Ärzte Zeitung online, 04.09.2013

Prüfbericht zu Transplantationen

Dunkle Wolken über Münster

Im Transplantationsskandal standen bisher drei Kliniken im Fadenkreuz - jetzt sind es offiziell vier: Auch an der Uniklinik Münster gab es laut Prüfbericht "schwerwiegende Verstöße".

Dunkle Wolken ziehen über die Uniklinik Münster

Uniklinik Münster: Die PÜK kritisiert Verstöße bei Lebertransplantationen.

© Rüdiger Wölk / imago

BERLIN. Außer in Göttingen, Leipzig und München hat es auch an der Uniklinik Münster schwer wiegende Verstöße bei der Vergabe von Spenderorganen gegeben. Das hat die zuständige Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK) von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen am Mittwoch in Berlin bekannt gegeben.

Bereits Ende Juli hatte die Staatsanwaltschaft Münster einen anonymen Hinweis wegen fraglicher Dialyse-Indikationen im Lebertransplantationsprogramm am Universitätsklinikum Münster geprüft. Laut Bericht gab es dort 25 Verstöße gegen Richtlinien.

Die Kommission hat für ihren Bericht die Vorgänge bei den 24 Leberprogrammen in den Jahren 2010 und 2011 geprüft. Die Überprüfung der weiteren Organprogramme sollen nun folgen.

"Alle 46 Transplantationszentren mit ihren rund 140 organspezifischen Transplantationsprogrammen werden künftig mindestens einmal in einem Zeitraum von 36 Monaten vor Ort geprüft", sagte die Vorsitzende der Prüfungskommission, Anne-Gret Rinder. In den Jahren 2010 und 2011 seien in Deutschland insgesamt 1180 Patienten postmortal gespendete Lebern transplantiert worden.

Die bereits bekannten Fälle betreffen die Unikliniken Göttingen und Leipzig sowie das Klinikum rechts der Isar in München. In Göttingen habe sich aufgrund der Art der Verstöße, der Umstände im Einzelfall sowie der Häufigkeit des Auftretens der Verdacht auf systematische oder bewusste Falschangaben zur Bevorzugung von Patienten auf der Warteliste ergeben.

UKM weist viele Vorwürfe zurück

Laut Bericht gab es im Untersuchungszeitraum dort 79 Verstöße gegen Richtlinien. In Göttingen läuft derzeit ein Prozess gegen den früheren Leiter der Transplantationsmedizin des Universitätsklinikums. Bekannte Fälle aus Regensburg hätten sich vor dem Prüfzeitraum ereignet, so Rinder. Für die Jahre 2010 und 2011 wurden dort keine systematischen Regelverstöße mehr festgestellt.

In Leipzig, Rechts der Isar und Münster hätten sich eindeutige Anhaltspunkte für systematische Falschangaben ergeben. Diese seien jedoch im Vergleich zu Göttingen "in einem zahlenmäßig geringerem Umfang" gewesen, betonte Rinder. Der Bericht nennt: 79 Verstöße in Göttingen, 76 in Leipzig, 38 in München, 25 in Münster (UKM).

Das UKM sprach am Mittwoch in einer Stellungnahme von Meldefehlern in neun Fällen. "Wir erkennen diese Verstöße an und bedauern diese Meldefehler sehr", sagte der ärztliche Direktor des UKM, Professor Norbert Roeder.

In den anderen 16 Fällen weist die Klinik die Kritik der PÜK allerdings zurück. Das UKM will darin keine Richtlinienverstöße erkennen. Beispiel Dialyse: In Münster kommt in vielen Fällen von Leberschäden die MARS-Dialyse zum Einsatz, das Molecular-Adsorbent-Recirculation-System.

Das Verfahren zur Entgiftung funktioniert ähnlich wie die Hämodialyse und soll die Leber entlasten, damit sie sich selbst regenerieren kann. Die PÜK wirft dem UKM vor, dass die Klinik bei dem Einsatz von MARS die Patienten an Eurotransplant als dialysepflichtig gemeldet haben soll, obwohl tatsächlich keine Hämodialysen erfolgt waren oder die Patienten gar keine Nierenfunktionsstörungen hatten.

Unterschiedliche Bewertungen

Das UKM steht hingegen auf dem Standpunkt, dass das MARS-Verfahren eine ähnliche Effektivität habe wie klassische Nierenersatzverfahren. Ergo, so impliziert das Argument, müsse MARS auch wie eine Nierenersatztherapie bei der Meldung behandelt werden.

Was das UKM allerdings unterschlägt: Seit 2008 können laut PÜK MARS-Therapien bei der Meldung separat gemeldet werden. Das Kreuzchen bei der Dialyse ist deswegen gar nicht nötig.

Brisant ist die Frage der Dialyse deswegen, weil ihre Angabe dafür sorgt, dass für die Berechnung des MELD-Scores, der die Position auf der Warteliste widerspiegelt, automatisch ein Serum-Kreatinin von 4 mg/dl angenommen wird, was den MELD-Score deutlich anhebt.

Die Uniklinik kritisiert außerdem, dass die PÜK vier Fälle von Patienten mit Leberzell-Ca als Richtlinienverstoß wertet. Die Kommission bemängelt etwa in zwei Fällen, dass die Münsteraner die Mailand-Kriterien bei der Meldung nicht eingehalten hätten. Danach sollen nur solche Patienten gemeldet werden mit Tumoren zwischen zwei und fünf Zentimetern Größe oder bis zu drei kleine Tumoren.

Das UKM beharrt allerdings darauf, diese Kriterien erfüllt zu haben, da in beiden Fällen entweder zwei oder drei kleinere Tumoren nachgewiesen worden waren.

Auch bei der Frage nach der Alkoholkarenzzeit von mindestens sechs Monaten streiten sich UKM und PÜK: So argumentiert die Klinik, zwei Patienten mit geringerer Karenzzeit hätten gemeldet werden dürfen, weil die Grunderkrankungen eben nicht die äthyltoxische Leberzirrhose gewesen sei.

Verstöße in 15 weiteren Zentren

Und in einem weiteren Fall hätte die PÜK außerdem andere Zeitangaben bewertet, was zu einer Karenz unterhalb der Sechs-Monats-Grenze führe.

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) erwartet im Fall des UKM, dass die Motive für die Richtlinienverstöße ermittelt werden. "Die Staatsanwaltschaft kann nun auch die Erkenntnisse des vorliegenden Berichtes der Prüfungs- und Überwachungskommission für ihre Ermittlungen nutzen", sagte Steffens.

Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL), Dr. Theodor Windhorst, wies am Mittwoch darauf hin, dass die PÜK zu dem Schluss gekommen sei, dass die Verstöße in Münster keine Manipulationen seien, und dass keine Menschen zu Schaden gekommen seien.

"Es hat in Münster keine Bereicherung oder Bevorzugung einer besonderen Klientel gegeben. Es ist auch kein gespendetes Organ verloren gegangen", sagte Windhorst.

Auch in 15 weiteren Leberzentren entdeckten die Kontrolleure der PÜK laut Bericht ebenfalls Richtlinienverstöße. Aufgrund der jeweiligen Umstände oder der geringen Anzahl gebe es hier aber keinen Verdacht auf systematische oder bewusste Falschangaben, betonte Rinder.

Sie sprach von Dokumentations-, Flüchtigkeits- oder Bewertungsfehlern. Es habe zudem grundsätzlich keine Anhaltspunkte gegeben, dass privat versicherte Patienten oder sogenannte Non-Eurotransplant-Residents bevorzugt behandelt worden seien, so Rinder.

Bahr gegen mehr staatliche Kontrolle

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) betonte, der Bericht der Kommission sei ein Stück "Vergangenheitsbewältigung". Jetzt könne er guten Gewissens die Bürger auffordern, sich für die Organspende zu entscheiden.

"Es gibt keine Belege oder Hinweise, dass Ärzte gegen Bezahlung von Patienten hier etwas gemacht haben". so Bahr. Man könne jetzt "mit Fug und Recht behaupten, dass ein solches Fehlverhalten nicht wieder stattfinden" könne.

Er sprach sich gegen mehr staatliche Kontrolle aus. "Sie können nicht neben jeden Arzt einen Staatsbeamten setzen", sagte Bahr.

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, sagte, die Gründe für Manipulationen könnten im Wettbewerb der Kliniken und im Streben nach Ruhm und Ehre liegen. "Es waren nicht vordergründig materielle Motive, die zu Verstößen gegen die Transplantationsrichtlinien führten", so Montgomery.

Der Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, betonte, dass die große Mehrzahl der Zentren richtlinienkonform arbeiteten. Es müsse eine Neujustierung des Verhältnisses der gegenwärtigen Zuteilungskriterien "Dringlichkeit und Erfolgsaussicht" diskutiert werden.

Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes, sagte, dass sich die deutsche Transplantationsmedizin in einer tiefen Vertrauenskrise befinde. Um Vertrauen wieder herzustellen, helfe nur eine lückenlose Aufklärung aller Manipulationen in den Transplantationszentren.

Er appellierte an die Versicherten, ihre Entscheidung zur Organspende zu treffen und diese auf dem Organspendeausweis kenntlich zu machen. Darüber hinaus forderte er eine Prüfung, ob an zu vielen Kliniken Organe transplantiert werden.

Nach seiner Auffassung erreichen die meisten nicht die vorgesehenen Mindestmengen für die prestigeträchtigen Eingriffe. "Kleine Fallzahlen gefährden Patienten", so von Stackelberg.

Scharfe Kritik der Opposition

Die Opposition kritisierte den Bericht scharf. Dieser sei "ein weiteres Ablenkungsmanöver der großen Akteure im Organspendesystem und Wahlkampfgeklingel des Ministers", sagte Linken-Politikerin Kathrin Vogler.

Vogler weiter: "Vor einem Jahr wurden die Skandale in Göttingen, Regensburg und anderswo bekannt, und seitdem ging es dem Bundesgesundheitsministerium, der Bundesärztekammer und der Deutschen Stiftung Organspende stets darum, die Öffentlichkeit zu beruhigen, ohne dabei aber die notwendigen grundlegenden Änderungen vorzunehmen."

Namhafte Wissenschaftler und Juristen forderten deshalb genauso wie die Partei die Linke, dass "zukünftig nicht mehr ein privater Verein wie die Bundesärztekammer, sondern eine (halb)staatliche Behörde oder Einrichtung die Richtlinien vorgeben" solle. Auch die Aufsicht und Kontrolle dürfe nicht den Akteuren selbst überlassen werden, so Vogler.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, warf Bahr vor, er habe den notwendigen Neustart im Transplantationswesen nicht geschafft. "Das bestehende System, das den Missbrauch hervorgebracht hat, muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Dass Manipulationen von Wartelisten nun strafbar sind, ist gut, aber nicht ausreichend", sagte Künast.

Um das notwendige Vertrauen bei den Menschen wieder herzustellen, müsse Bahr für tatsächliche Transparenz, unabhängige Kontrollen und Verteilungsgerechtigkeit sorgen. Es bedarf einer unabhängigen, staatlichen Aufsicht des Organspendesystems.

Die Zahlen für Organspenden sind laut Experten zurzeit auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) haben von Januar bis Juni 2013 insgesamt 459 Menschen nach ihren Tod Organe gespendet.

In den Vorjahren lagen die Zahlen noch deutlich höher. Im Jahr 2012 waren es in diesem Zeitraum 562 Menschen. Mehr als 11.000 Menschen in Deutschland warten derzeit auf ein Spenderorgan. (sun/nös)

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