Ärzte Zeitung online, 15.06.2012

Organspende-Reform besiegelt

Jahrelang wurde gerungen, jetzt gibt es eine Reform der Organspende: nach dem Bundestag haben auch die Länder der Entscheidungslösung zugestimmt. Neu geregelt wird aber noch eine ganze Menge mehr.

Organspende-Reform besiegelt

Organspendeausweise: Davon soll es bald noch viel mehr geben.

© Steinach / imago

BERLIN (nös). Die Bundesbürger werden künftig regelmäßig nach ihrer Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod gefragt. Der Bundesrat gab am Freitag grünes Licht für die Organspende-Reform und setzte einen Schlusspunkt unter jahrelange Debatten.

Die beiden Ende Mai im Bundestag beschlossenen Änderungsgesetze können damit in Kraft treten, zuvor müssen sie noch vom Bundespräsidenten unterzeichnet werden.

Kern der Reform ist die Entscheidungslösung, die von einem fraktionsübergreifenden Konsens im Bundestag ausgegangen ist.

Danach sollen unter anderem alle gesetzlich und privat Krankenversicherte ab dem 16. Lebensjahr zu ihrer Spendenbereitschaft gefragt werden. Bislang galt in Deutschland die sogenannte Zustimmungslösung.

Die gesetzlichen Kassen sollen künftig Informationsmaterial und einen Organspendeausweis bei der Ausgabe der Gesundheitskarte und die Privatversicherer beim Versand der Beitragsmitteilungen beilegen.

Die Entscheidung soll außerdem auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden können. Allerdings fehlen dafür noch die technischen Voraussetzungen. Solange sollen die Versicherer das Material alle zwei Jahre erneut versenden.

Auch die Bürgerämter und Passstellen werden in die Pflicht genommen. Sie sollen künftig bei der Ausgabe von Ausweisen und Pässen Organspendeausweise und Informationsmaterial beilegen.

Zu einer Entscheidung verpflichtet werden die Bürger allerdings nicht. Künftig heißt es in Paragraf 2 des Transplantationsgesetzes: "Niemand kann verpflichtet werden, eine Erklärung zur Organ- und Gewebespende abzugeben."

Mit einem zweiten Gesetz, das die schwarz-gelbe Koalition eingebracht hatte, werden neue Regeln für die Krankenhäuser, die Organentnahme und -übertragung festgelegt.

Erstmals werden in Paragraf 9a die Bedingungen für die Entnahmekrankenhäuser definiert. Sie müssen künftig von den zuständigen Behörden "benannt" werden.

Die Kliniken müssen unter anderem OPs auf dem Stand "der medizinischen Wissenschaft und Technik" nachweisen. Außerdem müssen sie über geeignetes qualifiziertes Personal verfügen.

Die Entnahmekliniken müssen zudem mindestens einen Transplantationsbeauftragten stellen, der direkt der ärztlichen Leitung unterstellt sein muss und nicht weisungsgebunden sein darf.

Die Anforderungen an die Qualifikationen der Ärzte sollen die Länder in eigenen Gesetzen festlegen. Danach können mehrere Krankenhäuser auch gemeinsame Beauftragte benennen.

Auch Lebendspender sollen künftig bessergestellt werden. Danach soll die Kasse des Organempfängers künftig für die Kosten der Organentnahme, Vor- und Nachbehandlung, Reha-Behandlung und das Krankengeld aufkommen. Letzteres soll 100 Prozent des letzten Nettoeinkommens statt wie bisher 90 Prozent betragen.

Außerdem sollen Lebendorganspender im Rahmen der Behandlung von Zuzahlungen befreit werden. Für Folgeerkrankungen der Spender soll anschließend die Kasse des Spenders aufkommen.

Tritt im Nachhinein ein Gesundheitsschaden ein, soll die gesetzliche Unfallversicherung dafür aufkommen. Damit soll eine "klare und unzweideutige Abgrenzung" zwischen Kranken- und Unfallversicherung eingeführt werden. In der Vergangenheit hatte es speziell bei dieser Unterscheidung immer wieder Probleme gegeben.

Geändert werden soll auch die Lohnfortzahlung. Der Eingriff für eine Organspende soll demnach als "unverschuldete Arbeitsunfähigkeit" definiert werden.

Damit erhalten die Spender bis zu sechs Wochen von ihrem Arbeitgeber weiter Gehalt, das den Unternehmen wiederum von der Krankenkasse des Organempfängers erstattet werden soll. Die geplanten Regelungen sollen auch für Privatversicherte gelten.

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[17.06.2012, 00:14:36]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Kein Ende mit der Organspende?
Nach monatelanger öffentlicher Diskussion, nach einer Medien-'Hype' um die Organspende und nach fraktionsübergreifenden Debatten ist dem Bundestag als gesetzgebendem Organ und der zustimmungspflichtigen Ländervertretung, dem Bundesrat, immer noch nicht klar, worum es geht. Explantationen von Spenderorganen werden nicht n a c h dem Tod vorgenommen, sondern n a c h den mittlerweile 15 Jahre alten Hirntodkriterien der Bundesärztekammer (BÄK). "Todesbescheinigung NRW"-Vordrucke sehen bei "Sichere Zeichen des Todes" zwar Fragen nach "Totenflecke, Totenstarre, Fäulnis, Hirntod, nicht mit dem Leben vereinbare Verletzungen" unter Frage "11" - "Vertraulicher Teil" und "Reanimationsbehandlung durchgeführt" bei Frage "12" vor.

Aber in der Realität liegt ein Mensch als Patient/in mit unwiderruflichem Sterbeprozess und mit erfüllten Hirntodkriterien auf der Intensivstation, wird fortlaufend mit Katecholaminen perfundiert und maschinell beatmet, damit gerade n i c h t die begehrten Spenderorgane absterben. Die Entnahme möglichst vitaler und medizinisch vitalisierter Organe zur Rettung von Organempfängern bei unwiderruflichem Sterben des Organspenders beinhaltet doch d e n entscheidenden Zielkonflikt. Zugleich brauchen potentielle Transplantatempfänger bei lebensbedrohlicher Zuspitzung ihrer Krankheiten auch intensivmedizinische Betreuung und OP-Vorbereitung. Diese ethische Problematik kann man doch nicht ernsthaft dadurch lösen wollen, dass man die gesamte Bevölkerung unreflektiert mit Organspende Ausweisen, Informations- und Werbematerial zuschüttet; auch noch wiederholt alle 2 Jahre durch die gesetzlichen und privaten Krankenkassen bzw. bei der Ausgabe von Ausweisen und Pässen.

Vielleicht sollte man bessere bio-psycho-soziale Rahmenbedingungen für diejenigen schaffen, die in Intensivpflege, im OP und ärztlichen Dienst, in der Technik/Logistik bei Explantation, Transplantation und Implantation einerseits den endgültigen Sterbeprozess bei hirntoten Organspendern aufhalten, andererseits bei Organempfängern unter dem Druck enger Zeitfenster, drohendem Transplantatversagen und möglichen intraoperativen Komplikationen medizinische Maximalversorgung in der Transplantationschirurgie sicherstellen müssen. Einfach bei A l l e n, die mit Transplantationsmedizin befasst sind, fundierte Fragen stellen, empathisch Zuhören, Respekt und Anerkennung zollen, statt mit bunten Hochglanzprospekten um sich zu werfen. Alles nur, weil man schlichtweg selbst massive Ängste verspürt, sich mit diesen existenziellen medizinischen Grenzfragen inhaltlich und emotional auseinanderzusetzen oder noch nie beim Sterben wirklich dabei war.

Mf+kG, Dr. med-. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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