Ärzte Zeitung, 08.09.2008

Hintergrund

Immer älter, immer häufiger pflegebedürftig? Eine Studie widerspricht dieser These

Die gute Nachricht: Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt. Die schlechte Nachricht: Dann steigen auch die Pflegekosten. Eine Studie deutet darauf hin, dass die zweite Aussage nicht immer zutrifft.

Von Florian Staeck

Eine Hundertjährige mit Führerschein: Nach einer deutsch-dänischen Studie nimmt der Pflegebedarf bei hochaltrigen Menschen nicht stark zu.

Foto: imago

Auch wenn mehr Menschen sehr alt werden, nimmt der Pflegebedarf nicht beständig zu. Das ist das Ergebnis einer deutsch-dänischen Studiengruppe um den Bevölkerungsforscher Professor James W. Vaupel vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Die Wissenschaftler haben alle im Jahr 1998 in Dänemark lebenden Menschen kontaktiert, die 1905 geboren wurden. Insgesamt über 2260 Menschen konnten für die Untersuchung gewonnen werden, die zum Start der Untersuchung 92 Jahre alt waren.

In vier Untersuchungswellen bis zum Jahr 2005 wurden die Teilnehmer befragt. Ziel war es zu ermitteln, inwieweit sich die körperlichen und geistigen Fähigkeiten verändert haben. Dafür wurden mehrere Messgrößen verwendet, so beispielsweise der ADL-Score (Activity of daily living) für den körperlichen und der MMSE-Sore (Mini-Mental State Examination) für den kognitiven Status der hochaltrigen Menschen. Im Ergebnis konnte so ermittelt werden, inwieweit die alten Menschen unabhängig zurecht kamen, also ohne bei täglichen Verrichtungen auf die Hilfe Dritter angewiesen zu sein.

Überraschendes Ergebnis: Zwischen dem 92. und dem 100. Lebensjahr hat der Anteil der unabhängig lebenden Alten nur um sechs Prozentpunkte abgenommen, nämlich von 39 Prozent (1998) auf 33 Prozent (2005). Allerdings verdankt sich der fast gleichbleibende Anteil der Pflegebedürftigen einem statistischen Effekt: Die Teilgruppe der 92-Jährigen, die bereits zum Start der Untersuchung auf Hilfe angewiesen war, ist schnell gestorben. Von den anfangs über 2000 Teilnehmern leben zum Ende der Studie nur noch 156. Und in dieser Untergruppe ist der Anteil der unabhängig lebenden Alten von 70 Prozent im Jahr 1998 auf 33 Prozent im Jahr 2005 gesunken.

Dennoch ist das Ergebnis der Untersuchung von großem Interesse angesichts einer befürchteten "Explosion" der Pflegekosten in einer älter werdenden Gesellschaft. Die Studienautoren dagegen halten fest: "Diese düstere Prognose wird von unserer Untersuchung nicht bestätigt." Im Gegenteil lege die Studie nahe, "dass die Pflegekosten für eine Person in ihrer zehnten Lebensdekade nicht steigen." Allerdings war das Design der Studie nicht darauf angelegt, zu verfolgen, wie sich die Kosten der medizinischen Versorgung entwickeln.

In acht Jahren stieg der Anteil Pflegebedürftiger nur gering.

Unbestritten ist, dass der Anteil der alten Menschen wachsen wird. Teilt man die Bevölkerung in Deutschland in Klassen von 20 Jahren ein, so sind gegenwärtig die 60- bis 80-Jährigen die vierthäufigste Altersklasse. Bis 2030 allerdings wird die Gruppe der über 60-Jährigen die stärkste Fraktion bilden. Schätzungen darüber, wie groß diese Gruppe zahlenmäßig ist, sind allerdings schon jetzt sehr unzuverlässig.

Darauf haben zwei Forscher vom Max-Planck-Institut aufmerksam gemacht. In den alten Bundesländern weisen die amtlichen Statistiken vor allem bei Männern über 90 Jahre Zahlen auf, die um bis zu 40 Prozent zu hoch sind, haben Rembrandt Scholz und Dimitri Jdanov ermittelt. Die beiden Forscher haben dafür die tatsächlich gemeldeten Sterbefälle mit den Daten der Rentenversicherung abgeglichen, in der etwa 90 Prozent der Bevölkerung erfasst sind.

Grund für die Diskrepanz sind zum einen die lange zurückliegenden Volkszählungen. Zum anderen meldeten sich Menschen, die umzogen, beim Einwohnermeldeamt ihrer neuen Stadt zwar an, abgemeldet am alten Ort wurden sie häufig aber nicht. Erst seit 2005 ist diese Fehlerquelle durch eine Rechtsänderung ausgeschlossen. Damit sind nach Angaben der Forscher die Bestandsdaten der Statistik verzerrt. Dies hat auch Konsequenzen für den Anteil sehr alter Menschen, die pflegebedürftig sind. Scholz und Jdanov vermuten, dass "der Anteil Pflegebedürftiger (...) in der Altersklasse 90 + vermutlich weit höher liegt als heute angenommen" - weil die Bevölkerungszahl an sich zu hoch eingeschätzt wird.

Kompressions- und Medikalisierungs-These

Umstritten ist, ob eine längere Lebenserwartung mit einem Zugewinn an gesunden Lebensjahren einhergeht oder mit einer steigenden Häufigkeit und Dauer und Krankheit.

  • Die Kompressionsthese geht davon aus, dass die Verlängerung der Lebenserwartung mit einem Hinausschieben von Krankheit einhergeht.
  • Die Medikalisierungsthese unterstellt, dass Menschen älter und zugleich kränker werden.

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