Ärzte Zeitung online, 22.10.2014

Ethikrat

Viele Probleme in Kliniken haben ethische Relevanz

Der Deutsche Ethikrat beschäftigt sich in einer Tagung mit dem Alltag in den deutschen Kliniken.

DRESDEN. Kein nachhaltiges Interesse, sich mit der im internationalen Vergleich hohen Zahl der Operationen auseinanderzusetzen, sieht Irmtraut Gürkan, die Kaufmännische Direktorin des Uniklinikums Heidelberg.

"Ich als Ökonomin kann und darf das nicht, aber ich hätte den Wunsch, dass die Insider dieses Thema mal reflektieren", sagte Gürkan auf der Öffentlichen Tagung des Deutschen Ethikrates zum Thema "Klinikalltag zwischen ethischem Anspruch und Kostendruck" am Mittwoch in Dresden.

Die Klinikmanagerin sieht zudem in der deutschen Krankenhauslandschaft eine "extreme Überversorgung" in vielen Regionen, aber auch da traue sich niemand dran. "Allein im Rhein-Main-Gebiet gibt es fünf Häuser der Maximalversorgung, da kann ich nur den Kopf schütteln", kritisierte Gürkan.

Die Lösung könne aber nicht sein, die Häuser einfach nur an verschiedene private Anbieter zu verkaufen. "Marktbereinigung muss über Qualitätskriterien laufen und nicht über eine ungerechte Kosten-Erlös-Schere", sagte sie.

Der Ethikrat habe sich lange gefragt, ob er sich überhaupt mit den Problemen der Krankenhäuser auseinandersetzen soll, so der Arzt und Philosoph Thomas Heinemann, der dem Ethikrat angehört.

Drei Gründe hätten aber dafür gesprochen. Viele Probleme in den Kliniken hätten eine ethische Relevanz. Der Umgang mit ethischen Fragen sei im Krankenhaus nicht ausreichend institutionalisiert. Zudem habe das Thema eine große gesellschaftliche Bedeutung, weil jeder Mensch irgendwann auch Patient werden könne. (chb)

[23.10.2014, 23:10:38]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Krankenhausplanungen darf man auf keinen Fall den Ökonomen überlassen!
2007 publizierte die OECD eine Statistik über die durchschnittliche Verweildauer in der Akutversorgung: In Japan betrug sie 19,8 Tage, in Deutschland 8,6, in der Schweiz 8,5 Tage; in den Ländern Tschechische Republik 8, Slowakische Republik und Luxemburg 7,3, Portugal 7,1, Niederlande 6,8, Irland 6,6, Polen 6,5, Ungarn 6,3, Groß-Britannien 6,1, Österreich 5,9, USA 5,6, Island und Frankreich 5,4, Norwegen 5,2, Finnland 4,8, Schweden 4,6, Mexiko 4 und Dänemark 3,5. Der Durchschnitt der letztgenannten Länder betrug 6,8 Tage.

In einer ähnlichen Veröffentlichung von 2010 "scherzten" die Ökonomie-Autoren des OECD-Gutachtens: Sie sprachen davon, das deutsche Gesundheitswesen hätte die finanzielle Kapazität und den 'Appetit', expandieren zu wollen ["the German health care system may have the financial capacity (and appetite)..."]. Im ersten Säulendiagramm war dann Schluss mit lustig: Eine absurd aufgespreizte Häufung von Krankenhausbetten im Ländervergleich von Japan mit 13,6 Betten auf 1.000 Einwohner, Deutschland mit 8,3 Betten, bis zum Schlusslicht Mexiko mit 1,6 Betten auf 1.000 Einwohner sollte reichen ["Figure 1: Hospital beds per 1000 population, 2010 (or latest year available)"]. Quelle http://docs.dpaq.de/3354-oecd_hospital_volumes_germany.pdf

Eine 100%ige Bettenauslastung für jeden einzelnen Tag vorausgesetzt, würde damit j e d e/r Japaner/in im Verlauf nur eines einzigen Jahres 5 Tage in einem Krankenhausbett verbringen. Nach der OECDiLibrary führt die durchschnittliche Lebenserwartung der Japaner aktuell den Spitzenplatz von 83 Jahren im Ländervergleich. Jeder Bewohner Japans hätte von seiner Lebenszeit durchschnittlich knapp 412 Tage, also weit mehr als ein ganzes Jahr (365 Tage) im Krankenhausbett zugebracht. Einzelheiten auf "Schätzlers Schafott"
http://www.springermedizin.de/oecd-lachnummer---mit-oder-ohne-sombrero/4355156.html

Eine wichtige Erkenntnis: Wenn die Gesamtzahl der Kliniken um 1 % auf 1.995 in Deutschland gesunken ist, die Anzahl der Betten jedoch überproportional um knapp 2 % auf nunmehr 501.000 Krankenhausbetten sank. Wenn z u s ä t z l i c h die Verweildauer für stationäre Behandlungen in 2013 von 7,6 auf 7,5 Tage weiter abgesunken ist, bedeutet dies im klinisch-ethischen u n d betriebswirtschaftlichen Klartext, dass die Rationalisierung, Arbeitsverdichtung, Personalbelastung und Fehlerquote g e s t i e g e n sind.

Eine weitere Erkenntnis, verehrte Leserinnen und Leser, für die ethisch bedenkliche Arbeitsverdichtung in Krankenhäusern. Ein Modell-Patient, der von MO bis FR im Krankenhaus war, hat eine "Verweildauer" von nur v i e r Tagen, weil der Entlassungstag k e i n e Anrechnung erfährt (Ausnahme nur 1 Tag stationär zählt als 1 Verweiltag): "Definition der Verweildauer gemäß § 1 Abs. 7 Verordnung zum Fallpauschalensystem für Krankenhäuser (KFPV): Maßgeblich … ist die Zahl der Belegungstage. Belegungstage sind der Aufnahmetag sowie jeder weitere Tag des Krankenhausaufenthalts o h n e den Verlegungs- oder Entlassungstag …; wird ein Patient oder eine Patientin am gleichen Tag aufgenommen und verlegt oder entlassen, gilt dieser Tag als Aufnahmetag.“

Damit zeigt sich das gesamte Ausmaß der Manipulation um die Krankenhaus-, Operations-, Verweildauer und Belegungsstatistik bzw. die Unhaltbarkeit der Position von Irmtraut Gürkan, Kaufmännische Direktorin am Uniklinikum Heidelberg.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[23.10.2014, 22:26:30]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Man hört auch, in der Klinik der Kaufmännische Direktorin würden verdächtig viele Krebsoperationen durchgeführt.
Das sollte von einer Ethikkommission überprüft werden.
Natürlich neutral, ich würde Frankfurt vorschlagen,
das ist einfach etwas internationaler,
und eh ich das vergesse,
ein Chirurg darf natürlich nicht in dem Ethikrat sein. zum Beitrag »
[23.10.2014, 22:02:23]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Vielleicht sollte sich die die Kaufmännische Direktorin erst einmal mit den Operateuren ihrer eigenen Klinik unterhalten
warum diese überhaupt Operationen durchführen.
Erst wenn sie das verstanden hat, darf sie mitreden.
Kaufmann und Ethik passt ja wirklich wie die Faust aufs Auge. zum Beitrag »
[23.10.2014, 14:33:19]
Prof. Dr. Volker von Loewenich 
"Extreme Überversorgung"
Frau Gürkan gebraucht starke Worte. Fünf Häuser der Maximalversorgung im Rhein-Main-Gebiet hält sie für eine "extreme Überversorgung". Dann müßten diese Häuser in einem der am dichtesten besiedelten Gebiete Deutschlands schlecht belegt sein, sind sie aber nicht. Daher darf man diese Ausdrucksweise getrost als populistisch empfinden. Frau Gürkans Ziele, die sie leider auch erreicht hat, in Frankfurt a.M. wie anschließend in Heidelberg, waren der Rückbau bewährter Abteilungen und eine nicht mehr zeitgemäße Versteilung der Hierarchien. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Metastasen

Immer mehr Männer mit Prostatakrebs in den USA haben schon bei der Diagnose Metastasen. Ihr Anteil hat sich fast verdoppelt. Auch die Inzidenz solcher Tumoren nimmt zu. mehr »

Deutsches Defizit

Diabetes-Prävention, Strategien gegen Polypharmazie, digitale Versorgungsangebote: Neue Initiativen gibt es zuhauf. Doch Patienten müssen davon wissen. Genauo daran hapert es aber. mehr »

"Einfache Ersttherapie ist für fast alle Patienten möglich"

Die antiretrovirale Therapie ist bei neu diagnostizierter HIV-Infektion stets angezeigt, und zwar unabhängig vom Stadium der Infektion oder der Helferzellzahl. mehr »