Ärzte Zeitung, 30.08.2010

Nach Steinmeiers Nierenspende wird Ruf nach Rechtsänderung laut

12 000 Patienten warten in Deutschland auf ein Spendeorgan. In der Politik hat derweil eine kontroverse Diskussion über die sogenannte Widerspruchslösung begonnen.

Von Thomas Hommel

Nach Steinmeiers Nierenspende wird Ruf nach Rechtsänderung laut

Die Nieren-Transplantation von Frank-Walter Steinmeier an Ehefrau Elke Büdenbender hat eine breite Debatte über Organspende ausgelöst.

© Sven Simon / imago

BERLIN. Nach der erfolgreichen Nieren-Transplantation von SPD-Oppositionsführer Frank-Walter Steinmeier an seine Ehefrau Elke Büdenbender wird in der Politik intensiv über eine Änderung des Transplantationsgesetzes diskutiert. Die Debatte kreist dabei um die Frage, ob die Zustimmungsregelung bei den Organspenden in eine Widerspruchsregelung umgewandelt werden soll.

Bei der Widerspruchslösung wird vom Einverständnis zur Organspende ausgegangen - es sei denn, die betreffende Person hat sich zu Lebzeiten anders geäußert. Bei der Zustimmungsregelung müssen potenzielle Spender zuvor ausdrücklich ihren Willen bekundet haben, ein Organ spenden zu wollen - meist geschieht dies in Form eines Organspendeausweises. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation tragen aber nur etwa 17 Prozent aller Bundesbürger einen solchen Ausweis bei sich.

Befürworter der Widerspruchslösung wie der Berliner Herzspezialist Professor Roland Hetzer argumentieren, dass in Ländern, in denen nach der Widerspruchsregelung verfahren werde, die Zahl der Organspenden deutlich höher liegt als in Deutschland. Auch CDU-Gesundheitsexperte Rolf Koschorrek bezeichnete die Widerspruchsregelung in der "Welt am Sonntag" als "Möglichkeit, die Versorgung mit Spendeorganen hierzulande entscheidend zu verbessern".

Sein Parteikollege Jens Spahn sagte dagegen, eine Widerspruchslösung sei "mit vielen Ängsten verbunden" und könne daher "kontraproduktiv" wirken. Spahn schlug vor, jedem jungen Volljährigen einen Organspendeausweis auszuhändigen. Eine gute Gelegenheit dafür sei die Führerscheinprüfung.

In der FDP gehen die Meinungen zur Widerspruchsregelung ebenfalls auseinander. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger plädierte dafür, offen über dieses Thema zu sprechen. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler erklärte, Deutschland habe sich nach langen Debatten bewusst gegen die Widerspruchslösung entschieden. Einen "direkten Zusammenhang" zwischen rechtlicher Grundlage und Spenderzahl gebe es nicht, so Rösler.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach regte derweil eine parteiübergreifende Gesetzesinitiative für die Widerspruchsregelung an.

Die Deutsche Hospiz Stiftung wiederum stufte die Widerspruchsregelung als nicht verfassungskonform ein. Die Bundesbürger müssten "über Risiken und Chancen der Organentnahme" umfassend aufgeklärt werden, hieß es.

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