Ärzte Zeitung, 04.06.2010
"Widerspruchslösung ist kein Allheilmittel"
Am 5. Juni, dem "Tag der Organspende", rückt das Thema stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.
Von Nicola Siegmund-Schultze

Dieser Pass könnte Leben retten: Ihn besitzen jedoch zu wenige Deutsche.
© ill
HANNOVER. "Richtig. Wichtig. Lebenswichtig." Das ist das
Motto zum bundesweiten Tag der Organspende am fünften Juni. Zur
zentralen Veranstaltung in Hannover wird Bundesgesundheitsminister Dr.
Philipp Rösler (FDP) erwartet. Das Thema Organspende soll
stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken -
dringend notwendig aus Sicht der Initiatoren: der Deutschen Stiftung
Organtransplantation (DSO), der Selbsthilfeverbände, der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und
kirchlichen Einrichtungen.
Deutschland rangiert bei den
postmortalen Organspendern mit 14,9 pro Million Einwohnern (2009, DSO)
im unteren Drittel innerhalb Europas. Spanien liegt mit 34,2 Spendern
pro Million Einwohnern (2008) seit Jahren an der Spitze, gefolgt von
Portugal (26,7 in 2008), Belgien (25,2 in 2008) und Frankreich (24,7 in
2008). In fast allen europäischen Ländern mit relativ hohen
Spenderzahlen gilt die Widerspruchslösung, meist in ihrer
erweiterten Form: Eine postmortale Organentnahme ist zulässig,
wenn der Verstorbene nicht zu Lebzeiten widersprochen hat und die
Angehörigen die Explantation akzeptieren.
Im Mai hielt
nun auch die Mehrheit des 113. Deutschen Ärztetags in Dresden eine
Gesetzesänderung mit Einführung der Widerspruchslösung
in Deutschland für angezeigt: Das Ärzteparlament stimmte
für eine zeitnahe, gesetzliche Neuregelung im Sinne einer
Widerspruchslösung mit dem Ziel, die Spenderraten zu erhöhen.
"Aus formalen Gründen musste über diesen Antrag in drei
Minuten entschieden werden", sagt Dr. Martina Wenker, Präsidentin
der Ärztekammer Niedersachsen und Mitglied der Ständigen
Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer
(BÄK). "Eine Änderung des Transplantationsgesetzes von der
erweiterten Zustimmungs- zur Widerspruchslösung aber wäre ein
echter Paradigmenwechsel. Die Entscheidung, einen solchen Wechsel
anzustreben, kann man bei einem so hochsensiblen Thema nicht in drei
Minuten treffen. Wir haben zwei wissenschaftliche Symposien zu
ethischen und rechtlichen Fragen der Organtransplantation
veranstaltet", sagte Wenker.
Diskussion für den Ärztetag wird vorbereitet
Die Ergebnisse würden ebenso wie das Votum des
Ärzteparlaments vom BÄK-Vorstand beraten werden. Ziel sei es,
auf dieser Basis eine Diskussion für den 114. Deutschen
Ärztetag vorzubereiten. Wenker ist gegen die
Widerspruchslösung: "Man darf die Menschen in diesem Bereich nicht
zu etwas zwingen." Als der Nationale Ethikrat 2007 eine Variante der
Widerspruchsregelung vorschlug - der Staat muss jeden Bürger zu
einer Erklärung über die Organspende auffordern, bevor
Schweigen als Zustimmung zur Organentnahme gewertet wird - habe sich
eine breite Front der Ablehnung formiert.
"Die Widerspruchsregelung ist kein Allheilmittel, um Organmangel zu
beheben, vor allem dann nicht, wenn die Bevölkerung nicht
überzeugt ist", meint auch Professor Günter Kirste,
medizinischer Vorstand der DSO. Umfragen zufolge würden nur 37
Prozent der Deutschen eine Widerspruchsregelung befürworten. Auch
derzeit gebe es Bundesländer mit mehr als 20 Organspendern pro
Million Einwohner, trotz Zustimmungsregelung.
Statt
langwierige politische Debatten anzustoßen, steht für die
DSO die Motivierung der Bevölkerung und der Ärzteschaft auf
geltender Rechtsgrundlage im Vordergrund. "Die Hausärzte haben
eine wichtige Funktion bei der Aufklärung", zitiert DSO-Sprecherin
Birgit Blome aus einer 2008 veröffentlichten Umfrage, die die BZgA
in Auftrag gegeben hatte. Für 76 Prozent der Bürger ist der
Arzt bevorzugter Ansprechpartner für das Thema Organspende,
Ehepartner und andere Angehörige nur bei 50 Prozent.
Allerdings
haben nur 57 Prozent der Hausärzte Informationsmaterial zur
Organspende in der Praxis ausgelegt, wie eine im vergangenen Jahr
publizierte Studie ergab. Im Auftrag des Verbands der privaten
Krankenversicherung und der DSO waren 500 hausärztlich tätige
Kollegen befragt worden. Elf Prozent gaben an, das Thema häufiger
anzusprechen, 61 Prozent redeten vereinzelt mit Patienten darüber,
28 Prozent gar nicht. Neben mangelnder Information und Ängsten der
Bürger sahen 71 Prozent der Befragten Wissensdefizite bei den
Ärzten als wichtige Ursache für die relativ geringe
postmortale Spenderate an.
Pilotprojekt soll Strukturen optimieren
Vermutlich verdoppeln ließe sich die postmortale Spende, wenn
alle potenziellen Spender in den Kliniken erkannt und gemeldet
würden, so das Ergebnis einer früheren Studie der DSO. Nun
nehmen mehr als 100 von 151 Universitätskliniken und
Krankenhäuser mit neurochirurgischen Intensivstationen an einem
Pilotprojekt zur Optimierung der Strukturen für die Organspende
teil. Bei der Koordination nach spanischem Vorbild werden Aufgaben der
DSO und der Klinikmitarbeiter enger miteinander verzahnt. Innerhalb von
zwei Jahren wird evaluiert, ob das Modell für Deutschland sinnvoll
wäre und wenn ja, wie. Zur Zeit sterben täglich drei
Patienten auf der Warteliste für ein Organ. Die Ablehnungsrate von
Organspenden durch Angehörige liegt bei 35 bis 40 Prozent.
Lesen Sie dazu auch:
Tag der Organspende: BÄK fordert Beauftragte an allen Kliniken

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