Ärzte Zeitung, 14.11.2011

Ein ethisches Geländer für Grenzsituationen

Muss die letzte Möglichkeit der Hochleistungsmedizin genutzt werden? Was ist der Wille des Patienten? Was glauben Angehörige? Die Universität Heidelberg hat ein Komitee eingerichtet, das behandelnde Ärzte berät.

Von Marion Lisson

Ein ethisches Geländer für Grenzsituationen

Wie lange muss behandelt werden? Immer wieder geraten Ärzte in Grenzsituationen und bedürfen - zusammen mit Angehörigen - der Beratung.

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HEIDELBERG. Wenn in Grenzsituationen über Leben und Tod eines Menschen entschieden werden muss, können Ärzte, Patienten und deren Angehörige am Uniklinikum Heidelberg ein Ethik-Komitee einschalten.

Ziel ist es, eine ethisch fundierte und tragfähige Lösung für alle Beteiligten zu finden. Die Mithilfe von Hausärzten ist dabei ausdrücklich erwünscht.

Darf moderne Hochleistungsmedizin alles?

"Moderne Hochleistungsmedizin kann unglaublich viel, doch darf sie auch alles?", fragte Professor Dr. J. Rüdiger Siewert, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Heidelberg, bei einer Pressekonferenz. Die Uniärzte bräuchten ein ethisches Fundament und eine funktionierende Beratung im Alltag.

Der Mediziner verwies auf ein trauriges Beispiel und berichtete von einem stark untergewichtigen Frühchen mit schweren Lungenschädigungen, das nicht lebensfähig gewesen sei.

"Die Eltern wollten das jedoch - verständlicherweise - nicht einsehen", so Siewert. Damals hätte er sich ein beratendes Ethik-Komitee an seiner Seite gewünscht, begründet Siewert den Ausbau der Beratung.

Auch Hausärzte werden in die Beratung einbezogen

Bis zu 20 Ärzte, Pflegekräfte, Seelsorger sowie die klinische Ethikberaterin Dr. Beate Herrmann und Professor Monika Bobbert vom Institut für Geschichte und Ethik in der Medizin gehören dem neuen Gremium an. Das Team führt Gespräche auf den Stationen und bietet Sprechstunden an.

Die Empfehlung des Ethik-Komitees ist für die Klinikärzte nicht bindend. Der behandelnde Arzt trägt immer die letzte Verantwortung. Dennoch geht man an der Uniklinik davon aus, dass der entscheidende Arzt durch die Unterstützung des neuen Komitees profitiert.

So zum Beispiel, wenn es darum geht, ob bei einem Patienten noch lebenserhaltende Maßnahmen vorgenommen werden sollen oder nicht. "Die Stationsärzte werden in dieser schwierigen Situation etwas von dem Druck befreit, der auf ihnen lastet", sagt Ethikberaterin Dr. Beate Herrmann.

Den Patientenwillen zu errmitteln, ist nicht einfach

Auf die Unterstützung und die Einschätzung der behandelnden Hausärzte legt das Ethik-Komitee nach eigenen Angaben bei seiner Arbeit großen Wert. Diese würden nicht selten die Patienten schon viele Jahre medizinisch versorgen und unter Umständen deren Wunsch nach Therapiebegrenzung kennen.

"Bei sämtlichen Empfehlungen des Komitees geht es vorrangig um den erklärten oder mutmaßlichen Willen des Patienten", sagte Herrmann.

Willen des Patienten zu ermitteln, ist oft nicht einfach

Diesen Patientenwillen zu ermitteln, ist jedoch nicht immer einfach - selbst dann nicht, wenn ein Patiententestament vorliegt.

"Es bleiben meist offene Fragen und unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten, die nicht selten auch zu Auseinandersetzungen zwischen den Angehörigen führen", berichtet Professor Dr. Monika Bobbert.

Auch ethische Unterstützung für Klinikleitung

Doch nicht nur die Ärzte an der Basis, sondern auch die Klinikleitung bekommt in Heidelberg in ethischen Fragen Unterstützung. Der Klinikvorstand kann künftig in Krisenfällen einen externen Ethikbeirat hinzuziehen. Gerade in Zeiten der zunehmenden Ökonomisierung im Gesundheitswesen sei Vorsicht geboten, warnte Klinikdirektor Siewert.

Seit die Uniklinika gefordert seien, möglichst auch Renditen zu erwirtschaften, um in Zukunft Investitionen tätigen zu können, habe sich der ökonomische Druck sowohl auf die Klinikverwaltung als auch auf die Ärzteschaft erhöht. Da könnten auch ethische Probleme entstehen.

Wissenschaftlich begleitet wird die Ethikberatung an der Universität Heidelberg vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik unter der Leitung von Professor Wolfgang U. Eckart.

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Medizinethik (2037)
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Marion Lisson (322)
[14.11.2011, 15:49:22]
Lutz Barth 
Eine ethische Orientierung ja - aber kein ethisches Zwangskorsett!
Nun – dass Ethikkomitees in konkreten Entscheidungssituationen hilfreich sein können, steht nicht zu bezweifeln an. Entscheidungen am Beginn und Ende des menschlichen Lebens sind vielfach durch ethische Dilemmata charakterisiert, die aufzulösen sicherlich nicht einfach. Gleichwohl ist gegenwärtig zu beobachten, dass die Ethisierung zunehmend die an sich als überwunden geglaubte Debatte um die Bedeutung des Selbstbestimmungsrechts des Patienten dominiert. Insofern ist es zu begrüßen, wenn festgestellt wird, dass bei sämtlichen Empfehlungen des Komitees es vorrangig um den Willen resp. den mutmaßlichen Willen des Patienten geht und in diesem Sinne die Binnenperspektive des Patienten in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt wird. Begrüßenswert ist vor allem der Hinweis, dass der behandelnde Arzt immer die letzte Verantwortung trägt und da muss es eigentlich Sorge bereiten, dass die BÄK im Begriff ist, mehr oder minder direkt auf die Gewissensentscheidung der verfassten Ärzteschaft Einfluss zu nehmen. Unrühmliches Beispiel ist gegenwärtig das auf dem letzten Deutschen Ärztetag beschlossene Verbot der ärztlichen Suizidbegleitung. Es ist der Eindruck entstanden, als gehe es hier weniger um die Bedürfnisse der schwersterkrankten Patienten als vielmehr um das Aufrechterhalten einer ethischen Idee, die sich primär aus dem Hippokratischen Eid speist, indes aber nicht mehr den Anforderungen des Selbstbestimmungsrechts in einer aufgeklärten und vor allem durch eine Pluralität von Meinungen und Werten gekennzeichneten Gesellschaft gerecht wird. Dies ist insofern bedauerlich, weil das Arztethos und die Mitnahme der Patienten letztlich eine Leerformel bleibt und es bleibt zu hoffen, dass die Landesärztekammern davon Abstand nehmen, das beschlossene Verbot in der Musterberufsordnung nicht zu übernehmen. Es gereicht dem ärztlichen Beruf nicht zur Ehre, wenn gleichsam von der ärztlichen Standesvertretung den Kolleginnen und Kollegen eine Gewissensentscheidung verunmöglicht wird, da es nach dem Berufsrecht keine Entscheidungsalternative mehr geben soll. Es kann in diesem Sinne lediglich darauf ankommen, ein „ethisches Geländer“ im Sinne einer Orientierung anzubieten und nicht ein „ethisches Zwangskorsett“, in dass die Ärzteschaft hinein gezwängt wird. zum Beitrag »

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