Ärzte Zeitung, 01.10.2012

Professor Wolfgang Huber

Olympionike, aber auch Lazarus

Olympionike, aber auch Lazarus

Welche Moral, welches Menschenbild soll der Medizin zugrunde gelegt werden? In seinem Vortrag zum 5. Deutschen Internistentag versuchte der Theologe Professor Wolfgang Huber, ehemaliger Bischof von Berlin-Brandenburg und EKD-Ratsvorsitzender, eine Antwort.

Von Helmut Laschet

BERLIN. Da jubelt ein Präsident: "Die Ära der Gesundheitsökonomen ist vorbei. Denn die können nur eines: Preise und Mengen zählen, aber nicht Werte ermessen. Das können in der Medizin nur Ärzte." So sprach der Chirurg und Berliner Kammerpräsident Dr. Günter Jonitz zur Eröffnung des 5. Deutschen Internistentages in Berlin.

Professor Wolfgang Huber

Olympionike, aber auch Lazarus

Derzeitige Tätigkeit: Wissenschaftler, Forscher, Vortragsreisender; seit Juni 2010 zum zweiten Mal Mitglied des Nationalen Ethikrates

Ausbildung: Wolfgang Huber, geboren 1942 in Straßburg, entstammt einer Juristen-Familie; Studium der evangelischen Theologie in Heidelberg, Göttingen und Tübingen, Promotion 1966, Habilitation in Systematischer Theologie 1972

Karriere: Vikariat und Pfarrtätigkeit 1966 bis 1968 in Württemberg, 1968 bis 1980 stellvertretender Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg, 1980 bis 1994 Professor in Marburg und Heidelberg mit dem Schwerpunkt Ethik, 1980 bis 1994 Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentages, 1983/85 dessen Präsident; 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, 2003 bis 2009 Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland

Privates: Huber ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder

Doch so einfach ist die Welt nicht, so schlicht nicht die Moral, die Grundlage ärztlichen Handelns sein sollte. Der Theologe und Ethiker Professor Wolfgang Huber, Festredner an diesem Abend und gebeten zu der These, "Moral entsteht durch Ansteckung" Position zu beziehen, zeigt die Widersprüche des durch die antike Philosophie und die christliche Religion entstandenen europäischen Menschenbildes ebenso auf wie die facettenreichen Bedingungen, unter denen Medizin und ärztliche Versorgung organisiert wird.

Moral durch Ansteckung? Infizierung? - Eine provokante These vor allem für Ärzte, findet Huber, aber eine durchaus zutreffende. "Moral entsteht durch Vorbilder, durch Peergroups", deren Handlungsmaßstäbe und deren Verhalten beispielgebend sind, die als heimliche Erzieher wirken und - gerade bei Ärzten - zur Entwicklung von Persönlichkeiten, zu Mut und Charakter beitragen.

Auch in aufgeklärten Gesellschaften, so Huber, entstehen ethisch begründete Haltungen selbst bei Akademikern, die vom kritischen Rationalismus geprägt sind, erst in zweiter Linie auf der Basis autonomer Entscheidungen.

Widersprüchlicher Rahmen für die moderne Medizin

Damit dies gelingt, sei aber die Einbettung in ein Gesundheitswesen nötig, das die richtigen Anreize für moralisches Verhalten setzt.

Die Positiven:

  • Der Dreiklang aus Solidarität, Gerechtigkeit und Selbstverwaltung: Es ist der Konsens, dass zu einer gerechten Gesellschaft der möglichst gleiche Zugang zu medizinischen Leistungen gehört. "Auch in Deutschland muss dafür immer wieder gekämpft werden, aber ausgehend von einem international sehr hohen Niveau."
  • Der medizinische Fortschritt, der in den vergangenen 150 Jahren, auch durch Hygiene- und Umweltverbesserungen, Lebenserwartung und -qualität in "atemberaubenden Tempo" erhöht hat. "Das macht die Zukunft offen und gestaltbar und sollte Resignation verhindern", sagt Huber. Und fügt hinzu: "Die Zukunft ist nicht mehr determiniert, weil sie gestaltbar geworden ist."
  • Wachsender Respekt vor der Autonomie des Patienten: Das gelte inzwischen auch für Ärzte und sei allein schon durch die Tatsache begründet, dass Ärzte den täglich gespürten Mangel an Zeit für Gespräche mit dem Patienten thematisieren und problematisieren. Zumindest als erstrebenswertes Ziel sei also der "informed consent" anerkannt, wenn auch realistischerweise kaum erreichbar.

Doch den positiven Einflüssen stehen auch negative Erscheinungen gegenüber, die moralisches Verhalten erschweren.

Die Negativen

  • Die Vollkasko-Mentalität bei Patienten, Mitnahme-Effekte durch moral hazard (weil versicherte Leistungen scheinbar nichts kosten), was insgesamt dazu führt, dass Anstrengungen zur individuellen Gesundheitsvorsorge erlahmen.
  • Die demografische Entwicklung, die in fast allen modernen Industrieländern zu einer doppelten Alterung führt: aufgrund wachsender Lebenserwartung und sinkender Reproduktion.
  • Die Betrachtung des Gesundheitswesens als Wirtschaftsfaktor. Gerade in diesem Punkt setzt Huber das Seziermesser besonders fein und differenziert an, weil er eine Unterscheidung zwischen zwei Paradigmen der Ökonomie vornimmt. Ausdrücklich kritisiert er daher nicht den Zweck wirtschaftlichen Handelns, mit knappen Gütern kosteneffizient umzugehen, weil die Verfolgung dieses Ziels der Priorisierung und erst recht der Rationierung vorzuziehen ist. Dem steht das Paradigma gegenüber, die das Geschäftsmachen zum Selbstzweck erhebt - im Sinne des Ökonomen und Nobelpreisträgers Milton Friedman: "The business is the business is the business." Huber: Wenn das auf das Gesundheitswesen übertragen wird, dann wird das Vertrauen in die Heilberufe fundamental erschüttert."
  • Die Hochleistungsmedizin am Lebensende: Abgesehen von ökonomischen Risiken drücke die aktuelle Debatte ebenso wie Ergebnisse von Umfragen, die auf eine mehrheitliche Befürwortung ärztlicher Hilfe zum Suizid hindeutet, nicht nur Angst vor dem Sterbeprozess an sich aus, sondern auch die fehlende Hoffnung, dass Ärzte zum rechten Zeitpunkt ihren todkranken Patienten und deren Angehörigen den Weg in die Palliativmedizin anbieten. Huber: "Das sägt am Grundverständnis des ärztlichen Berufs." Und der Theologe mahnt Aktion an: "Die Ärzteschaft darf nicht nur negativ die ärztliche Assistenz beim Suizid ablehnen, sondern sie muss positiv erklären, wie sie mit Medizin am Lebensende umgehen will."

"Gesundheit ist ein Ermöglichungsgut"

Diese komplexen, auch widersprüchlichen Rahmenbedingungen führen Huber zu der Frage, von welchem Menschenbild die Medizin ausgehen sollte. Und dieses Menschenbild gründet sich auf die zweieinhalbtausendjährige der von der Antike und der christlichen Religion bestimmten europäischen Philosophie und einer daraus entstandenen Dichotomie: einerseits das in der Antike entstandene Schönheits- und Leistungsideal des griechischen Olympioniken, wie es in der Ästhetik der Skulpturen von Praxiteles Ausdruck gefunden hat - andererseits das Bild vom leidenden, hilfsbedürftigen und verletzlichen Menschen wie dem des Lazarus.

Auf dieser Basis der europäischen Geistesgeschichte ist es auch für die Medizin möglich, so schlussfolgert Huber, eine Balance aus Selbstbestimmung und Hilfsbedürftigkeit zu finden.

Gesundheit müsse danach vor allem als ein "Ermöglichungsgut" angesehen werden, praktische Medizin an vier Grundorientierungen ausgerichtet werden: Heilung von Krankheiten, soweit dies möglich ist, Prävention zu praktizieren, wo es notwendig ist, Unterstützung zu Gesundheitsverantwortung zu leisten - und Begleitung beim Sterben sicherzustellen. Das erfordere einen Ordnungs- und Wettbewerbsrahmen, in dem Kosteneffizienz vor Rentabilitätsüberlegungen steht.

[04.10.2012, 12:57:07]
Lutz Barth 
Pluralität ist einzufordern!
Nun – den ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD und jetzigem Mitglied des Deutschen Ethikrats in allen Ehren gehalten; aber irritierend muss wirken, wenn angesichts einer vielerorts beschworenen Wertepluralität immer wieder der Versuch unternommen wird, der Frage nachzuspüren, welche „Moral“ und welches „Menschenbild“ der Medizin zugrundegelegt werden soll?

Die Irritationen lösen sich freilich in Wohlgefallen auf, wenn wir in erster Linie zur Kenntnis nehmen, dass nahezu alle Ethikratmitglieder sich auf einer Mission befinden und gerade in den Debatten beredtes Zeugnis von ihrer Rolle als „Überzeugungstäter“ ablegen. Der Hinweis insbesondere auf „Lazarus“ hilft hier nun nicht wirklich weiter, ist doch auch das Menschenbild in der Medizin nicht auf einen Status quo festgeschrieben. Das „christliche Menschenbild“ – welches im Laufe der Jahrhunderte skizziert wurde und nicht immer und stets zur Ehre der Religionsgemeinschaften gereicht hat – und die damit verbundene (im Übrigen auch gelegentlich zweifelhafte) moralische und ethische Werthaltung ist ein „Bild“ unter vielen, welches wir in unserer säkularen Gesellschaft um der hohen Bedeutung der Grundrechte willen zu respektieren haben.

Indes wäre es aber im höchsten Maße verfehlt, über die allzu einseitigen Ausrichtung der Medizin auf das „christliche Menschenbild“ einer befürchteten Klerikalisierung der Medizin und der ihr zugrundeliegenden Moral Vorschub zu leisten, zumal in Kenntnis dessen, dass die „heimlichen Erzieher“ seit Jahrzehnten weitestgehend unwidersprochen ihren vermeintlichen „Bildungsauftrag“ in Sachen ärztlicher Grundhaltung nahezu in vorbildlicher Weise erfüllen. „Der gute Arzt“ ist in erster Linie derjenige, der sich zur Wertepluralität bekennt und nicht der Versuchung erliegt, die sich ihm anvertrauenden Patienten mit ihrem höchst persönlichen Leid für sein „Bild vom Menschen“ und der ihm aufoktroyierten Arztethik zu instrumentalisieren, will heißen: dem Patienten mit entsprechender Toleranz zu begegnen, auch wenn sein Menschenbild nicht dem des Patienten entsprechen sollte.

Allein das Ansinnen, auch dem schwersterkrankten Patienten „egozentrischen Individualismus“ vorwerfen zu wollen, in dem er quasi die Segnungen der Palliativmedizin nicht anzunehmen bereit ist, offenbart einen Zynismus besonderer Art, der jedenfalls mit dem rechtsethischen Grundstandard unseres Grundgesetzes rein gar nichts gemein haben dürfte.

Wenn der ehemalige Ratsvorsitzende nunmehr mehr Aktivitäten seitens der Ärzteschaft einfordert und offensichtlich – so meine These – meint, sich deutlicher als bisher zur „Unverfügbarkeit“ des menschlichen Lebens und damit „als ein Geschenk“ in Zeiten bioethischer Grundsatzdebatten zu bekennen, dann geschieht ein solches freilich in Kenntnis des zu erwartenden „Gruppenzwangs“, der dann auf die verfasste Ärzteschaft zu wirken beginnt. Die Charta zur Betreuung schwersterkrankter und sterbender Menschen ist hierfür ein beredtes Beispiel.
Es gehört mehr denn je offensichtlich zum Bild eines „guten Arztes“, dass er sich mit den Intentionen der Charta identifiziert und letztlich mit seiner „Unterschrift“ seine Werthaltung dokumentiert. Ist es da abwegig, dass künftig sich der eine oder andere Arzt die Frage stellen lassen muss, warum er die doch im Kern begrüßenswerte Charta nicht unterstützt, jedenfalls nicht durch seine Unterschrift, die dann im Rahmen der nächsten Aktualisierung der Unterstützerliste für alle sichtbar im Web geworden ist?

All diejenigen, die sich nicht zum Bild eines „guten Arztes“ bekennen, dass derzeit mehr als nur pathetisch skizziert wird, setzen sich ohne Frage der Gefahr aus, mit ihrer „Ethik“, „Moral“ und eines „Bildes vom Menschen als Patient“ stigmatisiert und qua demokratisch legitimierten Gruppenzwang unerzogen zu werden. Der scheinbar „unmoralische Arzt“ bedarf einer Erziehung und an ethischen Oberlehrern ermangelt es unserer Gesellschaft wahrlich nicht.

Zu fragen aber bleibt, ob unsere Gesellschaft solche Ärzte, die in einem ethischen Grundlagenseminar unterwiesen werden, wirklich will? Ich habe da so meine Zweifel und der Deutsche Ethikrat wäre sicherlich gut beraten, die eine oder andere Botschaft seiner Mitglieder etwas kritischer zu reflektieren, denn es geht ausdrücklich nicht um eine Zementierung eines einzelnen Menschenbildes, dass der Ärzteschaft zu internalisieren aufgegeben ist!

Nun, auch die Mitglieder des Deutschen Ethikrats befinden sich auf einer Mission – ein jeder für sich -, streben diese doch auch als Ratsmitglieder nach kognitiver Stabilität mit ihren ureigenen Gewissensentscheidungen. Dies werden wir freilich auch Herrn Huber zu konzedieren haben, aber bitte immer in dem Bewusstsein, dass ein Konsens in der Debatte um die Sterbehilfe nicht darin bestehen kann, um der Anerkennung lediglich nur eines Menschenbildes in der Medizin willen bedeutsame Grundrechte zu Grabe zu tragen. Hier sind in einem besonderen Maße die Juristen gefordert, auf die strikte Einhaltung unaufgebbarer rechtsethischer Standards zu drängen, die sich nach einem Quellenstudium des Grundgesetzes mehr als nur aufdrängen!

Es ist einzig das Privileg der BÄK in ihrer Eigenschaft als „private Arbeitsgemeinschaft“, einer ärztlichen Zwangsethik das Wort zu reden, während demgegenüber die Landesärztekammern als öffentlich-rechtliche Körperschaften in besonderer Weise verpflichtet sind, die Grundrechte sowohl der Patienten als auch der Ärzte als Kammermitglieder zu wahren.
Dass der Präsident der BÄK „nahe bei Herrn Huber“ ist, konnten wir alle nun vernehmen, aber der Preis dürfte sehr hoch sein: Die BÄK geriert sich als ethische und moralische Zuchtmeisterin und es darf bezweifelt werden, dass dies auf Dauer von der Ärzteschaft akzeptiert wird. Ärzte sind nicht „gewissenslos“ und eine Standesvertretung, die das nicht begreifen will, setzt sich der Gefahr aus, schlicht nicht „wiedergewählt“ zu werden.

Ethische und moralische Hardliner, die „nur“ ein Menschbild in der Medizin verfolgen und berufsrechtlich abzusichern versuchen, braucht nun unsere offene Gesellschaft wahrlich nicht, und – wie ich meine, noch weniger eine freie Ärzteschaft, die in der Praxis mit den Nöten und Sorgen auch der schwersterkrankten Patienten konfrontiert wird, ohne dabei gehalten zu sein, sich einer eigenen Gewissensentscheidung zu enthalten oder gar durch ihre Patienten fremdbestimmt zu werden.
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[02.10.2012, 19:51:14]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Infektion bewirkt keine Moral - das gelebte Vorbild wirkt ansteckend
Ich musste eine Nacht darüber schlafen, um herauszufinden, was mich persönlich an dem Vortrag von Professor Wolfgang Huber, nach EKD-Vorsitz jetzt Sitz im Deutschen Ethikrat, irritiert und zum Widerspruch reizt. Denn dass der Berliner Kammerpräsident Dr. Günter Jonitz zur Eröffnung des Internistentages in Zeiten von dramatischer Privatisierung, Ökonomisierung, Kapitalisierung und Rationalisierung im Gesundheitswesen völlig verblendet vom Sieg der Ethik über die Monetik jubelt, ist doch reine Realsatire.

Aber auch Prof. W. Huber sollte eher bei seiner Theologie bleiben, als dass er auf Internistenkongressen mentale Verwirrung stiftet. Es sind und bleiben nämlich Hausärztinnen und Hausärzte verschiedener Fachrichtungen bzw. Palliativärzte, die die Sterbenden zu Hause besuchen, versorgen, betreuen und begleiten. Gerade n i c h t die Olympioniken!

Die Olympioniken in der Medizin bestimmen Hirntodkriterien, betreiben im 'Teamwork' Explantation von Herz, Lunge, Leber, Niere etc. bei versterbenden Organspendern und Implantation von möglichst vital gehaltenen Organen bei schwerstkranken Organempfängern. Unter Einsatz von Hochleistungsmedizin, Pharmakotherapie und Intensivpflege werden immer diffizilere Eingriffe z. T. in Hybrid-OP' s, in Diagnostik, Therapie und Palliation vorgenommen. Die waren zu meiner Studienzeit (Med. Staatsexamen 1975 u.a. bei Professor Emil S. Bücherl, dem Pionier der Kunstherzforschung) noch 'Science-Fiction'.

Was soll, bitteschön, in diesen Regionen des medizinisch-industriellen Komplexes noch ausgerechnet ein 'Lazarus' verloren haben? Das ist nur mit dem plötzlichen Auftauchen des historischen Jesus Christus im 'New York Stock Exchange' an der heutigen Wall Street vergleichbar. Oder hat Prof. Huber in seinem Festvortrag gemeint, dass massenweise Orthopäden ausschwärmen, um die Folgen ihrer zahllos unsinnigen Cortison-Injektionen bei Patienten an ihrem Lebensende zu lindern? Dass Radiologen oder Pathologen plötzlich personalisierte Medizin betreiben wollen? Dass interventionelle Kardiologen ihre Patienten mal nicht mit Herzkatheter oder 'BMS' bzw. 'Drug-eluting'-Stents behandeln wollen? Oder dass gestandene Herzchirurgen sich von ihrer Kernkompetenz entfernen, um vom Olympioniken zum Lazarus zu mutieren?

Nein, am Festredner Prof. Huber ist die Explosion des medizinischen Wissens, die medizinisch-technische Revolution, der Glanz und das Elend wissenschaftlichen Forschens um jeden Preis, die extreme Arbeitsteilung in Wissenschaft und praktischer Umsetzung, die Rasanz der Entwicklung von fach-, teil- und spezialgebietsärztlichen Bereichen vorbeigerauscht. Er konnte als Fachfremder nicht erkennen, dass bei allem Respekt vor der immer kleinräumigeren, effektiven Arbeitsteilung und den medizinischen Großtaten der Überblick geraubt, der Einblick verstellt und der kommunikativ-kulturell reflektierende Gedanke erstirbt.

Der Mensch in seiner gesamten bio-psycho-sozialen Dimension kommt nicht nur in der Medizin unter die Räder. Die Betrachtung von der Wiege bis zur Bahre, vom ersten bis zum letzten Atemzug wird selbst aus hausärztlicher Sicht immer schwieriger und gebrochener. Ambulante und stationäre Alten- und Krankenpflege, Palliativstationen, ambulante und stationäre Hospizeinrichtungen mit ihren zahlreichen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommen mit der Lazarus-Arbeit nicht nach.

Es bleibt die Hoffnung, dass die gesellschaftliche Förderung und Anerkennung der familienorientierten, hausärztlichen Allgemeinmedizin und aller kooperierenden Berufsgruppen neben dem Olympioniken auch den Lazarus umfangen wird.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[02.10.2012, 19:24:15]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Moral entsteht nicht durch Ansteckung - das gelebte Vorbild alleine ist ansteckend
Ich musste eine Nacht darüber schlafen, um herauszufinden, was mich persönlich an dem Vortrag von Professor Wolfgang Huber, nach EKD-Vorsitz jetzt Sitz im Deutschen Ethikrat, irritiert und zum Widerspruch reizt. Denn dass der Berliner Kammerpräsident Dr. Günter Jonitz zur Eröffnung des Internistentages in Zeiten von dramatischer Privatisierung, Ökonomisierung, Kapitalisierung und Rationalisierung im Gesundheitswesen völlig verblendet vom Sieg der Ethik über die Monetik jubelt, ist doch reine Realsatire.

Aber auch Prof. W. Huber sollte eher bei seiner Theologie bleiben, als dass er auf Internistenkongressen mentale Verwirrung stiftet. Es sind und bleiben nämlich Hausärztinnen und Hausärzte verschiedener Fachrichtungen bzw. Palliativärzte, die die Sterbenden zu Hause besuchen, versorgen, betreuen und begleiten. Gerade n i c h t die Olympioniken!

Die Olympioniken in der Medizin bestimmen Hirntodkriterien, betreiben im 'Teamwork' Explantation von Herz, Lunge, Leber, Niere etc. bei versterbenden Organspendern und Implantation von möglichst vital gehaltenen Organen bei schwerstkranken Organempfängern. Unter Einsatz von Hochleistungsmedizin, Pharmakotherapie und Intensivpflege werden immer diffizilere Eingriffe z. T. in Hybrid-OP' s, in Diagnostik, Therapie und Palliation vorgenommen. Die waren zu meiner Studienzeit (Med. Staatsexamen 1975 u.a. bei Professor Emil S. Bücherl, dem Pionier der Kunstherzforschung) noch 'Science-Fiction'.

Was soll, bitteschön, in diesen Regionen des medizinisch-industriellen Komplexes noch ausgerechnet ein 'Lazarus' verloren haben? Das ist nur mit dem plötzlichen Auftauchen des historischen Jesus Christus im 'New York Stock Exchange' an der Wall Street vergleichbar. Oder hat Prof. Huber in seinem Festvortrag gemeint, dass massenweise Orthopäden ausschwärmen, um die Folgen ihrer zahllos unsinnigen Cortison-Injektionen bei Patienten an ihrem Lebensende zu lindern? Dass Radiologen oder Pathologen plötzlich personalisierte Medizin betreiben wollen? Dass interventionelle Kardiologen ihre Patienten mal nicht mit Herzkatheter oder 'BMS' bzw. 'Drug eluting'-Stents behandeln wollen? Oder dass gestandene Herzchirurgen sich von ihrer Kernkompetenz entfernen, um vom Olympioniken zum Lazarus zu mutieren?

Nein, am Festredner Prof. Huber ist die Explosion des medizinischen Wissens, die medizinisch-technische Revolution, der Glanz und das Elend wissenschaftlichen Forschens um jeden Preis, die extreme Arbeitsteilung in Wissenschaft und praktischer Umsetzung, die Rasanz der Entwicklung von fach-, teil- und spezialgebietsärztlichen Bereichen vorbeigerauscht. Er konnte als Fachfremder nicht erkennen, dass bei allem Respekt vor der immer kleinräumigeren, effektiven Arbeitsteilung und den medizinischen Großtaten der Überblick geraubt, der Einblick verstellt und der kommunikativ-kulturell reflektierende Gedanke erstirbt.

Der Mensch in seiner gesamten bio-psycho-sozialen Dimension kommt nicht nur in der Medizin unter die Räder. Die Betrachtung von der Wiege bis zur Bahre, vom ersten bis zum letzten Atemzug wird selbst aus hausärztlicher Sicht immer schwieriger und gebrochener. Ambulante und stationäre Alten- und Krankenpflege, Palliativstationen, ambulante und stationäre Hospizeinrichtungen mit ihren zahlreichen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommen mit der Lazarus-Arbeit nicht nach.

Es bleibt die Hoffnung, dass die gesellschaftliche Förderung und Anerkennung der familienorientierten, hausärztlichen Allgemeinmedizin und aller kooperierenden Berufsgruppen neben dem Olympioniken auch den Lazarus umfassen wird.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[01.10.2012, 11:24:59]
Lutz Barth 
Alt-Bischof Huber: Nicht auf der Höhe der Zeit?
Mit Verlaub: Der ehemalige Bischof und seinerzeitige Ratsvorsitzende Huber mahnt mehr Aktivitäten bei der Ärzteschaft an. Bereits in der öffentlichen Plenarsitzung des Deutschen Ethikrats am 27.09.12 zum Thema Suizid und ärztliche Suizidbeihilfe hat er sich von der irrigen Vorstellung leiten lassen, als würde die Ärzteschaft nur negativ die ärztliche Assistenz beim Suizid ablehnen, anstatt positiv zu erklären, wie sie mit Medizin am Lebensende umzugehen gedenkt.

In diesem Zusammenhang stehend ist daran zu erinnern, dass allen voran die BÄK eine der Initiatoren der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen ist; einer Charta, die voll froher Kunde und Botschaften ist und im Übrigen erheblich dazu beiträgt, dass eine offene Diskussion auch innerhalb der Ärzteschaft über das Arztethos „am Lebensende“ der schwersterkrankten und sterbenden Patienten gerade nicht geführt wird, sehen sich doch im Zweifel die Befürworter einer Liberalisierung der Sterbehilfe einer Stigmatisierung ausgesetzt. Nicht zu vergessen ist, dass gerade die Palliativmediziner meinten, ihre vorrangig kurativ tätigen Kollegen disziplinieren zu müssen, „nur“ weil diese für eine Liberalisierung der Sterbehilferegelungen eintreten.
Die Visionen einer Medizin am Lebensende resp. der hierzu „anzumahnenden Ethik“ seitens der BÄK jedenfalls ist hinlänglich bekannt: Die Palliativmedizin und das ihr zugrunde liegende Pathos wird in einem Maße favorisiert, dass gleichsam einer Verklärung gleichkommt. „Positiver“ kann also eine Ethik des guten Sterbens auch für einen schwersterkrankten und sterbenden Menschen nicht verkündet werden, zumal ja immerhin schon ein ethisches Zwangsdiktat in Gestalt des Verbots der ärztlichen Mitwirkung bei einem frei verantwortlichen Suizid eines Schwersterkrankten in der ärztlichen Musterberufsordnung erlassen wurde.

Und weiter mit Verlaub: In der Tat kann auch eine „Moral (und vor allem Ethik!) durch Ansteckung“ entstehen und so allerlei Mythen und Legenden, die mit der Vorstellung von einem christlichen Menschenbild verbunden werden, bleiben von einer fragwürdigen Ethik und „Moral“ nicht frei.
Die These von der Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens hält sich trotz der „Aufklärung“ nach wie vor hartnäckig und es steht freilich zu befürchten an, dass dies auch in den kommenden weiteren 3000 Jahren der Fall sein wird, so wie wohl auch die Botschaften des Hippokratischen Eides, die längst als verstaubt gelten, schreitet doch auch die Erkenntnis in der Arztethik voran.

So wie die Religion muss sich auch die bereichsspezifische Ethik der Palliativmedizin und der damit scheinbar untrennbar verbundene Hospizkultur mit den schönen Visionen von einem gelungenen Sterben gelegentlich der provozierenden These stellen, nicht mehr als ein „Opium fürs Volk“ zu sein, so dass mit deren dauerhaften und gebetsmühlenartigen Anpreisung zumindest der Blick auf zentrale Grundrechte nicht nur der Schwersterkrankten, sondern auch der verfassten Ärzteschaft eingetrübt wird.
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