Ärzte Zeitung, 02.07.2013

Kassen-Positionen

Sprechende Medizin fördern!

Wie soll die gesetzliche Krankenversicherung der Zukunft aussehen? Der GKV-Spitzenverband hat sich mit einem eigenen Papier positioniert - und fordert mehr sprechende Medizin.

Von Sunna Gieseke

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Reden beim Doktor: Die Kassen fordern dafür mehr Förderung.

© wavebreakmedia ltd / shutterstock.com

BERLIN. Kassen haben eine erneute Honorarreform der Ärzte gefordert: Damit soll das Missverhältnis in der Honorierung niedergelassener Ärzte zwischen der "sprechenden Medizin" und der "apparativen Diagnostik" abgebaut werden.

Das geht aus dem Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes hervor, das am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

"Wir sind davon überzeugt, dass das mit einer Honorarreform möglich ist, ohne dass es zu Mehrkosten kommen muss", sagte Christian Zahn, alternierender Vorsitzender des Verwaltungsrates des Verbandes. Ziel sei es, dass sich die Versorgung mehr an den Patienten orientieren sollte.

Aber auch in der Kliniklandschaft wirbt der Kassenverband in seinem Positionspapier für weitreichende Änderungen. Unter anderem sollten neue Hürden vor der Anwendung medizinischer Neuerungen aufgebaut werden.

"Nicht selten bergen scheinbar innovative Verfahren sogar mehr Risiken als Nutzen", sagte die Verbandsvorsitzende Doris Pfeiffer.

Das zeigten Beispiele wie die Hochdosis-Chemotherapie bei Brustkrebs oder der OP-Computer Robodoc zum Einsetzen von Hüftgelenksprothesen. Nach der Bundestagswahl müsse eine Reform für mehr Patientensicherheit kommen, forderte Pfeiffer.

Kassen wollen Selektivverträge für Kliniken

Neue Methoden mit unklarem Nutzen und Schaden müssten zuerst auf klinische Studien beschränkt werden. "Innovative Verfahren gehören in die Hand von Experten an spezialisierten Zentren", so die Verbandsvorsitzende.

Nach Angaben des GKV-Spitzenverbands werden für Medizinprodukte pro Jahr mehr als 20 Milliarden Euro ausgegeben. Darüber hinaus solle es in der nächsten Legislatur eine Reform der derzeitigen Versorgungsstruktur bei Kliniken geben.

"Wir brauchen eine Krankenhausstruktur in Deutschland, die eine flächendeckende Akutversorgung sicherstellt", so Pfeiffer. Gleichzeitig müssten in spezialisierten Kliniken weitergehende und planbare Behandlungen ermöglicht werden.

"Wir brauchen nicht in jedem Stadtteil ein Krankenhaus, das neben der Akutversorgung auch noch künstliche Herzklappen einsetzt", so Pfeiffer.

Festzustellen, wie viele Kliniken es bundesweit geben müsse, sei jedoch nicht Aufgabe der Kassen. Gerade aber in Ballungszentren seien erhebliche Überkapazitäten vorhanden: "In Deutschland gibt es mehr Klinikbetten, als für die Versorgung der Bevölkerung notwendig sind", so Pfeiffer.

Diese Überkapazitäten seien ein Anreiz für die Kliniken, nur aus Kostengründen zu operieren: "Wirbelsäulenoperationen und Herzkatheteruntersuchungen sind dafür prominente Beispiele", so Pfeiffer.

Künftig müsse es den Kassen für bestimmte Operationen erlaubt werden, mit einzelnen Kliniken Verträge zu schließen, die hohe Qualitätsstandards zu vernünftigen Preisen festschreiben.

[02.07.2013, 16:44:33]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Lippenbekenntnisse und "null Checkung"?
Ein echtes Lippenbekenntnis, wenn ausgerechnet der Spitzenverband Bund (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenkassen die "Sprechende Medizin" fordert, gleichzeitig aber Millionen seiner Versicherten in den Warteschleifen der "Hotlines" feststecken, bevor Ihnen freundliche Kassen-Mitarbeiter/-innen unverbindliche Worte ins Ohr flüstern:

"Alles, was medizinisch notwendig ist, muss Ihr Arzt Ihnen verordnen."
"Selbstverständlich muss Physiotherapie vom Arzt verschrieben werden."
"Ihr Arzt muss nur Diagnosen ändern, damit Sie nicht ausgesteuert werden."
"Sagen Sie doch einfach, dass Ihr Freund Hepatitis hat."
"Zum Kardiologen o h n e Symptome? – Melden Sie sich als Notfall an."
"Ihre Reiseimpfungen müssen Sie doch gar nicht als Solche bezeichnen."
"Ihr Pflegebett nur in 'Krankenbett' umtaufen: Muss Ihr Arzt verordnen."
"Wenn Ihnen das neue Generikum nicht gefällt, ist Ihr Arzt schuld; der hat vergessen, 'aut idem' anzukreuzen" usw. usf.

Dass den GKV-Kassen die "sprechende Medizin" bei gedeckeltem Gesamtbudget eigentlich völlig gleichgültig ist, sieht man am neuen Hausarzt-EBM: Erstes ausführliches Gespräch bei chronisch Kranken 13 Euro Praxisumsatz, zweites Gespräch mit ganzen 2 Euro Aufschlag - der Patient zahlt währenddessen für seine Parkgebühr weitaus mehr! Beim SpiBu spricht man von "Honorarreformen o h n e Mehrkosten", meint jedoch damit konkret Einsparungen! Und eventuell doch auftretender Mehrbedarf würde eh' allein von den Vertragsärzten/-innen getragen.

Aus Klinikdiskussionen halte ich mich als Sach- und Fachfremder grundsätzlich raus. Aber es ist schon demaskierend, wenn die SpiBu- Vorstandsvorsitzende Frau Dr. rer. pol. Doris Pfeiffer spricht: "Wir brauchen nicht in jedem Stadtteil ein Krankenhaus, das neben der Akutversorgung auch noch künstliche Herzklappen einsetzt". Wenn dem so ist, verwechselt sie wohl Stadtteile mit Stadtbezirken, wie z. B. Berlin Mitte, Pankow, Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg und Neukölln, die jeweils weit über 300.000 Einwohner haben (Stand 2011). Dortmund hat bei 9 Kliniken 2 herzchirurgische Zentren für aktuell 578.126 Einwohner und ein großes, unversorgtes Umland. Übrigens, verehrte Frau Dr. Pfeiffer, Dortmund hat 12 Stadtbezirke und 62 Stadtteile.

Paradox ist auch, dass gleichzeitig GKV-Vertreter intensiv Werbung für maximale Herz- und Transplantations-Chirurgie bzw. Organspende machen, o h n e auf mögliche Überversorgung und Ressourcenknappheit hinzuweisen. Wie gesagt, die besten Lippenbekenntnisse kommen von Leuten, die "null Checkung" haben.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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