Ärzte Zeitung, 22.07.2012

Der Standpunkt zum Organspende-Skandal

Wie Vertrauen verspielt wird

Der Göttinger Skandal um Tricksereien bei der Organspende erschüttert die Republik - und zwar zu Recht, denn er ist ein Vertrauensbruch gegenüber den Bürgern, die Organe zu spenden bereit sind, meint Helmut Laschet. Und: Der Fall offenbart Schwächen im System.

Wie Vertrauen verspielt wird

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur der Ärzte Zeitung. Schreiben Sie ihm: helmut.laschet@ springer.com

Erst vor wenigen Wochen hat der Deutsche Bundestag nach langem Ringen fraktionsübergreifend eine Novelle des Transplantationsgesetzes verabschiedet.

Danach sollen die Bürger dafür geworben werden, bei geeigneten Gelegenheiten, ihre Bereitschaft zur Organspende zu deklarieren.

Dies ist ein altruistischer Akt - in der Erwartung und unter der Voraussetzung, dass diejenigen Patienten ein Spenderorgan erhalten, die es aus nachvollziehbaren und überprüfbaren Erwägungen am dringendsten brauchen.

Bürger, die sich zur Organspende bereit erklärt haben, müssen darauf vertrauen können, dass diese Prinzipien eingehalten werden.

Was in Göttingen geschehen ist, das ist ein Vertrauensbruch. Dieser hat zwei Ebenen. Erstens die persönliche Verantwortung eines oder mehrerer fehlerhaft handelnder Ärzte.

Über die Motive kann im Moment nur spekuliert werden - waren kommerzielle Aspekte im Spiel, war es der Ehrgeiz, oder war es das verständliche, aber gleichwohl nicht zu rechtfertigende Bestreben, den eigenen Patienten mit einer gefälscht dramatisierten Morbidität zu helfen?

Die zweite Ebene ist die des Systems: Wenn jetzt erwogen wird, bei der Erstellung von Dokumenten - und als solche sind die Nachweise von Laborparametern zu bewerten - das Vier-Augen-Prinzip einzuführen, so offenbart dies Lücken, die Spielräume für Manipulationen lassen. Diese Lücken müssen zügig geschlossen werden.

Gewarnt sei davor, Göttingen als Einzelfall, als Ausnahme herunterzuspielen. Natürlich sind Transplantationszentren keine kriminellen Vereinigungen, und darum ist Fehlverhalten immer die Tat einzelner oder weniger Menschen.

Wenn aber wie im Fall der Transplantationsmedizin hohe medizinische Expertise, persönliche Integrität und Vertrauen der Gesellschaft eine Symbiose eingehen, dann müssen strenge Maßstäbe auch für die Systemsicherheit gelten.

Dies gilt vor allem auch deshalb, weil ein möglicher Schaden durch Fehlverhalten weder reparabel noch justiziabel ist.

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