Ärzte Zeitung online, 11.10.2016

AOK Studie

So gestresst fühlen sich Deutschlands Studenten

Klausuren, Erwartungsdruck: Fast jeder Student fühlt sich an der Uni gestresst. Angebote zur Stressbewältigung nehmen aber nur wenige wahr, zeigt eine AOK-Studie.

Von Susanne Werner

BERLIN. Mehr als 90 Prozent der Studierenden in Deutschland fühlen sich "stark" oder zumindest "mittel" gestresst. Darauf weist eine Studie der AOK hin, die am Dienstag veröffentlicht wurde. 53 Prozent der 18.214 befragten Studenten gaben in der Online-Befragung an, unter einem hohen Stresslevel zu leiden. 41,6 Prozent klagten über ein mittleres Stresslevel.Die Werte der Studenten liegen damit sogar über jenen von Erwerbstätigen: In einer vergleichbaren Studie aus dem vorigen Jahr hatten knapp 50 Prozent der Beschäftigten angegeben, hohem Stress im Beruf ausgesetzt zu sein.

Die Universitäten Potsdam und Hohenheim haben im Auftrag des AOK-Bundesverbands Studenten befragt, wie gestresst sie sich fühlen und wie sie damit umgehen. Vorbereitungen auf Prüfungen, die Arbeitsbelastung durch das Studium sowie ein hoher Erwartungsdruck an die eigenen Leistungen sind demnach die zentralen Stressfaktoren der Studenten.

"Viele von ihnen können nicht gut mit den Herausforderungen eines Studiums umgehen und die meisten verfügen über eine niedrige Resilienz", sagte Studienleiterin Professor Uta Herbst von der Universität Potsdam bei der Vorstellung der Ergebnisse. Besonders auffällig sei, so Herbst, dass die befragten Studenten zwar Angebote zur Entspannung und zum Stressabbau an ihrer Hochschule kennen, diese jedoch kaum nutzten. So waren laut Befragung zwölf Prozent bereits ein Mal bei einem entsprechenden Workshop, aber lediglich 2,4 Prozent der Befragten hatten diesen mehrfach besucht.

Den Studienautoren zufolge leiden Frauen stärker als Männer unter Zeit- und Leistungsdruck sowie Angst vor Überforderung im Studium. Der Stresslevel der Studentinnen liegt bei 101,9 Prozent, derjenige der männlichen Kollegen hingegen bei 98,1 Prozent. "Der typische gestresste Student ist in der Regel weiblich und macht seinen Bachelor an einer staatlichen Fachhochschule in Nordrhein-Westfalen", sagte Herbst.

"Das gesamte Hochschulsystem ist mit Angst aufgeladen. Viele Studierende haben Angst, den Anschluss zu verlieren und setzen sich extrem unter Druck", beobachtet Hans-Werner Rückert, Leiter der Studienberatung an der Freien Universität Berlin. Der Alltag an den Hochschulen sei heute stärker reglementiert und selbst Prüfungen im ersten Semester beeinflussen die spätere Abschlussnote.

Unter den Fachrichtungen gibt es jedoch Unterschiede: Auf der Skala der Stresslevel belegen die Fächer Veterinärmedizin (105,6 Prozent), Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften (105,1 Prozent) sowie Informatik (103,6 Prozent) die Spitzenplätze. Unter dem bundesweiten Stresslevel rangieren Fächer wie Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften (jeweils 98 Prozent) sowie Sprach- und Kulturwissenschaften (98, 7 Prozent).

Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, kündigte an, die Ortskrankenkassen wollten verstärkt entsprechende Beratungs- und Hilfsangebote unterstützen. Zur Gesundheit von Studierenden hatte die Techniker-Krankenkasse bereits 2015 eine eigene Studie veröffentlicht. Darin hatte sich insbesondere gezeigt, dass gut ein Fünftel der Studenten an psychischen Beschwerden litten und ihren Stress oftmals mit Alkohol oder über das Surfen im Internet bewältigen würden.

[12.10.2016, 11:09:28]
Thomas Georg Schätzler 
"Magical Mystery Tour" von AOK, Uni-Potsdam und -Hohenheim?
Studentinnen und Studenten fühlen sich einfach mehr gestresst als Beschäftigte in Lohn und Brot, weil sie Befragungen und dahinter stehende Forschungsabsichten besser durchschauen als die Allgemeinbevölkerung. Auch wird eine zusätzliche online-Befragung von "digital natives", die sich eh schon permanent und laut TK-Studie "zur Stressbewältigung" im Internet und sozialen Medien bewegen, als weitere Erhöhung des allgemeinen Stress-Pegels empfunden.

Befragt man Arbeitnehmer im Ruhrgebiet zum Thema Stress mit der bei uns üblichen Frage "Wie isset?" bekommt man zur Antwort "Muss!" oder "Läuft!". Da wird eine Stress-Befragung oft gar nicht als solche wahrgenommen.

Absolut magisch sind die sozialwissenschaftlich-empathischen ("Das gesamte Hochschulsystem ist mit Angst aufgeladen") und damit beeinflussten Studienergebnisse: "Der Stresslevel der Studentinnen liegt bei 101,9 Prozent, derjenige der männlichen Kollegen hingegen bei 98,1 Prozent" und schlimmer noch, "Auf der Skala der Stresslevel belegen die Fächer Veterinärmedizin (105,6 Prozent), Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften (105,1 Prozent) sowie Informatik (103,6 Prozent) die Spitzenplätze".

Es wäre aufschlussreich zu erfahren, ob das obere Ende dieser Skala beim Stresslevel nun bei 200 Prozent oder gar bei 250 Prozent gelegen hat. Gender-forschungsmäßig blamabel sind die selbstverständlich undiskutiert gebliebenen Forschungsergebnisse vom "schwachen Geschlecht", das unter Studier-Belastungen in dieser Studie noch mehr schwächelte.

Vollends unglaubwürdig bleibt, dass Prozentangaben über 100 Prozent beim Stresslevel in etwa so unseriös sind, wie die Wahl-Ergebnisse in der DDR-Volkskammer, mit der sich die Genossen Walter Ulbricht und Erich Honnecker wählen ließen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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