Ärzte Zeitung online, 09.12.2014

BKK-Report

Beschäftigte in Betrieben fehlen immer länger

Das siebte Jahr in Folge sind die krankheitsbedingten Fehlzeiten von Mitgliedern der BKK gestiegen, wie der aktuelle Gesundheitsreport zeigt. Wie lange Beschäftigte fehlen, variiert je nach Region und Landkreis sehr stark.

Von Martina Merten

Beschäftigte in Betrieben fehlen immer länger

Die Fehlzeiten steigen laut aktuellem BKK-Report immer weiter an.

© Gerhard Seybert / fotolia.com

BERLIN. 17,6 Tage fehlten pflichtversicherte Beschäftigte der Betriebskrankenkassen (BKK) im Durchschnitt in 2013. 2006 waren es lediglich 12,4 Tage.

Arm und krank

Je älter die Versicherten sind, desto häufiger sind sie krank

42 Prozent höher als in Baden-Württemberg liegen die Fehlzeiten von BKK-Pflichtmitgliedern in Brandenburg.

Arbeitslose sind mit Abstand am häufigsten krank, insbesondere Menschen ohne Arbeit aus Thüringen, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern

"Damit ist der Krankenstand im siebten Jahr in Folge gestiegen", berichtete der Vorstand des BKK-Dachverbandes, Franz Knieps, bei der Vorstellung des BKK Gesundheitsreports in Berlin.

Ursächlich für den seit Jahren kontinuierlichen Anstieg sind Knieps zufolge insbesondere die mit dem demografischen Wandel einhergehende Zunahme langfristiger chronischer Erkrankungen. Auch Stress durch Arbeitsverdichtung könne ein Grund sein, sagte Knieps.

Das Gros der Krankentage - 25 Prozent - geht auf Muskel-Erkrankungen, insbesondere Rückenleiden, zurück. 16 Prozent der BKK-Pflichtversicherten fehlten wegen Atemwegserkrankungen, weitere 15 Prozent waren aufgrund von psychischen Störungen arbeitsunfähig.

Fehlzeiten wegen psychischer Störung um das Fünffache gestiegen

Bei den psychischen Störungen sind die Fehlzeiten dem Report zufolge innerhalb nur einer Generation um das Fünffache angestiegen: Lagen sie 1976 bei knapp einem halben Tag , waren es 2013 bereits 2,6 Fehltage.

Mit mehr als 40 Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tagen) fielen Versicherte, die unter psychischen Störungen leiden, in 2013 etwa doppelt so lange aus wie Versicherte mit Muskel- oder Skeletterkrankungen und sogar länger als Versicherte mit Tumorerkrankungen (35 AU-Tage).

Ältere Versicherte fehlten in der Regel länger als Jüngere, so der BKK-Bericht.

Gravierende Unterschiede bei den AU-Tagen zeigen sich auch zwischen den Bundesländern: Am seltensten fehlten Versicherte aus Baden-Württemberg und Bayern, am häufigsten Versicherte aus Brandenburg und Sachsen-Anhalt (siehe Grafik).

Auch innerhalb einzelner Bundesländer gibt es Variationen: In Ballungszentren von Nordrhein-Westfalen (NRW) schrieben Ärzte überdurchschnittlich viele BKK-Versicherte krank, in ländlich geprägten Kreisen in NRW lagen die AU-Tage dagegen unter dem Durchschnitt.

Ähnliche Gefälle gibt es in nord- und südbayerischen Landkreisen, innerhalb Niedersachsens und Schleswig-Holsteins.

Versorgungsmanagement soll helfen

Nach Ansicht des Kölner Medizinsoziologen Professor Holger Pfaff könnte ein evidenzbasiertes Versorgungsmanagement helfen, die Fehlzeiten zu reduzieren.

Denkbar sind Pfaff zufolge eine bessere Zusammenarbeit von Kliniken und Unternehmen, psychotherapeutische Sprechzeiten im Betrieb oder Kooperationen von Haus- und Betriebsärzten, um Negativspiralen bei Erkrankungen abzufedern.

Gleichzeitig müssten Ärzte stärker nach Leitlinien arbeiten und Patienten diese auch befolgen.

Die Analysen im BKK-Bericht gehen auf Daten von 9,3 Millionen Pflichtversicherten zurück.

Beschäftigte in Betrieben fehlen immer länger

[10.12.2014, 11:55:40]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Woran krankt der "BKK Gesundheitsreport 2014" ?
Die Vorstellung des "BKK Gesundheitsreports 2014" in Berlin "krankt" im Wesentlichen an falschen Prämissen: Die Vorstellung, man könne Krankheit im Allgemeinen, konkrete Krankheiten, symptomatische Krankheitsbilder oder bio-psycho-soziale Dysfunktionen im Speziellen einfach durch "Gesundheits"-Ratschläge bzw. reine Verhaltensmodifikationen in der Patienten-Arzt-Interaktion allein auf behavioristischer Ebene e r s e t z e n.

Krankheitsbedingte Fehlzeiten von 9,3 Millionen pflichtversicherten Mitgliedern der BKKen, deren soziodemografische Verteilung und bio-psycho-soziale Bedingtheiten bzw. Verwerfungen zu analysieren, erfordert m e h r als dem naiven Empirismus eines beschwörend-deplatziert, veralteten WHO-Motto: "Gesundheit für Alle bis zum Jahr 2000" zu frönen.

Wenn der renommierte Kölner Medizinsoziologe Professor Holger Pfaff als Quintessenz der vorliegenden 376-seitigen Fleißarbeit
http://www.bkk-dachverband.de/images/bkk/gesundheitsreport/2014/BKK_Gesundheitsreport.pdf
in Berlin vorgetragen hat: 'Ein evidenzbasiertes Versorgungsmanagement könne helfen, die Fehlzeiten zu reduzieren' und 'eine bessere Zusammenarbeit von Kliniken und Unternehmen, psychotherapeutische Sprechzeiten im Betrieb oder Kooperationen von Haus- und Betriebsärzten' einfordert, 'um Negativspiralen bei Erkrankungen abzufedern', sind das schlichte Worthülsen.

Die mit Überalterung, Individualisierung, soziokultureller Isolierung, schwindender kultureller Reflexionsfähigkeit, steigender Multimorbidität bei erhöhtem Risikoverhalten, verändert wahrgenommenen Krankheitsentitäten und Irritationen psychosomatischer Befindlichkeiten müssen zunächst sozialpsychologisch detektiert, interpretiert und abgebildet werden.

Und selbst damit wäre keineswegs ein "Königsweg" von faktischen Krankheitsentitäten zu immerwährenden Gesundheitszuständen vorgezeichnet. Die historische Gesundheitsdefinition der WHO „Gesundheit ist nicht nur das Frei-Sein von Krankheit und Gebrechlichkeit, sondern der Zustand völligen körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“ lässt sich eben weltweit für die Vielzahl zivilisationsbedingter, idiopathitischer, genetischer, übertragbarer („communicable diseases“) bzw. endogen und exogen auslösbarer Krankheiten nicht mal ansatzweise realisieren.

Der unverbindlich-leichtfüßig formulierte Pfaff’sche Ratschlag: "Gleichzeitig müssten Ärzte stärker nach Leitlinien arbeiten und Patienten diese auch befolgen" entbehrt in diesem Zusammenhang jeglichen Realitätszusammenhangs und kann keinesfalls alle Krankheit durch Gesundheit ersetzten. Von daher ist ein "BKK Gesundheitsreport 2014" reine Verbal-Makulatur.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Glossar:
WHO Ottawa Charta von 1986: „Gesundheit ist nicht nur das Frei-Sein von Krankheit und Gebrechlichkeit, sondern der Zustand völligen körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“.
Die WHO nennt 7 Grundbedingungen für Gesundheit:
1. ein stabiles Selbstwertgefühl
2. ein positives Verhältnis zum eigenen Körper
3. Freundschaften und soziale Beziehungen
4. eine intakte Umwelt
5. sinnvolle Arbeit und gesunde Arbeitsbedingungen
6. Gesundheitswissen und Zugang zur Gesundheitsversorgung
7. eine lebenswerte Gegenwart und die begründete Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

Das war der Ärztetag 2017 in Bildern

Das war er nun, der 120 Ärztetag in Freiburg. Unsere Bildergalerie zeigt die schönsten, spannendsten Momente des viertägigen Kongresses. mehr »

Grünes Licht für GOÄ-Reformprozess

Der Deutsche Ärztetag hat den Verhandlungsführern für die GOÄ-Reform am Donnerstagabend grünes Licht für den weiteren Novellierungsprozess gegeben. mehr »