Ärzte Zeitung, 06.09.2010

Verbände kontra Merkel: Bezieher von Hartz IV lösen Pflegekräftemangel nicht

Hartz-IV-Empfänger als Lösung des Pflegekräftemangels? Berufsverbände sind entsetzt über einen entsprechenden Vorschlag der Bundeskanzlerin.

Verbände kontra Merkel: Bezieher von Hartz IV lösen Pflegekräftemangel nicht

Arbeitslose in Pflegeeinrichtungen schicken? Berufsverbände bezweifeln, dass sich das Problem des Fachkräftemangels auf diese Weise lösen lässt.

© dpa

BERLIN (hom). Mit scharfer Kritik haben Vertreter von Pflegeverbänden auf den Vorschlag von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagiert, künftig verstärkt Empfänger von Arbeitslosengeld II (Hartz IV) in der Kranken- und Altenpflege einzusetzen. "Ich bin entsetzt über die Entgleisung unserer Kanzlerin, Hartz-IV-Empfänger als Lösung für den Personalmangel in der Pflege zu diskutieren", sagte der Präsident des Deutschen Pflegerats, Andreas Westerfellhaus, der "Ärzte Zeitung".

Der Vorschlag Merkels sei ein "Schlag ins Gesicht von 1,2 Millionen engagierten Pflegekräften, die eine harte Ausbildung durchlaufen, die sich weiterbilden und weit über ihre Belastungsgrenzen hinaus arbeiten". Von "politischen Hinterbänklern" sei er Empfehlungen dieser Art gewohnt. "Aber nicht von der Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland".

Der Chef des Deutschen Pflegeverbands, Rolf Höfert, nannte die Äußerungen Merkels einen "weiteren Beleg für mangelnde Wahrnehmung der wirklichen Probleme in der Pflege durch die Bundesregierung". In der Pflege würden nicht bloß Hände, sondern vor allem "qualifizierte Köpfe gebraucht". Beim Thema Ärztemangel käme auch niemand aus der Regierung auf die Idee zu empfehlen, "dass nur jede zweite Stelle von einem Arzt und nicht von Hartz-IV-Empfängern besetzt wird", so Höfert.

Merkel hatte in der "Bild am Sonntag" erklärt, bei mehr als zwei Millionen Hartz-IV-Empfängern, "die arbeitsfähig sind, aber keinen Job finden", sei nicht einzusehen, dass Pflegekräfte künftig nur noch aus Osteuropa kämen. Experten gehen davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren bis zu 300 000 zusätzliche Pflegekräfte in Deutschland nötig sind, um den wachsenden Pflegebedarf abdecken zu können.

Der Präsident des Verbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), Bernd Meurer, erklärte, eine „Zwangsverpflichtung“ von Arbeitslosen sei der „falsche Weg und löst die Probleme nicht“. Die Pflege alter, kranker und gebrechlicher Menschen erfordere „Motivation, Fachkenntnis und persönliche Eignung“. Dies gelte für einheimische wie ausländische Arbeitskräfte, so der bpa-Chef. Der Verband vertritt bundesweit rund 6500 ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »