Ärzte Zeitung, 28.05.2009

Hintergrund

Mysterium von Hillesheim hält nicht nur Forensiker in Atem

Mehrere mysteriöse Todesfälle in einem Pflegeheim geben der Staatsanwaltschaft weiter Rätsel auf.

Von Anne Christin Gröger

Zwölf Bewohner des Pflegeheims Katharinenstift im rheinland-pfälzischen Hillesheim erkrankten im März an einer unbekannten Krankheit - zehn sind bereits daran gestorben (wir berichteten). Alle litten unter Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Atemnot und wiesen eigenartige Entzündungen an den Atemwegen auf. Dem Fall stehen Fachleute und Pfleger ratlos gegenüber.

Ein Noro-Virus schied als Verursacher schnell aus

Ein Rückblick: Am 21. März brach in dem Seniorenheim mit 134 Betten eine unbekannte und gefährliche Krankheit aus. Relativ schnell schlossen Amtsarzt und Gesundheitsamt ein Noro-Virus als Verursacher aus, denn das Personal blieb gesund. Auch eine Salmonellen-Infektion durch verunreinigte Lebensmittel kam nicht in Frage, weil nur Bewohner aus einer Station die Symptome aufwiesen und auch von den Pflegern niemand krank wurde. Die infizierten Senioren wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht, wo sie in Isolations-Zimmern versorgt wurden. Auch der betroffene Wohnbereich im Heim steht unter Quarantäne. Die erste Patientin starb bereits zwei Tage nach Auftreten der Symptome. Das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz (LUA), das Veterinäramt, die Rechtsmedizin Mainz und mehrere Speziallabors versuchen herauszufinden, was die Krankheit hervorgerufen hat. Bislang ohne Erfolg.

Der zweite Todesfall rief den Staatsanwalt auf den Plan

Nach dem zweiten Todesfall schaltete sich die Staatsanwaltschaft Trier ein. Um die Ursachen für die Krankheitssymptome herauszufinden, obduzierten Forensiker alle Verstorbenen. Bei vier Patienten handelte es sich um eine natürliche Todesursache - unter anderem akutes Herzversagen und Lungenembolie. Unklar ist, warum sie überhaupt erkrankt sind. Die Obduktionen der anderen führte bisher zu keinem Ergebnis. Das LUA hat inzwischen die Untersuchungen eingestellt. "Unsere Mitarbeiter haben weder Viren noch Bakterien gefunden, die für die Infektion der Bewohner verantwortlich sein könnten", so LUA-Sprecherin Kerstin Stiefel. Auch die hygienischen Bedingungen wurden nicht beanstandet. "Nach jetzigem Kenntnisstand hat sich das Heim keiner Vergehen schuldig gemacht", so Stiefel.

Der Heimleiter hofft auf eine schnelle Aufklärung.

Im Katharinenstift herrscht Ausnahmezustand. Zuletzt überprüften Schornsteinfeger die Heizungsanlage des Heims. "Gutachter des Fresenius-Instituts untersuchten weitere Wohn- und Arbeitsbereiche. Wir sind daran interessiert, die Ursache für die Krankheit so schnell wie möglich aufzuklären", so Langer. "Bei allen Betroffenen herrscht eine große Verunsicherung, weil es nach wie vor keine konkreten Hinweise gibt." Die Heim-Mitarbeiter, die unter enormem Druck stehen, werden inzwischen psychologisch betreut. Um die fünf noch ungeklärten Todesfälle zu analysieren, hat die Staatsanwaltschaft weitere Untersuchungen in Auftrag gegeben. "Wir ermitteln noch immer in alle Richtungen", so der Leitende Oberstaatsanwalt Jürgen Brauer. "Um der Wahrheit näher zu kommen, wurden jetzt auch Gewebeproben bei allen Verstorbenen entnommen."

Seitdem eine Infektion als Ursache nicht mehr in Frage kommt, arbeiten Spezialisten des Fresenius-Instituts daran, der Krankheit mit toxikologischen Untersuchungen näher zu kommen. Der zwischenzeitlich aufgekommene Verdacht, Schimmelpilzgifte im Hausstaub könnten für den Ausbruch der Krankheit und die eigenartigen Veränderungen an den Atemwegen der Verstorbenen verantwortlich sein, hat sich nicht bestätigt. Die anderen chemischen Verbindungen, die die Spezialisten im Heim fanden, scheiden ebenfalls als Verursacher aus.

Pflegeberufsverbände hingegen sind skeptisch, da die Untersuchungen noch immer kein Ergebnis geliefert haben. Rolf Höfert, Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbandes (DPV), dringt auf eine schnelle Aufklärung der Todesumstände, denn "jeder Tote dort ist einer zu viel." Vorschläge zur Verbesserung der Situation in Pflegeheimen will der Verband erst machen, wenn die Verursacher der Missstände identifiziert worden sind.

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