Ärzte Zeitung, 25.09.2012

Demenz

Beratung soll Angehörige entlasten

Leidet ein Angehöriger an Demenz, hat das Auswirkungen auf das Familienleben. In Nordrhein-Westfalen wurde jetzt der Einsatz speziell ausgebildeter Gesundheitsberater erprobt.

Von Jonas Tauber

Gezielte Beratung wirkt bei Demenz entlastend

Fotos gucken kann helfen, das Erinnerungsvermögen von Demenzpatienten zu testen. Bei der Betreuung zuhause ist Hilfe willkommen.

© Gina Sanders / fotolia.com

KÖLN. Geschulte Gesundheitsberater können Familien entscheidend entlasten, die erstmals mit der Diagnose Demenz für einen Angehörigen konfrontiert sind.

Das ist ein wesentliches Ergebnis des Modellprojekts "Entlastungsprogramm bei Demenz II" (EDe II). Die Projektbeteiligten fordern, dass die zugehende Fachberatung als zentrales und steuerndes Element anerkannt und von den Pflegekassen finanziert wird.

Geschulte Gesundheitsberaterinnen besuchten für EDe II über 100 Familien aus dem Kreis Minden-Lübbecke mit einem demenzerkrankten Angehörigen der Pflegestufe 0 in den eigenen vier Wänden.

In der ersten Projektphase EDe I von 2006 bis 2009 waren rund 300 Familien mit einem Erkrankten der Pflegestufen eins bis drei beraten worden. Ziel des Projekts waren Vorschläge für die Weiterentwicklung der Pflegeversicherung.

Es wurde vom GKV-Spitzenverband finanziert, Träger war PariSozial Minden-Lübbecke, ein zum Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW gehörender Dienstleister.

Berater hören zu und bieten Hilfe an

"Eine zentrale Erleichterung für die Angehörigen war, dass sie endlich mit einer qualifizierten Person über die Krankheit und den Umgang mit ihr sprechen konnten", berichtet Ursula Laag über Erfahrungen aus EDe II.

Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln.

Betroffene Angehörige brauchen demnach einen angeleiteten Dialog über die Erkrankung, weil sie dazu neigen, sie innerhalb der Familie und im sozialen Umfeld zu tabuisieren.

Damit die zugehende Beratung funktioniert, müssen qualifizierte Pflegefachkräfte sie übernehmen, sagt Laag. Außerdem habe sich bewährt, dass sich die Beraterinnen über Fallkonferenzen und Gespräche mit Supervisoren ständig weiterbilden, sagt sie.

In den Fallkonferenzen konnten sie Schwierigkeiten ansprechen und Lösungsvorschläge von Kolleginnen einholen. Bei persönlichen Belastungen standen Supervisoren für ein Gespräch bereit.

Hilfebedarf wird genau ermittelt

Die Betroffenen und ihre Familien forderten bei der Beratung vor allem Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags ein. Die Beraterinnen sprachen mit ihnen über Entwicklung und Folgen der Krankheit und gaben Tipps für den Umgang mit konkreten Problemen.

Außerdem ermittelten sie den Bedarf an unterstützenden Maßnahmen und klärten über vorhandene Angebote wie Tagespflege für Betroffene oder Schulungen für pflegende Angehörige auf.

Der Zugang zur Zielgruppe gestaltete sich nach Angaben von Laag schwierig, weil Betroffene und Angehörige in frühen Krankheitsphasen oft Scheu davor haben, öffentlich über die Krankheit zu sprechen.

Dazu kommt, dass sie die zuständigen Ansprechpartner selten kennen. Rund ein Drittel der Teilnehmer kam über die Vermittlung von Medizinern zu EDe II.

"Einige Ärzte haben mit Patienten, bei denen es Hinweise auf Demenz gab, einen Diagnostiktermin vereinbart und das mit uns koordiniert, so dass wir eine unserer Beraterinnen hinschicken konnten", sagt Laag.

Bei der Diagnose Demenz konnte die Beraterin direkt im Anschluss ein erstes Gespräch anbieten.

Neben der zugehenden Fachberatung als Regelleistung für Demenzerkrankte fordern dip und PariSozial, dass die vom Sozialgesetzbuch vorgesehenen Leistungen für Demenzerkrankte und Betroffene zu einer "Programmleistung Demenz" gebündelt werden.

"Im Moment ist es so, dass die Leistungen unverbunden neben einander stehen", sagt Laag. Viele Angehörige wüssten deshalb nicht, was ihnen zusteht.

www.projekt-ede.de

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