Ärzte Zeitung, 24.10.2012

Gewalttätige Bedürftige

Jeder zweite Pflegende wird angegriffen

Beschimpfungen, Drohgebärden, Schläge und Kratzen: Gerade die Mitarbeiter in der stationären Altenpflege werden häufig Opfer von Gewalt, die von Bedürftigen ausgeht. Die Ergebnisse einer Umfrage zeigen, wer wann und wo am meisten einstecken muss.

Jeder zweite Pflegende wird angegriffen

In einer direkten Pflegesituation kommt es zu den meisten aggressiven Reaktionen - zum Beispiel beim Anziehen.

© GranAngular/ imago

HAMBURG (St). Bedrohung und Gewalt durch Patienten und Pflegebedürftige sind für Arbeitnehmer im Gesundheits- und Versorgungsbereich keine Seltenheit.

Die meisten haben Erfahrungen mit derartigen Ereignissen, jeder Dritte leidet schwer unter dieser Last. Das hat jetzt eine retrospektive Querschnittsstudie in 39 deutschen Einrichtungen ergeben.

Anja Schablon und ihre Kollegen von der Universität Hamburg-Eppendorf haben die Häufigkeit solcher Attacken sowie deren Folgen für die Angegriffenen untersucht.

Hierzu befragten sie 1973 Beschäftigte deutscher Gesundheits- und Fürsorgedienste, darunter sechs Einrichtungen für Behinderte, sechs Krankenhäuser und 27 geriatrische Pflegeeinrichtungen für stationäre und ambulante Patienten.

46 Prozent der Teilnehmer waren Krankenschwestern, nahezu die Hälfte aller Befragten war bereits mehr als 15 Jahre in ihrem Beruf tätig (BMJ Open 2012; 2:e001420).

Jüngere Pflegekräfte häufiger attackiert

78 Prozent der Arbeitnehmer gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Verbalattacken der von ihnen Betreuten ausgesetzt gewesen zu sein.

In Wohnheimen von Menschen mit Behinderungen erlebten die Angestellten diese Form der Aggressivität ganz besonders häufig (86 Prozent).

Aber auch mit physischer Gewalt hatte mehr als jeder Zweite (56 Prozent) Erfahrungen gemacht, 44 Prozent sogar mindestens einmal pro Monat.

Die meisten tätlichen Angriffe ereigneten sich in stationären Einrichtungen der Altenpflege (63 Prozent). Dabei hatten Jüngere ein fast doppelt so hohes Risiko, körperlich attackiert zu werden, wie ältere Pflegekräfte.

Die meisten aggressiven Reaktionen entwickelten sich in einer direkten Pflegesituation, etwa beim Duschen oder beim Anziehen.

Im Falle einer Attacke wurden meist verbale Beruhigungsversuche unternommen. In Kliniken kamen häufig auch Medikamente zum Einsatz und Kollegen eilten zu Hilfe. In einigen Fällen musste aber auch die Polizei alarmiert werden.

Es fehlt offenbar an erfahrenem Personal

Die meisten Betroffenen reagieren verärgert auf die Angriffe. Häufig machen sich Enttäuschung, Selbstzweifel oder Hilflosigkeit breit.

Aber auch Angst und psychische Erkrankungen bis hin zum Burnout können auftreten.

Etwa jeden dritten Befragten belastet die Gewalt sehr, die ihm in seinem Arbeitsalltag widerfährt. 65 Prozent gaben an, Unterstützung von den Kollegen zu erfahren, aber nur 27 Prozent fühlen sich von ihrem Arbeitgeber gut auf derart schwierige Situationen vorbereitet.

Ein Grund für die häufige Aggression ist vermutlich die steigende Zahl von Demenz-Patienten, so die Autoren. Hier fehlt es aber offenbar unter anderem an erfahrenem Personal.

Denn die Studie zeigt auch: Je besser die Angestellten geschult waren und je mehr Unterstützung sie für den Umgang mit aggressiven und gewalttätigen Patienten oder Klienten erhielten, desto geringer war ihr Risiko für verbale oder körperliche Attacken.

Quelle: www.springermedizin.de

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Wohin mit all der Aggression?

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »