Ärzte Zeitung, 04.11.2009

Der Anfang vom Ende des Zivis: Welche Einschnitte muss die Pflege verkraften?

Zum "Lerndienst" für junge Menschen soll der Zivildienst werden, wenn die Wehrpflicht auf sechs Monate verkürzt wird. Für den Einsatz der Zivis in den Pflegeeinrichtungen bedeutet das empfindliche Auswirkungen.

Von Rebecca Beerheide

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Zivildienstleistende entlasten Pflegekräfte in der zeitintensiven Betreuung von Alten und Kranken. Jetzt soll der Dienst verkürzt werden.

Foto: dpa

Das Bild vom "modernen, fürsorglichen Mann" sollen nach den Worten der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) die derzeit 76 084 Zivildienstleistenden prägen. Und wenn es nach den Plänen der Regierung geht, dann sind diese jungen Männer die vorletzte Generation, die neun Monate in sozialen Einrichtungen arbeiten. Ab 2011 soll der Wehrdienst auf sechs Monate verkürzt werden - mit massiven Auswirkungen auf den Zivildienst.

Die für den Zivildienst zuständige Familienministerin sieht in dem Plan keine Abwertung oder gar das Aus für den Zivildienst. "Diese jungen Männer sind nicht mehr wegzudenken aus den Altenheimen, den Behinderteneinrichtungen und den Krankenhäusern", sagte von der Leyen.

Diese Einschätzung teilt die Deutsche Krankenhausgesellschaft nicht. "Die Einarbeitung der Zivildienstleistenden lohnt sich für die Kliniken dann nicht mehr", sagt der Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft Moritz Quiske im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Man müsse sich vorstellen, dass das Pflegepersonal innerhalb von zwei Jahren vier Gruppen an neuen Mitarbeitern zu betreuen hätte. "Das ist ein hoher Zeitaufwand und von den fest angestellten Pflegern kaum zu leisten."

Außerdem werde die Arbeit der Zivildienstleistenden deutlich abgewertet, so Quiske. "Spritzen einsortieren, Mullbinden stapeln oder Laborberichte tragen - mehr als einfache Hilfstätigkeiten sind dann nicht mehr möglich." Der Einsatz im Rettungsdienst, den zum Beispiel das Rote Kreuz oder die Caritas betreibt, sei bei einer Verkürzung auf sechs Monate kaum möglich.

Ähnlich sieht dies auch Rolf Höfert, Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbands (DPV). "Die patientenorientierte Begleitung fällt für die Zivildienstleistenden weg", sagt Höfert der "Ärzte Zeitung". Die Verkürzung des Zivildienstes sei fatal, besonders für die Patienten: Pflegebedürftige Menschen müssten sich ständig auf wechselnde Betreuer einstellen -  gerade hier sei das Sicherheitsgefühl und das Vertrauen der Patienten die Basis des täglichen Zusammenseins.

Auch in den Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderung leben, sind Zivis eine Unterstützung für die hauptamtlichen Pfleger. "Rechnet man zwei Monate für Einarbeitung, Seminare und Urlaub ab, sind die jungen Menschen noch vier Monate bei uns", sagt der Bundesvorsitzende der Lebenshilfe Robert Antretter im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Das reiche nicht aus, um sinnvoll mit den Behinderten zu arbeiten. "Ich glaube, dass sich die Gesellschaft ändern wird, wenn diese Beziehungen zwischen Behinderten und jungen Menschen, die sonst nicht entstanden wären, wegfallen", so Antretter.

Der Plan der Bundesregierung kommt für viele Sozial-Verbände überraschend. Bisher haben 76 000 Zivildienstleistende gravierende Defizite in der Gesundheitspflege überdeckt - nun müsse schnell über ein Alternativsystem nachgedacht werden. Dabei stehe die Frage "Was ist uns die Versorgung der Kranken wert?" an vorderster Stelle, so Höfert vom Deutschen Pflegeverband. Dass Zivis bisher oftmals billige Arbeitskräfte waren, lässt Antretter von der Lebenshilfe nicht gelten: "Die wirtschaftliche Entlastung unserer Einrichtungen hält sich gesellschaftspolitisch die Waage."

Nun drängen beispielsweise die Arbeiterwohlfahrt (AWO) oder auch die Lebenshilfe auf eine Stärkung der freiwilligen Dienste. Junge Menschen, die ein freiwillig soziales, kulturelles oder ökologisches Jahr absolvieren, bekommen rund 400 Euro weniger Aufwandentschädigung als die, die eine Zivildienststelle haben. Außerdem gibt es nur eine begrenzte Anzahl der Stellen für einen freiwilligen Dienst. Daher will auch von der Leyen will über einen Ausbau nachdenken. Ihr Ministerium hat aus dem Jahr 2004 - damals noch unter der SPD-Ministerin Renate Schmidt - bereits ein Papier vorliegen, das die Zukunft des Zivildienstes umreißt. Darin heißt es unter anderem, dass der Strukturwandel im Zivildienst vor allem mit einer Kultur selbstständiger Freiwilligkeit entwickelt werden müsse. Außerdem stellt der Bericht fest, dass es bisher kaum Bedarfsprüfungen gegeben habe und so nicht nachgewiesen werden konnte, ob die "Dienstleistungen gerade von diesen und nicht anderweitig erbracht werden können."

Gleichzeitig dient der Zivildienst aber dazu, Nachwuchs für Pflegeberufe zu gewinnen oder der Ausschlaggeber für die Aufnahme eines Medizinstudiums zu sein. Wie viele tatsächlich in einen Pflegeberuf, ein Sozial- oder Medizinstudium wechseln, darüber gibt es keine Zahlen. Zur Lebenshilfe seien über den Zivildienst laut dem Bundesvorsitzenden Antretter über 2000 Menschen in die Einrichtungen gekommen. Im Familienministerium arbeitet man derzeit an einer Umfrage unter den Zivis, in welchen Beruf sie wechseln wollen. Ein Zwischenbericht soll kommende Woche vorgestellt werden.

Zivildienst

Der Zivildienst ist eng mit dem Wehrdienst verknüpft. Er wurde 1961 für Wehrpflichtige eingeführt, die den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigern. Anfangs dauerte er 15 Monate, Ende der 80er Jahre sogar 20. Damals legte ein Gesetz fest, dass der Zivildienst ein Drittel länger sein musste als der Wehrdienst. Zurzeit dauert beides neun Monate. Was mit ein paar hundert Einberufungen Anfang der 60er Jahre begann, steigerte sich auf Spitzenwerte von mehr als 130 000 in den Jahren 1997 und 2003. Im Durchschnitt des Jahres 2008 waren 88 149 "Zivis" im Einsatz, zwei Drittel davon im Sozialbereich. (dpa)

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