Ärzte Zeitung, 08.10.2014

Transplantationen

Organvergabe sollte überdacht werden

Sind die Kriterien für die Organverteilung in Deutschland längst überholt? Davon geht der Heidelberger Transplantationsimmunologe Gerhard Opelz aus. Neue Regelungen könnten die Erfolgsaussichten verbessern.

Organvergabe sollte überdacht werden

Vorbereitung einer Nierentransplantation: In anderen Ländern werden Erfolgsaussichten stärker berücksichtigt.

© Kasper/dpa

HEIDELBERG. Dass in Deutschland Spenderorgane schlechter funktionierten als in den anderen europäischen Ländern liege nicht an den Chirurgen und der medizinischen Nachbehandlung, sondern "hat etwas mit der Spender- und Empfängerauswahl und der Organverteilung zu tun".

Darauf hat der Heidelberger Transplantationsimmunologe Professor Gerhard Opelz jüngst wieder beim 12. Heidelberger Transplantationssymposium hingewiesen.

Vergleiche man die Ergebnisse in Deutschland mit den europäischen Ländern, die nicht an die Regeln von Eurotransplant gebunden sind, so schneide Deutschland bei allen Organtransplantationen wie Niere, Leber, Herz, Pankreas und Lungebezüglich Organfunktion und Überlebensraten schlechter ab. "Hier muss Ursachenforschung betrieben werden", fordert er.

Der Plan für ein nationales Transplantationsregister sei zwar lobenswert, so Opelz, aber es werde Jahre dauern, bis man genügend Daten habe, um daraus valide Folgerungen zu ziehen.

Verwertbare Daten habe man bereits jetzt aus der Collaborative Transplant Study (CTS) in Heidelberg, in welche etwa 500 Transplantationszentren weltweit ihre Transplantationsergebnisse melden.

"The sickest first"-Maxime in Deutschland

Anhand aktueller Auswertungen zeigte Opelz, der CTS vor 30 Jahren ins Leben gerufen hat und inzwischen die freiwillig gemeldeten Ergebnisse von über einer halben Millionen Transplantationen weltweit überblickt, für die Leber- und Nierentransplantationen in Deutschland die Schwachstellen auf.

Die Zahlen: In Deutschland funktionieren ein Jahr nach der Transplantation durchschnittlich noch 67 Prozent der verpflanzten Lebern postmortaler Spender, in europäischen Ländern außerhalb des Eurotransplant-Verbundes hingegen noch 84 Prozent. Bei den Nieren ist das Verhältnis 86 zu 91 Prozent.

Opelz zufolge hat die strikte Anwendung des MELD-Scores (Model for End-Stage Liver Disease) in Deutschland mit der Maxime "The sickest first" dazu geführt, dass hierzulande immer ältere, kränkere und risikoreichere Patienten den Zuschlag bekommen, wenn Eurotransplant eine Leber verfügbar hat.

Das lässt sich an der Entwicklung des MELD-Scores ablesen. Je höher dieser ist, desto schlechter ist der Gesundheitszustand des potenziellen Empfängers. Opelz: "Wir operieren zunehmend mehr Patienten mit einem MELD-Score von über 25 und immer weniger mit einem Guten unter 10 oder 12."

Dieses Auswahlkriterium nach Dringlichkeit habe wahrscheinlich auch einige Kollegen dazu veranlasst, ihre Patienten kränker zu machen, als sie es tatsächlich waren, um sie auf die Warteliste setzen zu können. In anderen europäischen Ländern würden auch die Erfolgsaussichten stärker berücksichtigt.

Opelz Fazit: Die Erfolgsraten zwischen Deutschland und denjenigen europäischen Ländern, die die Erfolgsaussichten höher gewichten, driften immer weiter auseinander.

Das Dilemma der Transplanteure

Einen der Hauptgründe für die schlechteren Ergebnisse bei den Nierenfunktionsraten sieht Opelz darin, dass immer mehr alte Empfänger Organe von alten Spendern über 65 Jahren bekommen.

Das von Eurotransplant ins Leben gerufene "European Senior Program" werde in Deutschland wiederum strikter befolgt, als in den europäischen Ländern, die nicht zu Eurotransplant gehören.

Zwischen 2010 und 2012 wurden in Deutschland ein Viertel aller Transplantationen "old for old" vorgenommen, in anderen Ländern waren es unter neun Prozent.

Die Folge: Kommt hierzulande ein Patient von über 65 Jahren auf die Warteliste, wird er aufgrund der "old-to-old-Vorgaben" schneller ein Organ bekommen als diejenigen im mittleren Alter (50 bis 64).

Aus Mangel an Spendernieren würden zudem immer häufiger Organe mit schlechter Gewebeübereinstimmung transplantiert. Dabei werde ignoriert, so der Heidelberger Immunologe, dass HLA-Inkompatibilität zu verstärkten Abstoßungsreaktionen, mehr Immunsuppression und letztlich mehr Infektionen mit Todesfolgen führten.

Die Transplanteure stünden hier in einem Dilemma, räumte er ein, denn gerade bei Kindern möchte man möglichst schnell transplantieren, andererseits solle das Organ möglichst lange funktionieren.

Die Daten zeigten jedoch: HLA-kompatible Organe funktionierten länger und dies sollte bei der Organzuteilung wieder stärker berücksichtigt werden. (bd)

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