Ärzte Zeitung, 28.04.2014

Thüringen

Vorzugsbehandlung für sportverletzte TK-Versicherte

TK-Versicherte in Thüringen sollen nach einer Sportverletzung künftig schneller genesen. Das will die Kasse mit einem IV-Vertrag gewährleisten.

Vorzugsbehandlung für sportverletzte TK-Versicherte

Orthopäde Peter Ullmann leitet die Sportklinik Erfurt.

© Büssow

ERFURT. Die Techniker Krankenkasse (TK) dehnt ihr Programm "Behandelt wie ein Spitzensportler" auf Thüringen aus. Gemeinsam mit der Sportklinik Erfurt bietet die TK über die integrierte Versorgung eine Vorzugsbehandlung bei Sportverletzungen an.

"Es ist doch verblüffend, wie schnell Spitzensportler nach einer Verletzung wieder trainieren können. Das liegt an der spezialisierten Behandlung. Wir wollen, dass unsere Patienten ebenfalls schnell wieder auf die Beine kommen", sagt TK-Landeschef Guido Dressel.

Nach Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein ist Thüringen das fünfte Bundesland, das einen "Spitzensportler"-Vertrag ins Programm genommen hat.

Kurze Wartezeiten und gewisse Mindestmengen

Zu dem 140er-Vertrag mit der Sportklinik Erfurt gehören kurze Wartezeiten, eine spezielle Physiotherapie, vor allem aber gewisse Mindestmengen.

"Wir machen hier nur Knie, Schultern, Hüfte und Sprunggelenke", sagt Klinikchef Peter Ullmann, seit 30 Jahren als Orthopäde tätig und Mannschaftsarzt des hiesigen Fußballclubs Rot Weiß Erfurt.

Schon seit vielen Jahren ist die Klinik bei Mitteldeutschlands Athleten längst kein Geheimtipp mehr. Sie ist überdies der einzige Stützpunkt in Thüringen, der durch die für Profi-Sportler zuständige Berufsgenossenschaft VBG zertifiziert wurde.

Wenn die Krankenkassen mehr Spezialisierung und ambulantes Operieren fordern, stoßen sie bei Ullmann auf offene Ohren. "Ich habe großen Respekt vor Kollegen, die alles machen. Aber man kann heute nur noch durch Spezialisierung in der Qualität nach vorn kommen", sagt Ullmann.

Die Zahl der Patienten, die wegen einer verpfuschten OP in seiner Klinik erscheinen, habe in letzter Zeit zugenommen. Mindestmengen lautet auch für TK-Landeschef Guido Dressel das Zauberwort: "Ich sehe gerade in Thüringen mit seinen vielen kleinen Krankenhäusern sehr kritisch, was bei Gelenken und Rückenoperationen stattfindet. Es wird zu viel und unstrukturiert operiert."

Über die Nische der integrierten Versorgung sei so ein Programm wie dieses zwar möglich, leider aber nur in gewissen Grenzen. Bis zu zwei Nächte werde ein kurzstationärer Aufenthalt noch toleriert.

Entlassung zwei Tage nach Operation

In der Sportklinik Erfurt nehmen die sechs Orthopäden und Unfallchirurgen sowie vier Anästhesisten laut Ullmann 100 vollnarkotische Operationen pro Woche vor.

Im Schnitt werde der Patient nach zwei Tagen wieder entlassen. Das spart der Krankenkasse die Einweisung ins Krankenhaus und Krankengeld, wenn der Patient schneller fit ist.

Was das Programm extra kostet, hole man dadurch wieder rein, macht Dressel eine grobe Kostenanalyse.

"Unser Ziel ist es, pro Jahr 1000 DRG-Operationen weniger einzuweisen und hier zu behandeln", sagt Ullmann selbstbewusst. Er ist Verfechter und Prototyp der sektorenübergreifenden Versorgung, die seit Jahrzehnten gefordert, aber nur ansatzweise realisiert wird.

Die spezialfachärztliche Versorgung als Systembruch sei noch viel zu kurz gedacht. "Warum hat man das ambulante Operieren herausgenommen? Wir brauchen ein klares Bekenntnis zum dritten Behandlungssektor", fordert Ullmann.

Leider sei dieses Bekenntnis noch sehr halbherzig, sagt Dressel: "Bisher wird die spezialfachärztliche Versorgung auf sehr wenige und spezielle Krankheiten beschränkt. Bis wir da bei Sprunggelenken angelangt sind, das wird sicher noch eine ganze Weile dauern." (rbü)

[30.04.2014, 10:49:42]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Spezialfachärztliche "Kontemplikationen"?
Thüringens TK-Landeschef Guido Dressel will die spezialfachärztliche Versorgung auf viel mehr spezielle Krankheiten ausweiten. Bisher dehnt allerdings die Techniker Krankenkasse (TK) nur ihr bereits etabliertes Programm „Behandelt wie ein Spitzensportler“ auf Thüringen aus.

Darin liegt m. E. eine betriebswirtschaftliche und sozialversicherungstechnische Verwechselung begründet: Denn u n s e r e hausärztlichen Patientinnen und Patienten sitzen bei der Sportschau immer auf der f a l s c h e n Seite ihrer TV-Fernbedienung. Sie sind i. d. R. viel zu klein für ihr Gewicht; mit einem BMI ab 30 auf der nach oben offenen Adipositas-Skala. Und wenn Leistungssportler nach orthopädischen Gelenkeingriffen in 3 Ruhetagen ca. 50 Prozent ihrer Muskelmasse abnehmen würden, ist bei u n s e r e n Durchschnittspatienten gar keine Muskelmasse vorhanden, die sie bei Gelenk-OP-bedingter, verschärfter Ruhigstellung noch w e i t e r verlieren könnten.

Deshalb geht bei „Couch-Potatoes“ die orthopädische „fast-track“-Chirurgie so oft schief. Spitzen- und Leistungssportler kennen den Kampf gegen den „inneren Schweinehund“ viel zu genau, als dass sie sich postoperativ gehen ließen. Sie haben eine präformierte Muskulatur, mit der sie sich nach 2 Tagen bereits voll mobilisieren lassen. Aber erklären Sie dass mal einem 140 kg Kerl bei 175 cm Größe.

Jüngstes Fallbeispiel aus meiner Praxis: Kürzlich spezialfachärztlich mit Kreuzbandplastik operierte 69-jährige Patientin mit BMI von 32,83 wird vom nachbehandelnden Orthopäden in seiner Alltagsroutine mit einer Spitzensportlerin verwechselt. Das noch streckgehemmte operierte Kniegelenk wird derart kräftig durchgedrückt, so dass das frisch operierte Kreuzband einreißt, weil die Patientin der allzu beherzten orthopädischen Manipulation keine eigene Muskelkraft entgegenzusetzen hat. Die Folge der „blutigen“ Entlassung und fehlerhaften Nachbehandlung:
Teure und unnötige 2. OP, endlose Physiotherapie nach langer Immobilisierung. Und alles nur, weil manchen Beteiligten die integrierte Versorgung mit Vorzugsbehandlung bei Sportverletzungen nicht schnell genug gehen konnte?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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