Ärzte Zeitung online, 04.08.2012

Gewebespenden

Zu wenig Aufklärung

Mehr Hornhäute, weniger Herzklappen und Blutgefäße: Die Gewebespenden stehen oft im Schatten der Organspende. Offenbar liegt es auch daran, dass Hausärzte so wenig über das Thema reden.

Zu wenig Aufklärung in der Bevölkerung

Hornhaut-Präparation: Die Zahl der Spenden steigt.

© Uni-Augenklinik Freiburg

HANNOVER (cben). Nach der gesetzlichen Neuregelung von Gewebespenden vor fünf Jahren sind im Netzwerk der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) die Spender- und Transplantationszahlen bei Hornhäuten und Amnion stark angestiegen.

Aber bei humanen Herzklappen, Blutgefäßen und Muskulo-skelettalen Gewebe sind die Spenderzahlen zum Teil zurück gegangen oder sie stagnieren.

Das geht aus dem Jahresbericht 2011 der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) in Hannover hervor.

"Der zeitweilige Rückgang etwa bei Herzklappen liegt daran, dass die Spende nur in Kombination mit einer Organspende möglich ist", sagt DGFG-Sprecher Tino Schaft.

Wenn ein Herz, das zur Entnahme freigegeben wurde, nicht als Transplantat geeignet ist, können oft doch die Herzklappen als Gewebespende entnommen werden.

"Da aber die Organspenden zurück gehen, schrumpfen auch die Spenderzahlen bei den Herzklappen", so Schaft. "Zudem ist nicht allen Ärzten klar, im Aufklärungsgespräch auch explizit die Gewebespende anzusprechen."

Die Folge: Die Spenderzahl bei den Herzklappen bei den DGFG-Netzwerk-Mitgliedern sank zwischen 2007 und 2011 von 292 auf 147, zwischenzeitlich lag sie sogar 2009 bei nur 86 Spenden.

Die Anzahl der Blutgefäß-Spenden stieg nur leicht von 163 auf 186, so der Jahresbericht der DGFG. Die Amnionspenden stiegen zwischen 2007 und 2011 von null auf 1038, bei Hornhäuten von 1935 auf 3090.

Seit 2007 unterliegen alle Gewebezubereitungen dem Arzneimittelgesetz. Um den Handel mit Gewebe auszuschließen, schrieb der Gesetzgeber ein Handelsverbot ins Transplantationsgesetz (TPG).

Allerdings sind längst nicht alle Spender- und Spende-Zahlen bekannt. Außerdem können nicht alle Gewebespenden auch transplantiert werden.

Das neue Gesetz schreibt umfangreiche Untersuchungen der Gewebe vor, erklärt Schaft. "Es werden aufwändige Verfahren eingesetzt, alle Spenden werden zum Beispiel virologisch und mikrobiologisch geprüft."

Die Untersuchungen werden in den Gewebebanken vorgenommen. Laut Schaft können rund 70 Prozent der gespendeten Hornhaut-Transplantate schließlich Patienten transplantiert werden.

Diese Zahlen aus dem Jahresbericht sind zu relativieren. Denn im Netzwerk der DGFG, die ausdrücklich nur mit gemeinnützigen Partnern zusammenarbeitet, sind nur zehn von rund 25 Gewebebanken in Deutschland organisiert, sowie zwei Knochenbanken und drei Herzklappenbanken. Die Zahl der Knochenbanken, die nicht in der DGFG organisiert sind, ist unklar.

Klar indessen ist: Der Bedarf an Hornhäuten, Herzklappen oder Blutgefäßen übersteigt das Angebot bei Weitem. So brauche man in Deutschland 6000 bis 8000 Hornhäute im Jahr und 300 bis 500 Herzklappen, wie die Zahl der schließlich jährlich verpflanzten Gewebe gezeigt hat, erklärt Tino Schaft.

Bei den Herzklappen muss aufgrund der Mangelsituation im Notfall auch eine künstliche oder aus Schweineherzen gewonnene Klappe eingesetzt werden.

Der Mangel bei anderen Gewebeteilen führt zu einer längeren Wartezeit, laut DGFG wartet die Hälfte der Hornhautempfänger im Netzwerk drei Monate auf das Transplantat.

Zudem gebe es für Gewebe deutlich mehr potenzielle Spender als Organspender. Während in Deutschlands Kliniken jährlich rund 4000 Menschen für eine Organspende in Frage kämen, sind es potenziell 400.000 Menschen, die in Krankenhäusern an Herzkreislaufversagen gestorben sind, und für eine Gewebespende in Frage kommen, berichtet Schaft.

Obwohl der Mangel an Gewebespenden also nicht die Dramatik hat, wie der Mangel an Organspenden, fehlen doch Knochen, Klappen und Blutgefäße.

"Oft sprechen die Hausärzte mit ihren Patienten nur über die Organspende", bedauert Schaft, "dabei wird im Organspendeausweis nach der Entnahme von Organen und auch Gewebe gefragt."

"Wenn etwa ein zur Transplantation frei gegebenes Herz nicht geeignet ist, brauchen wir die Meldung, dass wenigsten die Herzklappen zur Verfügung stehen."

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