Ärzte Zeitung, 26.03.2015

Interview

Das steckt hinter der ethischen Fallberatung

Viele Kliniken haben die ethische Fallberatung implementiert. Aber was geschieht dort genau? Dr. Jan Schildmann vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin an der Uni Bochum will im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" Licht ins Dunkel bringen.

Das Interview führte Christian Beneker

Das steckt hinter der ethischen Fallberatung

Vor allem an vielen großen Krankenhäusern gibt es mittlerweile ethische Fallberatungskonferenzen.

© Kneschke / Fotolia.com

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Schildmann, was passiert eigentlich in einer ethischen Fallbesprechung?

Dr. Jan Schildmann: Ethische Fallbesprechungen sollen bei wertebezogenen Konflikten in der klinischen Praxis die Entscheidungsfindung unterstützen.

PD Dr. Jan Schildmann

Das steckt hinter der ethischen Fallberatung

© privat

Leiter der Nachwuchsforschergruppe „Medizinethik am Lebensende: Norm und Empirie“

2011: Habilitation und Lehrbefugnis für das Fachgebiet „Geschichte, Theorie, Ethik der Medizin“

2004: Medizinische Promotion

1995 bis 2001: Medizinstudium in Berlin, London, Madrid und New York

In einer ethischen Fallbesprechung werden sowohl medizinisch relevante Fragen, zum Beispiel, welche Therapieoptionen gibt es, aber eben auch ethisch relevante Fragen beispielsweise Fragen zum Willen eines Patienten analysiert.

Die Moderatoren ethischer Fallbesprechungen sollten sowohl medizinethische Expertise als auch Moderationskompetenz besitzen.

Wie muss ich mir ethische Fallbesprechungen konkret vorstellen?

Schildmann: Der konkrete Ablauf kann in der Praxis variieren, je nach Modell, das der ethischen Fallbesprechung zugrunde liegt, aber auch in Abhängigkeit vom klinischen Setting - zum Beispiel, ob die Fallbesprechung in der Psychiatrie stattfindet oder ob auf der Intensivstation eine Frage am Lebensende besprochen wird.

Häufig wird eine ethische Fallbesprechung von einem Mitglied des Behandlungsteams angefragt, manchmal sind es aber auch Angehörige.

Es wird dann im nächsten Schritt ein Termin vereinbart an dem Vertreter des Behandlungsteams und Mitglieder eines Ethikberatungsteams sich in einem strukturierten Rahmen über das ethische Problem und mögliche Strategien verständigen.

Aus wissenschaftlicher Perspektive ist über die Wirkfaktoren von Ethikberatung und auch die Auswirkungen immer noch recht wenig bekannt.

Was konkret will man denn wissen?

Schildmann: Nun zunächst einmal wäre es wichtig, den Prozess der ethischen Fallberatung in der Praxis und mögliche Unterschiede zum Beispiel in Abhängigkeit von den Moderatoren oder auch dem klinischen Setting besser zu verstehen.

Qualitative Beobachtungsstudien wären hier eine methodische Vorgehensweise. Man könnte auf diese Weise auch die Prozessqualität überprüfen, beispielsweise könnte untersucht werden, welche ethischen Prinzipien im Rahmen ethischer Fallbesprechungen diskutiert werden und welche nicht.

Weiterhin wäre es wichtig, mehr über die Ergebnisqualität von ethischen Fallberatungen zu wissen. Zum Beispiel: Führt die ethische Fallbesprechung dazu, dass dem Willen des Patienten bei der Entscheidung in der klinischen Praxis mehr Rechnung getragen wird als ohne ethische Fallbesprechung?

Oder, wie in einigen Studien für den Bereich der Intensivmedizin auch untersucht, die Auswirkungen von ethischen Fallbesprechungen auf die Anwendung möglicherweise belastender Maßnahmen in der letzten Lebensphase? Das sind nur zwei Ziele der Ergebnisqualität.

Erstaunlich - das wurde noch nie überprüft?

Schildmann: Nun, es gibt Studien zur Ergebnisqualität, aber wir haben noch zu wenige Daten. Auch bezüglich angemessener Zielkriterien gibt es Forschungsbedarf. Denken Sie zum Beispiel an die häufig durchgeführten Zufriedenheitsmessungen.

Mehrere Studien zeigen, dass Ärzte und Pflegende nach ethischen Fallbesprechungen sehr zufrieden sind. Einige zeigen allerdings auch, dass Angehörige von Patienten weniger zufrieden sind.

Hier stellen sich Fragen aus empirischer und ethischer Perspektive. Empirisch wäre es von Interesse, besser zu verstehen, welcher Anteil von einer ethischen Fallbesprechung zu mehr oder weniger Zufriedenheit der Beteiligten führt. Aus ethischer Perspektive ist zu fragen, was ein angemessenes Kriterium für die Evaluation von Ethikberatung ist.

Was ist Ihr Forschungsansatz?

Schildmann: Im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekts planen wir eine kritische Bestandsaufnahme von Evaluationsstudien zur ethischen Fallbesprechung in der letzten Lebensphase, um den aktuellen Stand der Evaluationsforschung kritisch zu würdigen.

Es geht darum, mögliche Wirkfaktoren zu identifizieren und die empirischen Messmethoden kritisch zu prüfen.

Aus medizinethischer Perspektive wollen wir uns mit der Frage nach angemessenen Kriterien für die Evaluation von Ethikberatung beschäftigen.

Der nächste Schritt wäre, auch in Abhängigkeit von unseren Ergebnissen, die Planung und Durchführung einer Evaluationsstudie, um Auswirkungen der ethischen Fallbesprechungen besser bestimmen zu können, als wir dies aktuell tun können.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »