Ärzte Zeitung, 26.08.2012

Konsequenzen ziehen

Bahr bittet im Organspende-Skandal zum Gipfel

Der Skandal um mutmaßlich manipulierte Patientenakten am Göttinger Uniklinikum ist längst Chefsache: Gesundheitsminister Bahr will mit allen Verbänden klären, welche Lehren für die Transplantationsmedizin zu ziehen sind.

Von Heidi Niemann

Bahr bittet im Organspende-Skandal zum Gipfel

Infotafel für Organtransplantationen am Uniklinikum Göttingen: Dort wurden offenbar Patientenakten manipuliert.

© dpa

GÖTTINGEN. Der Transplantationsskandal am Göttinger Universitätsklinikum beschäftigt nun auch wissenschaftliche Kontrollinstitutionen. Das Ombudsgremium der Göttinger Universitätsmedizin will die Publikationen des unter Korruptionsverdacht stehenden früheren Leiters der Transplantationschirurgie unter die Lupe nehmen.

Man wolle prüfen, ob darin manipulierte Patientendaten verwendet worden seien, teilte Klinikumssprecherin Bettina Bulle auf Anfrage mit. Außerdem würden laufende Promotionen aus den beiden betroffenen Abteilungen überprüft. Die Doktoranden würden betreut und unterstützt, damit sie ihre Doktorarbeiten erfolgreich abschließen können.

Der 45-jährige Mediziner steht unter dem Verdacht, sowohl in Göttingen als auch an seinem früheren Arbeitsplatz am Uniklinikum Regensburg in jeweils 23 Fällen Patientendaten manipuliert zu haben, um diesen bevorzugt zu einer Spenderleber zu verhelfen. In die Manipulationen am Göttinger Klinikum soll auch der kürzlich vom Dienst frei gestellte Leiter der Abteilung Gastroenterologie und Endokrinologie verwickelt gewesen sein.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung

Die Staatsanwaltschaft Göttingen prüft, ob andere Patienten, die durch die Manipulationen benachteiligt wurden, infolge eines ausgebliebenen Spenderorgans gestorben sind. Sie ermittelt gegen beide Mediziner wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.

Parallel dazu ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig als Zentrale Ermittlungsstelle für Korruptionsstrafverfahren wegen des Verdachts der Bestechlichkeit, während die Staatsanwaltschaft Regensburg die Verdachtsfälle an der bayerischen Klinik prüft. Die Ermittlungen sollen unter anderem klären, wie die Manipulationen vorgenommen wurden und wer dafür verantwortlich war.

Offenbar wurden verschiedene Tricks angewandt, um die Patienten kränker zu machen, als sie eigentlich waren, um sie so auf eine vordere Stelle auf der Warteliste für Spenderorgane zu bringen. So soll auf einigen Formularen bei der Frage, ob es sich um einen Dialysepatienten handelte, fälschlicherweise "ja" angekreuzt worden sein.

Außerdem sollen Laborwerte verfälscht worden sein. Dies könnte nach Angaben der Ermittler dadurch geschehen sein, dass Blutproben umetikettiert oder Blutgerinnungswerte manipuliert wurden.

Ob der Mediziner am Ende strafrechtlich zu belangen sein wird, ist noch ungewiss. Bislang haben die Ermittler keinen Hinweis darauf gefunden, dass Geld geflossen ist, so dass hinter dem Vorwurf der Bestechlichkeit ein großes Fragezeichen steht. Auch der Straftatbestand der Urkundenfälschung kommt vermutlich nicht zum Tragen.

Sollten tatsächlich unzutreffende Eintragungen vorgenommen worden sein, könnte dies nach Angaben eines Justizsprechers als "schriftliche Lüge" einzuordnen sein, da nicht eine falsche Identität vorgetäuscht wurde, sondern der Inhalt des Dokuments falsch war.

Der beschuldigte Arzt hat sich noch nicht geäußert

Der Mediziner selbst hat bislang keine Einlassung abgegeben. Man habe noch keine Akteneinsicht gehabt, sagte sein Rechtsanwalt Professor Steffen Stern. "Solange wir die Vorwürfe nicht kennen, machen wir dazu auch keine Angaben."

Einen Punkt will er jedoch bereits klar stellen: Der Medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Professor Günter Kirste, hatte kürzlich behauptet, dass der Transplantationschirurg für einen ausländischen Organempfänger eine Pauschale an die DSO überwiesen habe. Dies sei ungewöhnlich, weil üblicherweise die Krankenkasse oder der Patient selbst diese Pauschale zahle. Ärzte hätten mit diesen Abrechnungsvorgängen nichts zu tun.

Tatsächlich, so Stern, habe sein Mandant dem Patienten lediglich geholfen, ein Konto einzurichten und dabei seine Kontaktadresse angegeben. Dieses Konto habe dem Patienten gehört, sein Mandant habe darüber nicht verfügen können.

Vertreter aller Verbände nach Berlin

Am Montag hat Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr zu einem Gipfeltreffen in Berlin eingeladen. Er will mit allen Verbänden, die mit Transplantationen befasst sind, darüber beraten, welche Konsequenzen aus dem Skandal zu ziehen sind.

An dem Gespräch nehmen Vertreter der Krankenkassen, der Deutschen Krankenhausgesellschaft, der Deutschen Stiftung Organtransplantation, der Stiftung Eurotransplant, der Deutschen Transplantationsgesellschaft, der Bundesärztekammer sowie der ständigen Kommission Organtransplantation und der Überwachungs- und Prüfungskommission der Bundesärztekammer teil.

Unterdessen liefert ein Zeitungsbericht neuen Zündstoff. Wie die Frankfurter Rundschau in ihrer Samstagsausgabe berichtet, werden Spenderherzen fast nur noch im weniger transparenten Hochdringlichkeitsverfahren verteilt.

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