Ärzte Zeitung, 13.01.2015

Organtransplantation

Prüfer sprechen von "Unzulänglichkeit" bei Dokumentation

Ein möglicher Fehler bei einer Hirntod-Diagnose in Bremerhaven wirft Fragen über das Prozedere bei der Hirntod-Feststellung und Organentnahme auf. Das betroffene Klinikum weist die Kritik zurück, die Deutsche Stiftung Organtransplantation schweigt.

Von Christian Beneker

Bremerhaven-A.jpg

Das Klinikum Reinkenheide in Bremerhaven: „Das Haus trägt keine Verantwortung für den Abbruch“.

© Carmen Jaspersen/dpa

BREMERHAVEN. In einem Klinikum in Bremerhaven haben Ärzte wegen eines möglichen Fehlers bei der Hirntod-Diagnose die Organentnahme abgebrochen.

Die Patientin sei jedoch vor der Entnahme hirntot gewesen, betonte die zuständige Überwachungskommission für Transplantationen am Montagnachmittag.

Es habe "Unzulänglichkeiten in der Dokumentation" gegeben, die die Beteiligten verunsichert und zum Abbruch der Transplantation geführt hätten, so die Prüfkommission.

Die "Süddeutsche Zeitung" hatte zuvor von Fehlern bei einer Organtransplantation in einem Krankenhaus im Raum Bremen / Bremerhaven berichtet. Dabei handelt es sich um das Bremerhavener Krankenhaus Reinkenheide.

Offenbar sei der Hirntod der Patientin nicht vorschriftsmäßig festgestellt worden, so die "SZ".

Die Fehler seien möglicherweise auf ein Kommunikationsproblem bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) zurückzuführen, sagt nun Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Bremer Krankenhausgesellschaft, der "Ärzte Zeitung".

Die DSO will sich derzeit nicht zum Thema äußern.

Mitteilung an die DSO

Die Patientin mit Schädelhirntrauma war nach Informationen der "Ärzte Zeitung" Opfer eines Verkehrsunfalls und Organspenderin.

Bei ihr wurde "aus medizinischen Gründen die Hirntod-Diagnostik eingeleitet, ohne dass zu diesem Zeitpunkt eine mögliche Organentnahme eine Rolle spielte", teilte dazu das Klinikum mit.

Zwei Ärzte des Hauses hätten unabhängig voneinander den Hirntod der Frau festgestellt. "Die schwerst verletzte Patientin war nach allen uns zur Verfügung stehenden Indikatoren eindeutig verstorben", erklärt Dr. Edith Kramer, Medizinische Geschäftsführerin des Klinikums.

Nachdem der Hirntod der Patientin diagnostiziert worden war, "bekam die DSO eine Mitteilung über den Fall, der anschließend in Verantwortung der DSO weiter betrieben wurde", so das Klinikum.

Darauf prüfte ein Koordinator der DSO die Hirntodfeststellung und bestätigte sie. Bis hierher lief der Prozess vorschriftsmäßig ab.

Was dann geschah, ist unklar. Das DSO-Entnahmeteam begann offenbar seine Arbeit und brach sie wenig später ab. Zimmer von der Krankenhausgesellschaft sagt: "Das Krankenhaus trägt in diesem Fall keine Verantwortung für den Abbruch der Op."

Reinkenheide ist ein Haus der Maximalversorgung und verfügt über eine Hauptfachabteilung für Neurochirurgie und eine Neurologie für Stroke Units. "Hier haben Fachleute den Hirntod festgestellt", so Zimmer. Damit dürfte der Ball im Feld der DSO liegen.

Doch die Stiftung schweigt einstweilen. Birgit Blome, Sprecherin der DSO, erklärte: "Für uns ist das Wichtigste, dass die Organspenderin wirklich hirntot war. Zu weiteren Einzelheiten werden wir uns erst äußern, wenn der Abschlussbericht der BÄK vorliegt."

Dieser werde nach den Gesprächen mit den Beteiligten vorgelegt, hieß es.

Kritik an Hirntod-Feststellung

Unterdessen kritisierte der Wilhelmshavener Transplantationsmediziner, Professor Gundolf Gubernatis, die Praxis der Hirntod-Feststellung in Deutschland.

Viele Ärzte, die mit dieser Aufgabe betraut sind, seien dazu nicht genug ausgebildet, so Gubernatis zur "Ärzte Zeitung".

Um die Qualifikation der Ärzte zu erhöhen, forderte er in einem Schreiben an die Bundesärztekammer bereits 2014, die Zusatzbezeichnung "Hirntod-Diagnostik" einzuführen. Bisher habe die Kammer nicht reagiert.

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[15.01.2015, 08:55:05]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Gero Frings
in Bezug auf die erneuten Schlagzeilen zum Thema „Hirntoddiagnostik und Organspende“ möchte ich folgendes anmerken:

Wie vermutet, hat eine ordnungsgemäße Hirntoddiagnostik bei den erfahrenen Kollegen in Bremerhaven stattgefunden. Unabhängig von der Möglichkeit, eventuell im Anschluss an eine stattgehabte Feststellung des Hirntodes eine Organentnahme anzudenken, haben die Kolleginnen und Kollegen der zuständigen Fachabteilungen im Rahmen der Befundkonstellation die entsprechenden klinischen und diagnostischen Untersuchungen durchgeführt, die letztendlich unabhängig von etwaigen Perspektiven in Richtung Organspende in der Diagnose „Hirntod“ gemündet sind. Dies ist sicherlich auch laufend mit den Angehörigen und den Teams der Station kommuniziert worden und vermutlich der Dokumentation der Krankengeschichte zu entnehmen, was ja nun offensichtlich auch durch die Untersuchungskommission bestätigt wird. Es ist dann offensichtlich im weiteren Verlauf zu dem Entschluss gekommen, eine Organspende zu realisieren. Die DSO wurde involviert. Warum dann an einem Punkt der Prozesskette, der weit hinter dem Bereich „Hirntoddiagnostik“ liegt, plötzlich Auffälligkeiten entstanden sein sollen, wird weniger ein grundsätzliches Problem sein, sondern vielmehr in diesem Einzelfall mit den beteiligten Protagonisten zu erörtern sein. Die Klinik beschreibt die Abläufe rund um die Prozesse der Organspende korrekt. Insofern bin ich gespannt, wer an welchem Punkt wo eine „Unregelmäßigkeit“ festgestellt hat. Was das jedoch wieder (bundesweit) ausgelöst wurde, ist bezeichnend für die Situation der Organspende und ihre notwendigen Prozessanforderungen, aber auch wie sich einzelne Beteiligte im Kontext eigentlich klar definierter Aufgaben verhalten. Am Ende der aktuell sorgfältig durchgeführten Analysen wird wohl vermutlich die Erkenntnis stehen, dass im Grunde die essentiellen Schritte korrekt eingehalten wurden. Im Vordergrund steht im Rahmen der Diskussionen wieder einmal die Hirntoddiagnostik. Im vorliegenden Fall scheint sie korrekt ausgeführt worden zu sein, was bei der medizinischen Ausgangssituation, die zu dieser klinisch notwendigen Diagnostik geführt hat, auch nicht erstaunt. Trotzdem entsteht sofort Kritik an einem Punkt, der doch offensichtlich völlig korrekt im klinischen Kontext an sinnvoller Stelle von Erfahrenen abgearbeitet wurde. Hätte keine Organspende stattgefunden, wäre auch niemals darüber diskutiert worden. Das Thema „Organspende“ jedoch führt sofort zu der FESTSTELLUNG durch Dritte (und Vierte…), dass es Unregelmäßigkeiten im Rahmen der Hirntoddiagnostik gegeben habe. Die entsprechende Berichterstattung, auch durch die ansonsten seriöse „Süddeutsche Zeitung“, schlug dann auch sofort im Rahmen entsprechender Interpretationen mit voller Wucht zu. Dieser spezielle Fall wurde weder vor Ort noch auf sorgfältige Art und Weise recherchiert. Vielmehr reichte das Reizwort „Organspende“ dazu aus, das gesamte System in Deutschland grundsätzlich an den Pranger zu stellen. Dagegen möchte ich mich jedoch als langjährig tätiger Intensivmediziner und Transplantationsbeauftragter verwahren. Das System der Organspende, verankert in der noch recht jungen Fassung des Transplantationsgesetzes von 2012, ist – korrekt durchgeführt und korrekt dokumentiert – schlüssig, medizinisch absolut zuverlässig und nach dem Stand der Wissenschaft regelrecht aufgestellt. Man muss sich nur daran halten. Nichtsdestotrotz wird es, wie in absolut jedem Bereich der Medizin, notwendig sein, Probleme oder den Eindruck von „Unregelmäßigkeiten“ an den entsprechenden Stellen zu melden, sie zu überprüfen und gegebenenfalls ein Verbesserungspotential abzuleiten. Sollte in Bremerhaven eine „Unregelmäßigkeit“ vorliegen, so wird sie zu benennen sein. Hierüber in differenzierter Form zu berichten ist sicherlich Aufgabe der Presse. Aus meiner Sicht besteht auch in diesem Bereich, nämlich offene Berichterstattung über mögliche Probleme und deren Potential zur Verbesserung im Bereich der Organspende, für sich ein Verbesserungspotential für den kritisch-sachlichen Dialog auf allen Seiten. Trotzdem bin ich traurig darüber, dass im vorliegenden Fall durch die Presse in den meisten Fällen nicht berichtet, sondern gleichzeitig auch viel gemutmaßt wurde, so dass am Ende nicht die gegebene Problematik in Bremerhaven das Thema ist, sondern die grundsätzliche Kritik an einem System, welches sicherlich viel Spielraum für persönliche Unsicherheiten bietet, aber am Ende bei solcher Berichterstattung erst einmal dazu führt, dass die breite Bevölkerung verunsichert wird. Schade. Die Warteliste von hoffenden Menschen, die dringend auf eine Organspende hoffen, wird täglich größer. Täglich sterben rund drei Menschen in Deutschland von dieser Warteliste. Die sehr deutsche Diskussion, die durch die fortgesetzte Berichterstattung vor allem in der „Süddeutschen Zeitung“ eher angeheizt als versachlicht wird, führt dazu, dass wir mit über 80 Millionen Einwohnern in Europa die Importeure Nummer 1 für Organe sind. Eine europaweit geführte Diskussion würde zeigen, dass andere Länder die extrem Kritik-geprägte Ansicht über Organspende und ihre Prozesse nicht teilen, wovon wir als Deutsche eben auch profitieren. Ich würde mich über mehr Sachlichkeit im Rahmen der Berichterstattung sehr freuen. Die „Ärzte-Zeitung“ geht da ja schon beispielhafte Wege, in dem sie die Fakten auf allen Seiten versucht darzustellen. Das könnten die weiteren Kolleginnen und Kollegen der Medien auch.

Dr. med. Gero Frings
Transplantationsbeauftragter
Vorsitzender „AG TXB NRW e.V.“
Chefarzt, Klinik für Anästhesie & Operative Intensivmedizin
- Spezielle Schmerztherapie, Palliativmedizin, Notfallmedizin -
St. Bernhard-Hospital, Kamp-Lintfort
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[14.01.2015, 12:38:54]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Über den "Transplantationsskandal" wird in den Medien so lange berichtet,
bis es keinen Spender mehr in Deutschland gibt.
Offensichtlich fühlt man sich dabei auch noch wohl.
Ach ja,
operieren sollte man eigentlich sowieso verbieten.
Auf diesem Weg marschiert man bereits. zum Beitrag »

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