Ärzte Zeitung, 28.10.2011

Krasse Versicherungslücke in der PKV

Leben retten und dafür bezahlen: Das droht schlimmstenfalls Lebendorganspendern, wenn der Empfänger privatversichert ist. Denn die PKV muss nicht für die Kosten möglicher Komplikationen zahlen. Experten sprechen von einem Skandal - und rufen nach der Politik.

Von Ilse Schlingensiepen

Organspende: Gravierende Versicherungslücke in der PKV

Spenderorgane sind rar. Lebendspenden sind deshalb wichtig. Aber hier gibt es sogar Versicherungslücken.

© horizont21 / fotolia.com

DORTMUND (iss). Bei der Organspende muss die Übernahme der Kosten für Folgebehandlungen bei Lebendspendern durch private Krankenversicherer (PKV) geregelt werden.

Dass es hier Handlungsbedarf gibt, sieht die Branche selbst ein. "Wir müssen uns zusammensetzen und eine schnelle, unbürokratische Regelung zu finden", sagte der Direktor des PKV-Verbands Dr. Volker Leienbach bei einer Veranstaltung während der Finanzmesse DKM in Dortmund.

Versicherer des Empfängers zahlt

Bei Lebenspenden trägt der Krankenversicherer oder die Krankenkasse des Empfängers die Kosten für die Organentnahme.

Problematisch wird es, wenn beim Spender in Folge der Organentnahme weitere medizinische Behandlungen notwendig werden und er bei der Arbeit ausfällt.

Während die gesetzlichen Krankenkassen diese Kosten ohne Probleme übernehmen, stellen sich PKV-Unternehmen häufig erst einmal quer.

Betroffene sind derzeit auf Kulanz angewiesen

Der Grund: Die Behandlungskosten sind nicht auf eine Krankheit des Versicherten zurückzuführen und deshalb nicht gedeckt.

Zwar regeln viele PKV-Unternehmen die Frage letztendlich auf dem Kulanzweg. Das sei aber unbefriedigend, räumte Leienbach ein.

Die GKV zahlt dagegen ohne Probleme. "Eine Riesen-Versicherungsgemeinschaft steckt das locker weg", betonte der Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland/Hamburg Wilfried Jacobs.

Diskussion bereits seit zehn Jahren

Die Auseinandersetzung über die Kosten stelle die Betroffenen vor ein Problem. Schon aus Imagegründen müssten die Privatversicherer zusehen, das Thema schnell vom Tisch zu bekommen, empfahl er.

Bereits seit zehn Jahren werde über diese Frage ohne Ergebnis diskutiert, kritisierte der Transplantationsmediziner Professor Eckhard Nagel vom Deutschen Ethikrat.

"Die Versicherungsproblematik bei Lebenspenden ist gravierend", sagte er. Angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung der Lebendspende sei es nicht nachvollziehbar, dass Versicherer die Folgekosten nicht übernehmen wollen.

Kostenübernahme gesetzlich regeln

Auch Klaus Dr. Theo Schröder, PKV-Ombudsmann und lange Jahre Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, sieht Handlungsbedarf.

"Das Thema ist in der Vergangenheit nicht mit dem Gewicht behandelt worden, das es verdient hätte".

Schröders Meinung nach könnte die Kostenübernahme in der geplanten Änderung des Organspendegesetzes geregelt werden.

Geschlossene Hilfsmittelkataloge

Leienbach räumte ein, dass die PKV auch in einer anderen Frage im Vergleich mit der GKV schlechter abschneidet: Die meisten Versicherungsverträge sehen einen geschlossenen Hilfsmittelkatalog vor.

Aktuelle technische Entwicklungen werden nicht berücksichtigt.. Es sei schwierig, einseitig die Versicherungsbedingungen anzupassen, die auf einem Vertrag zwischen Versicherer und Kunde beruhten.

Auf die Dauer müsse die PKV aber eine Lösung finden.

Problematische Positivliste für Hilfsmittel in der PKV

"Wir müssen die Versicherten am medizinischen Fortschritt teilnehmen lassen und dürfen nicht schlechter sein als die GKV", sagte der Verbandsdirektor.

Grundsätzlich bräuchten die Unternehmen mehr Gestaltungsspielräume, um Versicherten gute und bezahlbare Qualität bieten zu können, betonte er.

Mehr Gestaltungsspielräume forderte AOK-Chef Jacobs auch für die Krankenkassen. Gesetzlich Versicherte, die zusätzliche Leistungen oder zusätzlichen Service wünschten, müssten diese auch in der GKV hinzukaufen können.

Jacobs hat mit seiner Kasse als erster Zusatzversicherungen angeboten und macht seit einigen Jahren der PKV in diesem Gebiet direkt Konkurrenz.

[29.10.2011, 16:39:46]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Gute Nacht, PKV!

Zu Recht kritisiert Professor Eckhard Nagel, Transplantationsmediziner im Deutschen Ethikrat, dass die Privaten Krankenversicherer die Problematik medizinischer Komplikationen bei den Donatoren einer Lebendorganspende seit 10 Jahren "verschnarcht" haben. Und das, obwohl die PKV gesetzlich verpflichtet ist, m i n d e s t e n s die gleichen Leistungen wie die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zu gewähren. Jeder Privatversicherte weiß ein Lied davon zu singen, wenn es z. B. allein um Kulanzregelungen bei der PKV-Kostenübernahme für REHA-Maßnahmen geht.

Der Direktor des PKV-Verbands, Dr. Volker Leienbach, vergießt auf der Dortmunder Finanzmesse DKM allenfalls Krokodilstränen, wenn er "eine schnelle, unbürokratische Regelung" suchen und finden will. Denn die gesamte PKV befindet sich auf absteigendem Ast: Das Internet ist voll mit unseriösen, vollmundigen Versprechungen von niedrigsten Einsteiger- und Lockvogeltarifen. Wer dann im Haifischbecken gelandet ist, muss im Einzelfall jährlich mit 2-stelligen Prozentsteigerungen der Prämien für sich und seine Familie rechnen. Und die exorbitanten Abschlussprovisionen müssen jetzt staatlich begrenzt werden, während ältere Versicherte im Ruhestand ihre gestiegenen Prämien teilweise nicht mehr bezahlen können.

Die PKV ist im Grunde eine kapitalgestützte Umlagekasse mit nach oben offenen Prämien und ohne echtes unternehmerisches Risiko. Ihre Geschäftspolitik zielt auf die staatliche Genehmigung regelmäßiger Erhöhung der Versicherungsbeiträge bei der BaFin (Bundesanstalt für die Finanzdienstleistungsaufsicht) ab.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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