongress der Deutschen Gesellschaft für Integrierte Versorgung in Berlin vorgestellt.

Teilgenommen an der Studie hatten 23 von insgesamt 145 gesetzlichen Kassen, zusätzlich ein BKK-Landesverband. Die Teilnehmer repräsentieren 57,6 Prozent der gesetzlich Versicherten.

Das Novum der zweiten Erhebung im Vergleich zur ersten Studie, die die Einschätzung der Kassen im Jahr 2009 wiedergab, ist: Es hat sich nun definitiv eine Gruppe von IV-Skeptikern herausgebildet, die neuen oder besonderen Versorgungsformen keine oder höchstens eine geringe Rolle zubilligen wollen. Naturgemäß erwarten diese Skeptiker die geringsten Effekte auf Kosten und Qualität.

So lassen sich drei Gruppen von Kassen bilden, differenziert nach ihren Einstellungen zur IV: Die größte Gruppe (gewichtet nach der Zahl der Versicherten) bildet mit einem 50-Prozent-Anteil die der stabilen Optimisten, gefolgt von wachsenden Fans mit etwa 42 Prozent und schließlich den Skeptikern/Pessimisten mit acht Prozent.

Nur bei den stabilen Optimisten fällt die Beurteilung der bisherigen Verbesserungen durch die Integrationsversorgung signifikant positiv aus: Auf einer Skala von 1 (gar nicht) bis 5 (sehr stark) billigen die Optimisten der IV zu, mit einem Wert von 3,9 einen ausgeprägten Beitrag zur Qualitätssteigerung geleistet zu haben.

Der Wert für die Kostensenkung (2,57) fiel bei den Optimisten deutlich niedriger aus. Skeptiker, aber auch wachsende Fans beurteilen die bisherigen Erfolge der Integrationsversorgung wesentlich zurückhaltender, insbesondere was die Kostensenkungen angeht.

Ist der Gesetzgeber zu streng?

Dabei sind in allen Gruppen die Erwartungen an die Integrationsversorgung hoch. Das gilt vor allem für die Hoffnung auf eine verbesserte Versorgungsqualität, bei der die Gruppe der wachsenden Fans sogar den höchstmöglichen Wert von 5 auf einer Skala von 1 bis 5 wählen.

Nur geringfügig niedriger sind die Erwartungswerte der stabilen Optimisten und der wachsenden Skeptiker (siehe Grafik). Weniger wichtig sind die Erwartungen an künftige Kostensenkungen, sie pendeln bei einem Wert von etwa 4.

Auf einem ähnlichen Niveau liegen die Hoffnungswerte für eine bessere Bindung der Versicherten an ihre Kasse.

Ermittelt wurde in der Studie auch, aus welchen Gründen Vertragsabschlüsse zur Integrationsversorgung scheitern. Am ehesten sind es externe Gründe, vor allem die Bürokratisierung und die hohen rechtlichen Anforderungen.

Vor allem die Gruppe der Skeptiker scheint dies abzuschrecken, aber auch Optimisten sehen darin eine hohe Hürde.

An zweiter Stelle stehen strukturelle Gründe: Selbst Optimisten sagen, dass Kostenvorteile zu langsam sichtbar werden und qualitative Vorteile nicht eindeutig ermittelt werden können.

Für den Wirtschaftswissenschaftler Gersch steht als Fazit fest: "Das zarte Pflänzchen der besonderen Versorgungsformen darf nicht durch noch mehr Bürokratie und Hürden zertrampelt werden."

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