Ärzte Zeitung, 26.09.2016

Digitalisierung

"Müssen wir alles, was wir können?"

Krankenhäuser mit christlichem Profil ringen um den Umgang mit neuen technischen Möglichkeiten. Einige sehen das Arzt-Patienten-Verhältnis in Gefahr.

Von Luise Poschmann

"Müssen wir alles, was wir können?"

Kommt vor lauter Technik der Mensch zu kurz? Die Sorge treibt manche Klinikmitarbeiter um.

© Billion Photos/Fotolia.com

SCHKEUDITZ. Die Digitalisierung hat das Gesundheitswesen bereits erfasst, doch wer von "Medizin 4.0" spricht, kann an unterschiedliche Szenarien denken. Der Patient stellt sich zu Hause auf die Waage und sein Gewicht wird automatisch an den Arzt übermittelt.

Oder der Chirurg setzt sich im OP eine spezielle Brille auf und kann, übergelagert auf den realen gebrochenen Fuß des Patienten, das Röntgenbild sehen. Scheinbar unendliche Chancen birgt die Entwicklung für die Medizin. Doch was bringt sie für ethische Risiken mit sich?

Dieser Frage stellten sich kürzlich Klinikmitarbeiter aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf dem 3. Kongress christlicher Krankenhäuser in Mitteldeutschland. Zu dem Treffen in Schkeuditz bei Leipzig eingeladen hatten Diakonie und Caritas.

Die Frage der Ethik ist keine neue für die christlichen Kliniken. Doch die Überlegung "Müssen wir alles, was wir können?", gerät durch die Digitalisierung in einen neuen Kontext. Es geht dabei nicht um den Einsatz neuester Medizintechnik, sondern um eine Entwicklung, die auch ohne spezielles Zutun Einzug die Klinik hält.

Arzt hat keine Wahl, ob er die Entwicklung möchte 

Der Arzt wird auf Patienten treffen, die ihm Gesundheitsdaten aus seinem Fitness-Armband präsentieren. Er hat keine Wahl mehr, ob er sich der Entwicklung stellen möchte. Was viele Mitarbeiter in Kliniken fürchten, ist eine Veränderung des Arzt-Patienten-Verhältnisses.

 Das fängt bei der Frage an, ob ein Arzt mit dem Patienten am Krankenbett genauso umgeht, wenn er ein Tablet in der Hand hält statt eine Akte auf Papier. Besonders virulent wird es dort, wo Technik Menschen ersetzen kann.

Verlässt sich der Arzt auf Daten, die ihm durch einen Sensor übermittelt werden, ohne noch einmal den Patienten zu untersuchen? Und ist es ausreichend, wenn irgendwann nur noch ein Pflegeroboter auf Bedürfnisse von Demenzkranken reagiert?

Der Vorsitzende des Arbeitskreises Ethik der sächsischen Ärztekammer, Professor Frank Oehmichen, verwies darauf, dass der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff auch bedeutet, dass ein Mensch auf "Hilfe durch andere" oder "personelle Unterstützung" angewiesen ist.

Was passiert mit den Datenmengen?

Das bedeute im Umkehrschluss: "Solange es technische Unterstützung gibt, die dir Selbstständigkeit gibt, musst du sie akzeptieren", so der Kardiologe. Wenn der Patient die Technik nicht annehme, sei das sein Problem. Die heikelste Frage bleibt aber, was mit den Datenmengen passiert, die generiert werden.

Schon bei der digitalen Akte spielt Datenschutz eine Rolle, besonders kompliziert wird es aber, wenn Informationen zusammengeführt werden, sich daraus Muster ergeben oder über Prävention gesprochen wird.

Dr. Markus Müschenich, Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin, erläuterte die Möglichkeiten moderner Analyseverfahren, die genaue Risiken offenbaren. Doch was passiert, wenn jemand trotz bekannten Risikos zunimmt?

"Wir werden Menschen haben, die sagen: Du bist schuld, dass du krank bist, deshalb hast du in der GKV nichts zu suchen", sagte er. Es sei wichtig, sich mit "ethischem Grundgerüst" früh über solche Fragen Gedanken zu machen. Denn die Medizin in der digitalisierten Welt drifte immer weiter weg von jenen, die in diesem Sinne Profis seien.

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