Ärzte Zeitung, 06.11.2009

Experten warnen vor einem Hype um individualisierte Medizin

Individualisierte, das heißt auf Patienten und bestimmte Patientengruppen abgestimmte Therapien und Arzneimittel gelten als Hoffnungsträger der modernen Medizin. Experten weisen neben den Chancen aber auch auf die Risiken personalisierter Medizin hin.

Von Thomas Hommel

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Kein Patient ist wie der andere: Individualisierte Medizin weckt Hoffnungen - und Befürchtungen.

Foto: klaro

BERLIN. Der Vize-Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. Frank Ulrich Montgomery, hat vor überzogenen Erwartungen an die sogenannte individualisierte Medizin gewarnt. "Wir müssen zunächst wissenschaftlich sauber ergründen, welche Chancen und Risiken da drin stecken", sagte Montgomery in Berlin.

Therapien oder Medikamente, die auf ein einziges Individuum abgestellt seien und so eine Verbesserung seines Gesundheitszustands bewirkten, gäbe es derzeit noch nicht. "Das ist heute noch ein Hype und reine Euphorie", sagte Montgomery.

Ähnlich äußerte sich der Sozialethiker Professor Peter Dabrock von der Philipps-Universiät Marburg. "Wir sollten hier nicht unkritisch einem Hype folgen." In der Diskussion um personalisierte Medizin bestehe die "Gefahr, dass etwas vorgegaukelt wird, was nicht eingelöst werden kann".

Ziel des Konzepts individualisierter Medizin ist es, den Gesundheitszustand eines Patienten durch passend ausgewählte Therapien und Medikamente zu verbessern. Mit personalisierter Dosierung, so Befürworter, ließen sich Nebenwirkungen und daraus resultierende Erkrankungen reduzieren.

Montgomery sagte, es bestehe die Gefahr, dass dei individualisierte Medizin das gleiche Schicksal erleide wie Arzneimittel gegen seltene Erkrankungen - die sogenannten Orphan Drugs. "Wir entwickeln hochindividuelle Therapieverfahren, aber dann gibt es niemanden, der sie anbietet, weil sie sich nicht lohnen."

In der Diskussion um individualisierte Medizin gehe es nicht nur darum, "was man alles kann, sondern auch darum, was man aus sozialer Verantwortung zur Verfügung stellen will". Diese Frage wiederum sei ein "elementarer Teil" der Debatte um Priorisierung medizinischer Leistungen, betonte der BÄK-Vize. "Wir brauchen eine gesellschaftlich konsentierte Priorisierung, damit alles Notwendige bereitgestellt werden kann, alles Überflüssige vermieden und alle Verschwendungen abgeschafft werden." Mit der bisherigen "zufallsgenerierten Rationierung" im Gesundheitswesen jedenfalls müsse endlich "Schluss sein".

[16.11.2009, 14:11:58]
Gabriele Franke 
Individualisierte Medizin auf der Basis von Erfahrungswissen gab es schon immer!

Meiner Ansicht nach beginnt induvidualisierte Medizin dort, wo ein Kollege aufgrund seiner Erfahrung mit einem bestimmten Krankheitsbild die Dosierung von Medikamenten oder den Einsatz von Therapien individuell anpassen kann. Das geht durch Erfahrungswissen, wenn er von einem bestimmten Krankheitsbild bereits ausreichend Fälle gesehen hat. Individualisierte Medizin auf der Basis von Erfahrungswissen gab es schon immer, sie ist das, was in der Patientenwahrnehmung einen "guten Arzt" ausmacht. Grundlage für eine erweiterte individualisierte Medizin könnte daher die Verbesserung der Lenkung von Patienten (unabhängig vom Status als Kassen oder Privatpatient), hin zu einem Kollegen der sich z.B: auf eine seltene Erkrankung spezialisiert hat oder sich darauf spezialiseren will. Das ist bei seltenen Erkrankungen zunächst keine Kostenfrage, sondern eine oft ungelöste Organisationsfrage.
Ergänzend eine vielleicht provokante These für alle, die noch mehr Abläufe standardisieren bzw. entindividualisieren wollen: Wenn der Therapieablauf vollkommen standardisiert ist, ist der Arzt überflüssig. Der Patient könnte per PC - anhand seiner Diagnose - die richtigen Medikamente in der korrekten Dosierung ausgeben lassen. Blutdruck, Blutwerte, EKG usw. können ggf. noch von einer MTA ermittelt werden und ergänzend in den PC eingegeben werden... ggf. läßt sich ein Foto einscannen und vom PC auswerten...Damit wäre dann alles "Überflüssige" abgeschafft! Oder ?  zum Beitrag »

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