Ärzte Zeitung, 08.12.2009

Pflegefall Deutschland braucht Kind oder Geld

Prognosen zeigen, dass Deutschland vergreist. Was ist zu tun, damit Pflege auch morgen finanzierbar bleibt? Vorsorge - so die Antwort des Ökonomen Professor Hans Rothgang.

Von Thomas Hommel

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Großvater und Enkel: Umlagefinanzierte Sozialversicherungen geraten in Schieflage, wenn Nachwuchs ausbleibt.

Foto: imago

BERLIN. Eine zusätzliche private Pflegeversicherung auf Basis einkommensunabhängiger Kopfprämien ist vermutlich "der Weg, den die Koalition einschlagen wird", glaubt Professor Heinz Rothgang.

Der Gesundheitsökonom von der Universität Bremen sieht als Vorteil dieses Modells, dass die zusätzliche Belastung "mit einstelligen Euro-Beträgen anfängt, die dann jedes Jahr steigen", sagt er der "Ärzte Zeitung".

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, dass zusätzlich zur sozialen Pflegeversicherung eine kapitalgedeckte Säule aufgebaut wird. Diese soll "individualisiert und generationengerecht ausgestaltet sein", ist im Vertrag zu lesen. Allerdings würde das Kopfprämienmodell zwischen Einkommensgruppen über die Jahre "eine deutliche Umverteilung von unten nach oben bedeuten", gibt Rothgang zu bedenken.

Nach Ansicht des Ökonomen sollte deshalb eher darüber diskutiert werden, ob bei einer Pflicht zur Kapitaldeckung die Zahl der eigenen Kinder berücksichtigt werden soll. Vorsorge für den Fall der Pflegebedürftigkeit könne man durch Kinder treffen, die später für die Elterngeneration sorgen, oder durch die Ansammlung von Kapital.

Beide Vorsorgeformen seien als gleichwertig anzusehen, so Rothgang: "Ob gewollt oder ungewollt: Wer keine oder weniger Kinder erzieht, trägt nicht oder nur in geringem Maße zur Humankapitalbildung bei. Er muss dann vorsorgen, indem er Finanzkapital bildet." Den Bürgern müsse vermittelt werden, dass es "Pflege zum Nulltarif nicht gibt".

Allerdings lässt der Koalitionsvertrag noch viele Fragen unbeantwortet. Etwa die, ob der geplante Kapitalstock ein Teil der sozialen Pflegeversicherung sein soll oder ob die zusätzliche Vorsorge auf die Privatassekuranz verlagert wird. Weiteres Problem: Wenn junge Versicherte individualisiert sparen für den Pflegefall, dann füllt dies in dieser Dekade noch nicht die Pflegekassen, zusätzliches Kapital steht nicht zur Verfügung.

Die Rürup-Kommission, erinnert Rothgang, habe daher vor Jahren schon einen Zusatzbeitrag für Rentner vorgeschlagen. Das würde den Pflegekassen ad hoc mehr Geld bescheren. Jüngere könnten dann zu einer Art "Pflege-Riester" verpflichtet werden. Vermutlich wäre der politische Widerstand bei dieser Variante aber gewaltig: "Natürlich ist die Frage berechtigt, ob man gerade Rentnern den Zusatzbeitrag zumuten kann", sagt Rothgang.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Zwei Wege zur Pflegevorsorge

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