Ärzte Zeitung App, 12.12.2013

Psychiatrie

Sind Leitlinien die Totengräber der Ethik?

Welche Perspektive hat die Ethik in der Psychiatrie - in einer Zeit, in der Widersprüche in der Versorgung immer deutlicher werden? Ein Kongress in Magdeburg suchte nach Antworten.

Von Petra Zieler

MAGDEBURG. Wie Ethik und Geld zusammenpassen, bewegte die Teilnehmer, die zum ersten nationalen Kongress "Ethik in der Psychiatrie" nach Magdeburg gekommen sind.

"In einer sich stetig verändernden Welt benötigen wir für unser Tun Orientierung", sagte Professor Wolfgang Jordan, Psychiatrie-Chefarzt am Klinikum Magdeburg.

"In dem Maße, wie ethische Fragen in der Psychiatrie in den Vordergrund rücken, werden sie immer komplexer und die Antworten immer schwieriger. Letztlich reduziert sich alles auf die einzige Frage: Was soll ich tun?"

Ausgehend davon, dass sich Ethik in der Psychiatrie im ständigen Spannungsfeld zwischen Therapie und Ökonomie bewege, sind laut Jordan für das Handeln in der Praxis fachliche und soziale Kompetenz ebenso entscheidend wie ein gutes Zusammenspiel von Gesundheitsversorgern, Politikern, berufspolitischen Akteuren und Standespolitikern.

Er zitierte die Bergpredigt: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon". Andererseits ist der Mammon, das Geld, Voraussetzung für eine innovative Behandlung. Eine Fragestellung des Kongresses war denn auch: Kann Wirtschaftlichkeit mit Ethik zusammengehen?

In seinem Vortrag "Ethik in der Gesundheitsversorgung" konstatierte Professor Nikolaus Knoepffler vom Ethikzentrum der Universität in Jena: "Erst, wenn es den Ärzten gut geht, sind sie frei in ihrer Entscheidung."

Gleichzeitig warnte der von Jesuiten erzogene Philosoph und Staatswissenschaftler vor überladenden, mit Allgemeinplätzen belegten Anforderungen.

Leitlinien als Mittel der Qualitätssteigerung

"Man kann Ärzte und Psychiater nicht für das Elend dieser Welt zuständig machen, sondern immer nur für eine ganz konkrete Handlungsebene."

Er forderte angemessene Regeln, die auch durchsetzbar sind und Wünsche der Patienten, der Ärzte und der Gesellschaft so zusammenbringen, dass das Beste dabei herauskommt. "Regeln, die leicht zu unterlaufen sind, nutzen niemandem."

Die Gefahr bestehe aber, dass Regeln in der Medizin meist von jenen "gebaut" werden, die keine Mediziner sind.

Um Änderungen zu bewirken, müsse eine andere Richtung eingeschlagen werden, forderte Professor Eckart Rüther, langjähriger Dekan der Medizinischen Fakultät an der Uni Göttingen und fragte: "Ethik - gibt es die noch? Seine Aussage: "Leitlinien sind Totengräber der Ethik", fand im Publikum ein geteiltes Echo.

Dr. Gisela Kondratjuk, Ärztliche Direktorin des AMEOS-Klinikums Haldensleben, stimmte grundsätzlich zu, meinte aber: "Ich muss Leitlinien anwenden, ansonsten kann unser Klinikum die Qualitätskriterien nicht erfüllen."

Rüther, selbst Geburtshelfer von Leitlinien, kennt das Dilemma und präzisierte: "Ohne Leitlinien gäbe es ein Chaos, dennoch sind sie das Schlimmste, was wir haben."

Sein Rat: "Lernen sie Leitlinien, aber nehmen Sie diese nicht als Regeln, die unbedingt zu verfolgen sind. So angewendet, sind sie in Ordnung."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »