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Ärzte Zeitung, 18.12.2012

Wohnen für Demenzpatienten

Schräge Teller und die Klingelmatte

Es gibt immer mehr Menschen mit Demenz - entsprechende Wohnungen aber nur wenige. Ein Blick in ein Muster-Zuhause.

Von Dirk Schnack

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Die Musterwohnung Demenz in Norderstedt: Auf den ersten Blick eine normale Wohnung für alte Menschen.

© Dirk Schnack

NORDERSTEDT. Schwarzweiß-Fotos an den Wänden erinnern an vergangene Tage. Neben dem Sofa liegt die Illustrierte mit Geschichten über den Adel.

Die Wohnung im Norderstedter Kirchenweg stimmt bis in kleinste Details mit den vier Wänden von Millionen Rentnern in Deutschland überein - sie ist eine Musterwohnung.

Aber eine Musterwohnung für Menschen mit Demenz, wie man auf den zweiten Blick sieht. Große Piktogramme auf den Schränken zeigen, wo sich das Geschirr verbirgt. Alles in der Wohnung ist kontrastreich, damit es besser zu unterscheiden ist.

Teller sind abgeschrägt, so kann die Suppe leichter ausgelöffelt werden. Vor dem Bett liegt eine Klingelmatte, damit Angehörige wissen, wann der alte Mensch aufsteht, überall sind Handläufe angebracht.

Auf reflektierende Bodenbeläge wird verzichtet - sie lösen bei dementen Menschen Angst aus. Dies sind nur einige Beispiele, die dementen und zum Teil auch nicht erkrankten Senioren das Wohnen in den eigenen vier Wänden erleichtern.

Eingerichtet haben die 120 Quadratmeter große Wohnung mit Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Bad die Alzheimer Gesellschaft und das Kompetenzzentrum Demenz Schleswig-Holstein.

Hier wird ehrenamtlichen Wohnraumberatern gezeigt, was bei einer Einrichtung für Demenzerkrankte bedacht werden muss.

Obwohl die Mehrzahl alter Menschen in der eigenen Wohnung lebt, sind diese meist nicht altersgerecht ausgestattet. Dies hat zur Folge, dass vermeidbare Unfälle passieren oder die Bewohner vorzeitig in ein Pflegeheim umziehen, weil sie sich das Alleinleben nicht zutrauen.

Netzwerk ehrenamtlicher Wohnberater

Die Alzheimer Gesellschaft und das Kompetenzzentrum sehen darin einen deutlichen Verlust an Lebensqualität und teils auch der eigenen Persönlichkeit.

"Von bundesweit elf Millionen Wohnungen und Häusern sollten 2,5 Millionen angepasst und sicher ausgestattet sein. Es sind aber nur 175.000", hieß es zur Eröffnung der Musterwohnung.

Dass die im Norden steht, ist kein Zufall. Schleswig-Holstein ist das Bundesland mit der höchsten stationären Versorgungsquote in der Pflege. Bundesweit liegt diese nach Angaben der Initiatoren bei 30,7 Prozent, im Norden dagegen bei 40,5 Prozent.

Die Politik ist von dem Projekt überzeugt: Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) sprach zur Besichtigung in Norderstedt von einem "lebensbejahenden Projekt", das vielen Menschen helfen wird. Eine Förderung des Bundesfamilienministeriums ermöglicht den Initiatoren eine geringere Mietbelastung.

Parallel zur Einrichtung der Wohnung hat das Kompetenzzentrum landesweit mit dem Aufbau eines Netzwerks ehrenamtlicher Wohnraumberater begonnen. In allen Kreisen werden dafür Freiwillige in einem einwöchigen Seminar qualifiziert.

In Norderstedt folgt nach der Theorie ein Praxistag in der Musterwohnung. Dort erproben sie mithilfe von Alterssimulationsanzug, Gehhilfe, Rollator und Rollstuhl verschiedene Barrieren und Schwierigkeiten von Senioren.

Bislang sind in der ehrenamtlichen Hilfe für alte Menschen vorwiegend Frauen aktiv. Mit dem neuen Modul hoffen die Initiatoren, auch viele Männer anzusprechen.

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