Ärzte Zeitung, 24.01.2013

GKV-Wettbewerb

Wo sind die ganzen Ideen?

Mehr Wettbewerb in der GKV - aber bitte nur, wenn der Rahmen stimmt, fordert DAK-Chef Rebscher. Seine Idee: Eine Kultur des Experiments.

Von Ilse Schlingensiepen

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Mag Experimente: DAK-Chef Rebscher.

© Wigger / DAK

DÜSSELDORF. Wettbewerb ist im Gesundheitswesen nur dann sinnvoll, wenn er breit angelegten Versorgungszielen dient.

Die Ausrichtung an Partikularinteressen passt nicht in das solidarisch finanzierte Sozialversicherungssystem. Davon geht Professor Herbert Rebscher aus, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit.

"Die Politik muss einen Ordnungsrahmen schaffen", sagte Rebscher auf dem 6. Düsseldorfer Neujahrssymposium der augenärztlichen Medizinischen Versorgungszentren ADCT in Nordrhein.

Zurzeit gibt es seiner Einschätzung nach zu viele Brüche zwischen den Grundprinzipien der Sozialversicherung und den tatsächlichen Entwicklungen in der gesetzlichen Krankenversicherung und der Versorgung.

Wettbewerbsordnung ist nötig

Der Leistungskatalog der Krankenkassen sei explizit auf evidenzbasierte Leistungen beschränkt. Dennoch sei es den Kassen erlaubt, als Satzungsleistungen ihren Versicherten auch andere Angebote zu machen. Das sei nicht konsequent.

Das Verhältnis zwischen Kollektiv- und Selektivvertrag sei bislang ungeklärt, kritisierte Rebscher. Dafür werde eine Wettbewerbsordnung benötigt. "Die Benchmark muss die populationsorientierte Versorgung sein."

Die Erprobung von Versorgungsmodellen hält Rebscher für sinnvoll. "Wir wissen einfach nicht, was die beste Versorgungslösung ist." Kassen müssten Verschiedenes ausprobieren dürfen - aber nur unter der Voraussetzung, dass die Ergebnisse gemessen und evaluiert werden.

Es gehe darum, die Innovationsfähigkeit des Gesundheitswesens sicherzustellen. Das setze voraus, dass die Kassen nicht länger gezwungen sind, sich an den kurzfristigen finanziellen Auswirkungen zu orientieren. Gleichzeitig dürften Innovationen keine "Black box" sein.

"Das Ergebnis eines Versorgungskonzeptes ist kein unternehmerisches Geheimnis", betonte der Chef der DAK-Gesundheit. Die Kassen müssten gezwungen werden, hier für Transparenz zu sorgen, forderte er.

Notwendig seien zudem verlässliche und transparente Qualitätsindikatoren und eine Risiko-Adjustierung der Modelle. Sie dürften nicht so angelegt sein, dass es für Ärzte einen Anreiz gibt, schwere Fälle weiterzureichen.

Unverständliches Vergütungssystem

Wenn sich unter solchen Bedingungen eine experimentelle Kultur etabliert, könnte das System davon profitieren, glaubt Rebscher. "Dann hätten wir einen Wettbewerb um Ideen."

Professor Volker Amelung, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Managed Care, hält für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens einen Innovationsfonds für sinnvoll.

"Wir brauchen freie Mittel für Innovationen", sagte er. Investitionen müssten auch in den Ausbau der Versorgungsforschung fließen.

Um den künftigen Herausforderungen in der Versorgung gerecht werden zu können, sei es nötig, die ärztliche Tätigkeit wieder auf ihren Kern zurückzuführen.

"Reformen müssen dahin gehen, mit der Ressource Arztzeit anders umzugehen." Für dringend notwendig hält Amelung auch die Reform des ärztlichen Vergütungssystems. "Mit einem System, das kaum noch jemand versteht, kann man nicht steuern."

Handlungsbedarf sieht Amelung, der Professor für Gesundheitsmanagement und Gesundheitssystemforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover ist, auch bei der Schwerpunktsetzung im Gesundheitswesen.

Die Versorgungs- und Organisationsstrukturen seien noch zu wenig auf die Schwerkranken ausgerichtet, sagte er. "Man muss beim Versorgungsmanagement für die chronisch Kranken und Multimorbiden ansetzen, da spielt die Musik."

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